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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 27.06.2012

Der SeidenfÀcher. Ein Film von Wayne Wang nach einem Roman von Lisa See. Kinostart: 28. Juni 2012
Ulrike Wagener

Im Shanghai der 90er Jahre schwören sich zwei junge MÀdchen ewige Freundschaft. Doch ihre unterschiedliche soziale Stellung, die Karriere und ihr eigener Stolz gefÀhrden ihren Schwur. Sie folgen...



... der Spur ihrer weiblichen Ahnen und suchen nach der Bedeutung inniger Liebe zwischen Schwestern.

Sophia (Gianna Jun) steht am Rande einer vielbefahrenen Straße. Autos rasen an ihr vorbei. Sie versucht verzweifelt ihre beste Freundin Nina (Bingbing Li) zu erreichen. Der Anruf bleibt unbeantwortet.
Mit dieser Szene beginnt "Der SeidenfĂ€cher". Der nĂ€chste Anruf erreicht Nina vom Krankenhaus. Sophia liegt im Koma. Als SchĂŒlerinnen schlossen die beiden jungen Frauen einen Schwur, sich niemals zu trennen. Sie wurden Laotongs, Schwestern im Geiste. Doch seit einem Streit vor sechs Monaten haben die beiden nichts mehr voneinander gehört. Nina versucht nun die letzten Monate der Freundin zu rekonstruieren. Keine leichte Aufgabe. Sophias Stiefmutter lebt in den Ruinen ihres vormals stattlichen Hauses und hatte seit Jahren keinen Kontakt zu der Tochter ihres verstorbenen Mannes. Verbittert und im Jogginganzug weist sie die ehemalige Mandarin-Lehrerin ihrer koreanischen Stieftochter ab.

Ein Manuskript taucht auf und verschafft Klarheit. Anstelle der betagten Lily (Bingbing Li) als ErzĂ€hlerin in Lisa Sees Roman tritt hier die junge Frau. Sie erzĂ€hlt die Geschichte des geheimen FĂ€chers im China des 19. Jahrhunderts und damit auch die Geschichte von Lily und Snowflower (Gianna Jun) aus heutiger Sicht. Der Film nimmt uns mit auf die Reise in die Vergangenheit. Der chinesisch-amerikanische Regisseur Wayne Wang arbeitet hier mit sehr krĂ€ftigen, satten Farben und klaren Strukturen, die fast schon an ein TheaterstĂŒck erinnern lassen. Die schlichten und direkten Bilder erzĂ€hlen uns die Geschichte der beiden MĂ€dchen. Sie wurden am gleichen Tag geboren und bekamen im Alter von sieben Jahren ihre LotusfĂŒĂŸe. Einem jahrhundertealten Schönheitsideal entsprechend wurden dafĂŒr MĂ€dchen die FĂŒĂŸe gebrochen, eingebunden, und in kleine Schnabelschuhe eingepasst, um kĂŒnftigen EhemĂ€nnern UnterwĂŒrfigkeit zu symbolisieren. Damit wurden sie zu Schwurschwestern, deren Schicksale von nun an bis in alle Zeiten miteinander verknĂŒpft sind. Isoliert und einsam in ihren jeweiligen Ehen kommunizieren sie miteinander, indem sie sich in einer Geheimschrift fĂŒr Frauen namens "Nu Shu" zwischen den Falten eines weißen SeidenfĂ€chers schreiben.

Über Sophias Manuskript lĂ€sst Wayne Wang die alte Geschichte zu einer Metaebene werden, in der die Probleme und Fragen im Hier und Jetzt gespiegelt werden. Sie wird so zum Zentrum fĂŒr die kritischen Auseinandersetzung der beiden modernen jungen Frauen mit sich selbst.
Auf der Handlungsebene des modernen Shanghai bedient sich der Film Schnelligkeit und kalter Blautöne, um die pulsierende Großstadt zu symbolisieren. Doch innerhalb der gegensĂ€tzlichen Kulissen taucht allmĂ€hlich die gleiche, eindringliche Botschaft auf, die mit einer Passage aus dem Nachwort von Sees Roman beschrieben werden könnte: "Auf der OberflĂ€che betrachtet sind wir modernen Frauen unabhĂ€ngig, frei und flexibel. Aber tief in unserem Herzen sehnen auch wir uns immer noch nach Liebe, Freundschaft, GlĂŒck und innerer Ruhe. Und danach gehört zu werden." Dieser Aspekt war ausschlaggebend fĂŒr Wangs Verfilmung. Die Parallelen zwischen den beiden Handlungsebenen und den emotionalen Anforderungen an die vier Frauen unterstreicht der Film geschickt durch die Doppel-Besetzung der beiden Hauptdarstellerinnen.

