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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 24.04.2009

Ein Traum in Erdbeerfolie
Tatjana Zilg

Regisseur Marco Wilms ist in seiner Doku ├╝ber die Modeszene w├Ąhrend der Endzeit der DDR selbst mitten drinnen im Geschehen. Mit der offiziellen Arbeitserlaubnis als Model er├Âffnete sich ihm ...



... im Ost-Berlin der Achtziger Jahre eine neue Welt jenseits des sozialistischen Alltags.

Die Modewelt auf der anderen Seite der Mauer spaltete sich in einen staatlich anerkannten Bereich und in einen informellen Gegenspieler, der vom sozialistischen Regime argw├Âhnisch beobachte wurde.
Ein Hauptaugenmerk richtete sich dabei auf eine Ost-Berliner Underground-Gruppe, die unter dem Motto "Chic, charmant und dauerhaft" ihre phantasievollen Kreationen ├╝ber die Laufstege im kunstbeflissenen Prenzlauer Berg schickte. 1984 gegr├╝ndet eroberte sie sich schnell einen Freiraum, in dem Spontaneit├Ąt und ein wildes Lebensgef├╝hl ihren Ausdruck finden konnten.
Erst im Wohnzimmer, dann in architektonisch reizvolleren Umgebungen wie Kirchen und stillgelegten Gr├╝nderzeit-B├Ądern fanden jenseits des Kommerz die CCD - Modenschauen statt. Im Zentrum des Geschehens stand die Designerin Sabine von Oettingen, die der chronischen Materialknappheit der DDR tatkr├Ąftig die Stirn bot und aus Leder, Eingeweidet├╝ten, Erdbeerfolie und schwarz-wei├č-gestreiften Duschvorh├Ąngen ihre opulenten Gew├Ąnder schneiderte. Weitere Aktionen fanden im Rahmen der Modetheater-Gruppe "Allerleirauh" statt.

Zwei Jahrzehnte sp├Ąter blickt Marco Wilms, der als Model ├╝ber die offiziellen Laufstege lief und parallel dazu mit viel Elan in der Alternativ-Szene aktiv war, zur├╝ck auf seine kunterbunte Lebensphase mitten im grauen Alltag des Arbeiter- und Bauernstaates. Nach der Wende gelang ihm eine Karriere als Doku-Filmemacher, wodurch er f├╝r den cineastischen Blick auf die eigene Biographie viel Know How mitbrachte.
Er begab sich auf die Suche nach seinen damaligen Weggef├ĄhrtInnen und traf auf Pers├Ânlichkeiten, die aus dieser Zeit viel mitgenommen haben und fast alle heute noch in Berufen rund um die Alternativ-Modewelt t├Ątig sind.
Als er, inspiriert von seinem Erinnerungs-Trip, in seinen alten Klamotten st├Âberte und sich anschlie├čend in seiner wiederentdeckten, abgewetzten Lederjacke vor dem Spiegel drehte, vernahm er allerdings irritiert die Frage seines kleinen Sohnes: "Wohin ist die DDR eigentlich verschwunden?" Um die Erinnerungen wieder mehr ins Bewusstsein zu bringen, nahm er sich daraufhin vor, im Rahmen der Filmarbeiten eine Ostblockparty mit Retro-Modenschau zu organisieren. Gemeinsam mit Sabine von Oettingen geht er auf Erkundungstour durch die Marktvielfalt des Westens, doch nirgends ist der schwarz-wei├č-gestreifte Duschvorhang zu finden, der eine Hauptrolle in der Wiederbelebung der Oettinger Kost├╝me f├╝r die Ostblockparty spielen sollte. Dennoch, nach einigem Hin und Her gelang es dann doch, im Jahr 2008 f├╝r einen Abend das Lebensgef├╝hl von damals wiederzubeleben.

Insgesamt bietet die Dokumentation "Ein Traum in Erdbeerfolie" einen umfangreichen Einblick in unbekannte Seiten des DDR-Alltags und zeigt auf, wie ein restriktives System auf ungewollte Art Kreativit├Ąt und Phantasie f├Ârdern kann. Die ProtagonistInnen sahen es als Herausforderung, innerhalb der engen Strukturen au├čergew├Âhnliche Lebensentw├╝rfe zu realisieren, wobei ihnen auch eine gute Portion Gl├╝ck zu Hilfe kam. So begann Frank Sch├Ąfer seinen Aufstieg als Star-Friseur f├╝r die offizielle Modewelt der DDR als Maskenbildner-Lehrling, dem nur geringes Talent nachgesagt wurde. Das sah der Moderegisseur Klaus Ehrlich ganz anders und nahm ihn unter seine Fittiche. In seinem Team stieg Sch├Ąfer zum gefragten Stylisten auf. Bis heute ist er in diesem Metier aktiv und betreibt einen beliebten Szene-Friseursalon in Prenzlauer Berg. Durch seine delikaten Intimhaarfrisuren wurde er zum Dauergast im West-Fernsehen. Die Designerin Sabine von Oettingen lebt mittlerweile auf dem Land in einer eigenen M├╝hle und schneidert dort barocke Einzelst├╝cke, die sie unter anderem auf Kunstm├Ąrkten verkauft. Von der Modewelt v├Âllig verabschiedet hat sich der Fotograf Robert Paris, fr├╝her Hauptdarsteller des Modetheaters Allerleirauh und das Lieblingsmodel des Fotografen Sven Marquardt f├╝r dessen erotische Fotos. W├Ąhrend eines Indientrips lernte er seine jetzige Ehefrau kennen und entschied sich, nach Kerela auszuwandern und dort f├╝r seine k├╝nftige Familie ein Haus zu bauen.

AVIVA-Tipp: Neben den Interviews mit den Mode-RebellInnen und der Film-in-Film-Handlung ├╝ber die Vorbereitung zur CCD-Modeschau 2008 sowie etlichen Original-Videoaufnahmen aus den Achtzigern wurden 300 Fotos von Sven Marquardt, J├╝rgen Hochmuth, Robert und Helga Paris in den Dokumentarfilm integriert. Dadurch entsteht ein unterhaltsames und informatives Wechselspiel zwischen objektiven R├╝ckblicken und subjektiv gef├Ąrbten R├╝ckbesinnungen und Reflektionen. Ein "Ein Traum in Erdbeerfolie" wird so zu einem schillernden Pl├Ądoyer f├╝r ein Leben, das sich nicht nach vorgefertigten Schablonen richtet.

Ein Traum in Erdbeerfolie
Deutschland 2009
Buch und Regie: Marco Wilms
Mitwirkende: Frank Sch├Ąfer, Sabine von Oettingen, Robert Paris, Angelika Kroker, Klaus Ehrlich, Helga Paris, J├╝rgen Breski, Frieda von Wild, J├╝rgen Hohmuth
Verleih: Polyband
Laufl├Ąnge: 82 Minuten
Kinostart: 23. April 2009

Weitere Informationen zum Film:
www.polyband.de


Kultur > Kino Beitrag vom 24.04.2009 AVIVA-Redaktion 





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