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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.09.2006

Hasenjagd
Jana Muschick

Wozu ist der Mensch fĂ€hig, im Guten wie im Bösen? Hasenjagd zeigt in klaren Bildern die Schrecken des Nationalsozialismus und die Aussichtslosigkeit des Überlebens nach der Flucht aus dem KZ.



Im Konzentrationslager Mauthausen findet im Februar 1945 ein Aufstand von 500 Kriegsgefangenen statt. Inhaftiert sind HÀftlinge, die sich weigerten, an der Seite der deutschen Wehrmacht zu kÀmpfen. Die russischen MÀnner warteten hier auf ihre Exekution, weil sie die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg abgelehnt haben.
Sie wollten ihr Land nicht verraten. Im Wissen um ihren sicheren Tod wagen sie den Ausbruch. Mit nassen Decken schließen die Gefangenen den Strom der StacheldrĂ€hte kurz und flĂŒchten ĂŒber die Mauern. WĂ€hrend der Flucht werden die WachtĂŒrme mit Feuerlöschern, KohlestĂŒcken und Holzschuhen attackiert.
150 HĂ€ftlingen gelingt die Flucht - die anderen werden gnadenlos erschossen.

Noch in derselben Nacht ruft die SS die Bevölkerung dazu auf, "die Kzler zu jagen wie die Hasen". Nur neun Gefangene ĂŒberleben die Flucht. Zwei der GeflĂŒchteten (Oliver Broumis, Merab Ninidze) werden von einer BĂ€uerin (Elfriede Irrall) versteckt. Sie selbst hat ihre Söhne an die Front ziehen sehen und nimmt die Verantwortung fĂŒr sich, ihre Familie und die beiden Russen auf sich. Von diesen beiden jungen MĂ€nnern erzĂ€hlt der Film von Andreas Gruber in "Hasenjagd".

Die Verfilmung, die auf einer wahren Begebenheit beruht, zeigt mit erschreckenden Bildern die Mordlust der Bevölkerung im Gruppenwahn. Die FlĂŒchtlinge werden gesammelt, an die Wand gestellt, erschossen. Es scheint, dass die JĂ€ger wie im Blutrausch agieren - sie ermorden MĂ€nner, die ihnen kein Leid zugefĂŒgt haben, die sie nicht kennen. Befehl ist Befehl und der soll ohne Ausnahme ausgefĂŒhrt werden.

Die Kamera von Hermann Dunzendorfer fĂ€ngt beeindruckend den Schrecken der Stille ein. Die GerĂ€uschlosigkeit ist das stĂ€rkste dramaturgische Mittel des Films. Die ZuschauerIn vernimmt nur die leisen GerĂ€usche des Versteckens: das Rascheln von Stroh im Heuhaufen als geringer Schutz vor den Suchenden. Das Knistern der Stoffe, welche die frierenden FlĂŒchtlinge nur notdĂŒrftig vor der KĂ€lte schĂŒtzen. Trockene Haut, blutende FĂŒĂŸe, Atem, der ganz unterdrĂŒckt arbeitet. Im Kontrast zu der Grabesstille lassen die SchĂŒsse auf die ausgehungerten MĂ€nner die winterliche Welt von Mauthausen erbeben. Fleischer, BĂ€cker und Polizisten werden zu Mördern, ohne sich auch nur der geringsten Schuld bewusst zu sein. Kein Hinterfragen des Auftrags, kaum Verweigerung - alles lebt in Angst vor der SS und vor den Mitteln, die sie fĂŒr die ZurĂŒckhaltung am Mord anwenden.

Als der FrĂŒhling kommt, werden die blutverschmierten WĂ€nde, vor denen die FlĂŒchtlinge erschossen wurden, wieder geweißt. Es soll so aussehen, als sei nichts geschehen. Die Sonne schmilzt das Eis. Der Frieden kommt nach Deutschland. Trotzdem kann die scheinbare Idylle die Schrecken der vergangenen Monate nicht ĂŒbertĂŒnchen.

Andreas Grubers Hasenjagd erhielt den Spezialpreis der Jury in San Sebastian. Außerdem den Preis der Filmkritik von Amiens und den Publikumspreis der Diagonale.

AVIVA-Tipp: Ein wichtiger Film. Neben all den flachen Komödien und platten Spielfilmen, die nichts aussagend und dumm sind, ist Hasenjagd endlich ein bedeutendes StĂŒck. Es zeigt mit wenigen Worten den Schrecken der Gefangenen, die im KZ wie Vieh gehalten und dort elendig ermordet wurden. Die Bilder, die mit Blut, Leichen und dem entsetzlichen Sterben der FlĂŒchtlinge im Gegensatz zu dem reinen Schnee einen starken Kontrast aufzeichnen, werden der ZuschauerIn noch lange Zeit zum Nachdenken geben.


Hasenjagd
Andreas Gruber

DarstellerInnen: Elfriede Irrall, Rainer Egger, Oliver Broumis, Kirsten Nehberg, Thierry van Werveke Merab Ninidze
103 min + 60 min Extras, Farbe
Österreich, Deutschland, Luxemburg 1994/1995
FSK: 16 Jahre
URL:
ISBN: 3-89848-082-8
EAN: 4-021308-880824
Preis: 14,90 Euro


Kultur Beitrag vom 09.09.2006 Jana Muschick 





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