Die Schauspielerinnen lösen den Anspruch der Doppelrolle auf elegante Weise und geben den Zuschauenden dadurch die Möglichkeit die beiden HandlungsstrĂ€nge enger zu verknĂŒpfen. Die Frauen im Hier und Jetzt haben mit anderen Problemen zu kĂ€mpfen als ihre Urahninnen. Es geht nicht um RebellenĂŒberfĂ€lle oder KĂ€ltetode, sondern um die eigene Karriereplanung. Die Form ihrer FĂŒĂŸe spielen in den Liebesbeziehungen von Sophia und Nina keine Rolle mehr. Trotz all dieser Unterschiede gelingt es dem Film, die Parallelen zwischen den Jahrhunderten ins Bewusstsein zu rufen und nachdenklich zu machen.

AVIVA-Tipp: Mit eindrucksvollem Farbenspiel und faszinierenden Bildern wechselt "Der SeidenfĂ€cher" zwischen dem damaligen und dem heutigen China, den warmen Farben der traditionellen Dörfer und den kĂŒhlen Fassaden der pulsierenden Großstadt Shanghai. Doch ĂŒber aller VerĂ€nderung schwebt ein Appell fĂŒr die Liebe und die Freundschaft.

Zu den Hauptdarstellerinnen:

Jun Ji-Hyun alias Gianna Jun
wurde am 30. Oktober 1981 im sĂŒdkoreanischen Seoul geboren, wo sie spĂ€ter am Theater- und Filminstitut der Dong-Guk-UniversitĂ€t studierte. Ihre Karriere begann sie 1997 als Model fĂŒr das Magazin Ecole.
Nach Fernsehauftritten und Rollen in verschiedenen Kinoproduktionen gelang ihr 2001 der Durchbruch mit der Komödie "My Sassy Girl". Heute ist sie eine der erfolgreichsten und populÀrsten Schauspielerinnen Asiens und auch nach wie vor ein gefragtes Werbe-Model.
Sie lebt mit ihren Eltern in Seoul.

Bingbing Li wurde am 27. Februar 1973 in China geboren. UrsprĂŒnglich hatte sie nicht vor, Schauspielerin zu werden, sondern besuchte eine Schule fĂŒr angehende LehrerInnen. Nach ihrem Abschluss entdeckte sie ihr Interesse an der Schauspielerei und meldete sich auf das DrĂ€ngen eines Freundes 1993 am Shanghai Drama Institute an. Ihr LeinwanddebĂŒt gab sie mit Zhang Yuans "Seventeen Years". Mit der Hauptrolle in der Fernsehserie "Young Justice Bao" wurde sie schnell zu einer der berĂŒhmtesten Schauspielerinnen Chinas. Zu ihren weiteren Filmen gehören die romantische Komödie "Waiting Alone", "The Knot" und "The Forbidden Kingdom". "Der SeidenfĂ€cher" ist ihre erste englischsprachige Hauptrolle. Aktuell steht sie neben Milla Jovovich fĂŒr den neuen Teil der "Resident Evil" - Reihe vor der Kamera.
(Quelle: Senator Film Verleih)

Der SeidenfÀcher
Originaltitel: Snow Flower and the Secret Fan
China, USA/ 2011
Regie: Wayne Wang
Drehbuch: Angela Workman, Ron Bass, Michael K. Ray
DarstellerInnen: Bingbing Li, Gianna Jun, Russell Wong, Hugh Jackman, Archie Kao, Coco Chiang, Hu Qing Yun, Shi Ping Cao, Ruijia Zhang, Shouqin Xu, Feihu Sun, Zhong LĂŒ, Mian Mian, Yi-Ching Lu, Zhoubo Fang, Wu Jiang
Produktion: Wendi Deng Murdoch, Florence Low Sloan
AusfĂŒhrende Produktion: Hugo Shong
Kamera: Richard Wong
Schnitt: Deirdre Slevin
Musik: Rachel Portman
LĂ€nge: 104 Minuten
Kinostart: 28. Juni 2012
www.derseidenfaecher.senator.de

Weitere Informationen:

zur Frauenschrift Nushu

zum chinesischen Brauch der LotusfĂŒĂŸe

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lisa See – Der SeidenfĂ€cher

Kultur > Kino Beitrag vom 27.06.2012 AVIVA-Redaktion 





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