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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.06.2006

Iranischer Neorealismus
Karin Effing

Jafar Panahis einfĂŒhlsamer Film "Offside" - im Stil einer Dokumentation - zeigt weibliche Fußballfans im Iran, die mit allen nur erdenklichen Tricks versuchen, ins verbotene Stadion zu gelangen





"Vor acht Jahren schlug der Iran Australien und qualifizierte sich fĂŒr die Weltmeisterschaft. Als die Spieler zurĂŒck nach Hause kamen, wurden sie von der Bevölkerung begeistert empfangen. FĂŒr Frauen ist im Iran der Besuch von Sportarenen verboten. Diesmal jedoch wurde ihnen erlaubt, die RĂŒckkehr der Spieler zu feiern. FĂŒnftausend Frauen kamen und betraten das Stadion - was zu vielen Diskussionen fĂŒhrte, warum Frauen ĂŒberhaupt ausgeschlossen werden. Ich erinnere mich, damals den Artikel eines Sportjournalisten gelesen zu haben, der sich damit befasste, dass schon im alten Griechenland Frauen mit diesem Problem zu kĂ€mpfen hatten. 500 v. Chr. mussten Frauen sich als MĂ€nner verkleiden, um ihre Söhne, die Sporthelden waren, anfeuern zu können. Ob das nun stimmt oder nicht, es brachte mich auf erste Ideen zu diesem Projekt."
Jafar Panahi

Sechs iranische MĂ€dchen versuchen auf sechs Wegen und in sechs verschiedenen und einfallsreichen Tarnungen ins Fußballstadion zu gelangen, um das entscheidende Spiel Iran gegen Bahrain im Juni 2005 zu sehen. Trickreich mĂŒssen sie sein, denn aufgrund ihres Geschlechts ist es ihnen verboten, das Fußballstadion zu betreten. BegrĂŒndung: das Fluchen der MĂ€nner im Stadion sei nichts fĂŒr Frauen.

Das filmische Meisterwerk Offside in der Regie des iranischen Regisseurs Jafar Panahi kommt wie ein Dokumentarfilm daher. Das zeigt sich auch im Versuch, die Einheit der Zeit einzuhalten und im Verzicht auf eine Allegorisierung und Überhöhung der Figuren sowie der Geschehnisse. Panahi beschrĂ€nkt sich viel mehr auf die Beobachtung der Beteiligten. Auf ihre AlltĂ€glichkeit, auf ihre menschlichen SchwĂ€chen und Eigenheiten.

Anfangs begleiten wir eines der MĂ€dchen auf ihrem Weg zum Stadion in einem Bus, der die lauten und in Vorfreude schwelgenden Fußballfans transportiert. Chaotisch und lebensfroh droht das GefĂ€hrt sein Ziel wegen Auseinandersetzungen zwischen den MĂ€nnern nicht zu erreichen, denn dem Busfahrer wird es zuviel und er verlĂ€sst seinen Arbeitsplatz. Wird dann jedoch von einer lautstarken Fangemeinde zum Weiterfahren ĂŒberredet. Nur einer passt nicht so richtig ins Geschehen. Oder ist das gar kein Junge, sondern ein MĂ€dchen?

TatsĂ€chlich ist es einer der weiblichen Fans, die sich als Mann verkleidet hat, um vielleicht auf diesem Weg in Stadion zu gelangen. Sie wird jedoch "entlarvt" und am Rande des Stadions, außerhalb des Sichtfeldes aufs Spiel, in eine Art Gehege mit anderen MĂ€dchen gesteckt. Nur die dilettantischen Kommentare eines der WĂ€rter ermöglicht es ihnen, das Geschehen auf dem Rasen zu verfolgen.

Höhepunkte des herausragenden Filmes sind die Interaktionen zwischen den Gefangenen und ihren Bewachern. Warum sie nicht ins Stadion dĂŒrfen, fragen die MĂ€dchen diese. Und die Bewacher haben keine wirklichen Antworten parat, auch weil sie mit ihren eigenen Problemen beschĂ€ftigt sind. Kein Wunder, denn sie sind kleine Leute, die sich ihre Rolle nicht ausgesucht haben.

Die StĂ€rke des Films ist es, diese ganz normalen Menschen zu zeigen. Junge Frauen, die auf ihre Weise Diskriminierung untergraben - nicht weil sie Heldinnen sein wollen, sondern einfach, weil sie ein Fußballspiel sehen wollen. Und Vollstrecker eines ungerechten Systems, die sich weder dieses System, noch dessen Regeln ausgedacht und ausgesucht haben und wie ganz normale Menschen, mit Widerstand oder Infragestellung ĂŒberfordert sind, ohne jedoch dabei unmenschlich oder brutal zu agieren.

Offside ist auch ein Film ĂŒber die Ideen von MĂ€nnlichkeit, die als eine Art Rowdytum definiert wird - oder doch wenigstens als Neigung dazu. MerkwĂŒrdigerweise ohne dass diese wenig schmeichelhafte Definition in Frage gestellt wird oder auf Ablehnung stĂ¶ĂŸt. Als wĂ€re MĂ€nnlichkeit eine Art angeborene UnfĂ€higkeit, sich sozial und gesittet zu benehmen.

Offside wurde bei den 56. Internationalen Filmfestspielen Berlin mit dem Silbernen BĂ€ren ausgezeichnet.

Regisseur:
Jafar Panahi
wurde 1960 in Mianeh, Iran, geboren. Er gilt als einer der wichtigsten unabhĂ€ngigen Filmemacher seines Landes, sein Stil wird oft als iranischer Neorealismus beschrieben. Er studierte in den 1980er Jahren in Teheran Film- und Fernsehregie. Nach einigen Fernseharbeiten und Kurzfilmen war er Assistent des wichtigen iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami. Schon sein DebĂŒtfilm Der weiße Ballon (The white Balloon) wurde auf dem Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1995 ausgezeichnet. Seine weiteren Filme Der Spiegel (The mirror) und Der Kreis (The circle) wurden ebenfalls auf bedeutenden Festivals ausgezeichnet

AVIVA-Tipp: Offside von Jafar Panahi startet in Deutschland gerade zur rechten Zeit. Mit steigender Fußballbegeisterung in der Stadt und im ganzen Land bietet das Kino mit diesem großartigen, warmen und humorvollen Film sowohl den Fans als auch den AbstinentInnen (und HerrenfußballhasserInnen) ein herausragendes cineastisches Erlebnis. EindrĂŒcklich, unterhaltend, gewitzt und von tiefer HumanitĂ€t geprĂ€gt gehört dieser Film zur Riege der Besten.


Offside
Iran 2006, 88 min.
Produktion, Schnitt, Regie: Jafar Panahi
Buch: Jafar Panahi, Shadmehr Rastin
DarstellerInnen: Sima Mobarak Shahi, Safar Samandar, Shayesteh Irani, M. Kheyrabadi, Ida Sadeghi, Golnaz Farmani, Mahnaz Zabihi, Nazanin Sedighzadeh
Kamera: Mahmood Kalari
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 29.06.06


Kultur Beitrag vom 29.06.2006 AVIVA-Redaktion 





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