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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 11.03.2014


Die Bücherdiebin. Kinostart: 13.03.2014
Philippa Schindler

Die Verfilmung des Jugendbuchs von Markus Zusak zeigt die Geschichte eines Mädchens, das intuitiv die richtigen Fragen stellt. Das Potential des Romans verliert sich jedoch im Geflimmer der Leinwand




Februar 1939: Die neunjährige Liesel Meminger (Sophie Nélisse) wird gemeinsam mit ihrem Bruder zu Pflegeeltern in die Nähe von München gebracht. Die beiden Kinder sollen dort für eine Weile Unterschlupf finden, denn ihre Mutter (Heike Makatsch) wird als Regimegegnerin von den Nazis verfolgt. Auf der Reise stirbt der bereits geschwächte Junge und Liesel kommt allein bei Hans (Geoffrey Rush) und Rosa Hubermann (Emily Watson) in der Himmelstraße an. Dort kann ihr erst der aufgeweckte Nachbarjunge Rudi Steiner (Nico Liersch) über Heimweh und Trauer hinweg helfen. Und mit der Unterstützung von ihrem "Papa" Hans beginnt die Analphabetin Liesel nun auch das Lesen zu lernen.

Als wenig später der Jude Max Vandenburg (Ben Schnetzer) vor der Tür der Familie steht, zögern die Hubermanns nicht lange. Sie nehmen den jungen Mann, trotz der großen Gefahr, bei sich auf und verstecken ihn im Keller des Hauses. Die Freundschaft, die sich bald zwischen Liesel und Max entwickelt, weckt in dem Mädchen die Liebe für das Wort. Von nun an versorgt sie sich mit immer neuem Lesestoff aus der Bibliothek des Bürgermeisters. So beginnt Liesel Memingers Karriere als "Bücherdiebin".

Markus Zusaks Roman erschien 2005 unter dem englischsprachigen Originaltitel "The Book Thief". Drei Jahre später wurde er auch hierzulande veröffentlicht und begeisterte die KritikerInnen mit seiner einfachen, aber ergreifenden Geschichte: Als ein "einmaliges Buch" wurde es in einem Beitrag des Deutschlandradio bezeichnet, die Zeitung Die Zeit sprach von ihm sogar als "Phänomen". Markus Zusak, Sohn von deutsch-österreichischen Eltern und aufgewachsen in Australien, kam schon früh mit Erzählungen über den Holocaust in Berührung. Diese Berichte verarbeitete er in der Geschichte der Bücherdiebin Liesel Meminger, eine Geschichte über herzzerreißendes Leid und Hoffnung, die in der Würde seiner ProtagonistInnen immer wieder aufzuflackern vermag.

In der Filmadaption lehnen sich der australische Drehbuchautor Michael Petroni und der britische TV-Regisseur Brian Percial inhaltlich stark an die Buchvorlage an. So bleibt der Tod die ironische, ja sarkastische Erzählstimme der Geschichte, er begleitet die Hauptfigur Liesel auf Schritt und Tritt. Konzeptuell folgen die beiden Filmemacher jedoch ganz anderen Maßstäben. Denn wenn die Rolle des Todes im Buch noch als kluge und narrative Feinheit daherkommt, erhält sie durch seinen effekthascherischen Einsatz im Film einen allzu bitteren Beigeschmack.

Ganz ähnlich ergeht es auch vielen Filmszenen in der "Bücherdiebin", die unter dem Vorwand einer historisch getreuen Nachbildung in einer absurden Übertreibung münden. Dieses Urteil trifft nicht nur auf die Tatsache zu, dass die Filmkulisse oft über und über mit Nazi-Fahnen behangen ist. Sie bestätigt sich auch bei der Darstellung der öffentlichen Bücherverbrennung, bei der die ganze Ortschaft voller Inbrunst das "Deutschland-Lied" singt. Als die Protagonistin Liesel Meminger im Anschluss ein verkohltes Buch aus dem glühenden Haufen rettet, erscheint dieser Akt nicht mehr als mutiges Aufbegehren – sondern ist auf der Leinwand zu rührseliger Überhöhung verkommen.

Dazu trägt auch die musikalische Begleitung der Szenen bei, die mit klavierlastigen Melodien und anschwellendem Trommelwirbel ganz klar Emotionen hervorrufen soll. Der Komponist John Williams wurde für diesen Beitrag sogar mit dem diesjährigen Oscar nominiert – eine Aussicht, die im Hinblick auf sein Können möglicherweise berechtigt gewesen sein mag. Doch im Film trägt er mit seinen üppigen Orchestrierungen mehr als einmal zu dick auf. So wie unter anderem in der Szene, in der sich Max bei einem Kontrollgang der Nazis unter einer Hakenkreuzfahne verstecken muss und um sein Leben fürchtet.

Der Film "Die Bücherdiebin" bleibt am Ende als hollywoodeske, wie unpassende Inszenierung zurück. Das Potential des Buches bleibt ungenutzt. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Historie gerät als bloße Filmkulisse in den Hintergrund des Geschehens.

AVIVA-Fazit: Schnell wird klar: Mit der Romanverfilmung "Die Bücherdiebin" soll emotionalisiert, nicht aufgeklärt, es soll vermarktet, nicht erinnert werden. Sie kann so in eine Reihe gerückt werden mit Filmen wie "Der Vorleser" und "Der Untergang".

Die Bücherdiebin
Originaltitel: "The Book Thief"
USA, Deutschland, 2013
Regie: Brian Percial
Drehbuch: Markus Zusak (Autor), Michael Petroni (Drehbuchadaption)
DarstellerInnen: Sophie Nélisse, Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer, Nico Liersch u.a.
Lauflänge: 131 Minuten
Kinostart: 13.03.2014
Verleih: 20th Century Fox
www.diebuecherdiebin-derfilm.de

Weitere Informationen:

Unter www.randomhouse.de wird Markus Zusek, Autor des gleichnamigen Romans, vorgestellt.

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Beitrag vom 11.03.2014

Philippa Schindler 






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