Das war die 72. Berlinale - Zum 7. Mal geht der Goldene Bär mit Carla Simón an eine Regisseurin, je einen Silbernen Bären erhielten Meltem Kaptan und Laila Stieler - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2022 - Beitrag vom 05.03.2022


Das war die 72. Berlinale - Zum 7. Mal geht der Goldene Bär mit Carla Simón an eine Regisseurin, je einen Silbernen Bären erhielten Meltem Kaptan und Laila Stieler
Sharon Adler, Helga Egetenmeier

Die AVIVA-Auswahl der Gewinner*innen, die Gender Evaluation der Berlinale und ein Statement zum Krieg gegen die Ukraine. Dass ein großes Filmfestival seine Bedeutung auch darüber erlangt, sich für demokratische Prozesse und politische Erinnerungsarbeit einzusetzen, hat die Berlinale 2022 erneut gezeigt. Wie wichtig gesellschaftskritische Filme sind, wird angesichts des Krieges gegen die Ukraine deutlich. Krieg...




... wird auch mit der Macht der Bilder geführt, und in denen spielen Geschlechterzuschreibungen ebenfalls eine Rolle, wie der "Dokumentarfilm "Courage" von 2021 zeigt, der den Kampf der Belarus*innen gegen Diktator Lukaschenko zeigt.

Filmschaffende und der russische Krieg gegen die Ukraine

Am 24. Februar veröffentlichte die Presseabteilung der Berlinale ein Statement zur Situation in der Ukraine, in der sie den "Freund*innen in der Ukraine ... in einem Aufruf zum Frieden zur Seite [stehen]." Die Pressemitteilung verweist auf die im diesjährigen Programm gezeigten ukrainischen Filme "Klondike" und "Terykony", und schließt mit dem Appell: "Filme zeigen uns, dass die Welt schon jetzt in einem zu bedenklichen Zustand ist, um ihr noch mehr Leid und Zerstörung zuzufügen."

Über Sanktionen gegenüber Russland berichtet die Journalistin und Filmkritikerin Susan Vahabzadeh am 1. März in der Süddeutschen Zeitung. In ihrem Artikel "Licht aus. Filmakademien rufen zum Boykott gegen Russland auf, Hollywood stoppt Kinostarts" zählt sie Filmeinrichtungen auf, die sich direkt auf die russische Filmkultur beziehen. So schließt die Europäische Filmakademie russische Filme von den diesjährigen European Film Awards aus, und die amerikanische Filmindustrie, wie Disney und Warner Bros., haben den Start neuer Filme in Russland ausgesetzt.

Die Ukrainian Film Academy ruft auf der Petitionsplattform change.org zu einem "Call for a boycott of Russian cinema" auf. Die Mitglieder der Ukrainischen Filmakademie wenden sich dafür an die "Dear Film Institutions and Film Professionals!" und bitten darum, russische Filme aus dem Programm zu nehmen, denn, so ihre Einschätzung: "Even the very presence of Russian films in the program of world film festivals creates the illusion of Russia´s involvement in the values of the civilized world."

Berlinale 2022 - Gender-Evaluierung

Die Gender Evaluation der Berlinale ist eine statistische Methode zur Auswertungen der Geschlechterverteilung der eingeladenen Filmschaffenden. Diese quantitative Befragungsweise zeichnet sich durch eingeschränkte und standardisierte Antwortmöglichkeiten und durch unterschiedliche Rücklaufquoten aus, weshalb die Angaben nur als "Tendenz" gelesen werden könnten, so die Herausgeber*innen.

Für die Berlinale 2022 ergibt die Auswertung des Geschlechterverhältnisses in der Regie eine kleine Steigerung des Anteils weiblicher Filmemacherinnen auf 39,2 % gegenüber 34,1 % im letzten Jahr. Doch der Blick auf die Details zeigt, dass die Filmeinreichungen von Frauen gegenüber dem Vorjahr zwar um 3,4 % gestiegen sind, der von Regisseuren jedoch um 2,9 % zurückging. Dadurch reduziert sich der Anteil der ausgewählten Filme unter der Regie von Frauen gegenüber den Einreichungen, da weniger Filme unter männlicher Regie im Auswahlpool waren. Wir hoffen, dass in Zukunft, auch wenn der Anteil der Einreichungen unter männlicher Regie wieder steigt, eine strikt paritätische Auswahl erfolgt.

Was auffällt, ist die hohe Auswahl von Filmemacherinnen im Bereich "Generation": 24 Filmemacherinnen zu 17 Filmemachern. Im Kontext der Zuschreibung von Frauen als Mütter oder in Bezug zu Sorgearbeit verzerrt diese Sektion damit gleichzeitig den prozentualen Anteil von Regie-Frauen im gesamten Berlinale-Programm. So stehen im Wettbewerb den eingeladenen sechs weiblichen zehn männliche Filmschaffende gegenüber, und im zweiten wichtigen Wettbewerbsbereich, den Encounters, sind nur fünf Regisseurinnen, gegenüber zehn Regisseuren, eingeladen.

Bei den Einreichungen für die "Books at Berlinale", den Stoffen aus denen zukünftige Filme gemacht werden, wurden von 102 Autorinnen (53 % am Gesamtanteil) nur drei (30 %) ausgewählt. Im Bereich der "Berlinale Series" gab es 2022 in den Gewerken Regie und Kamera leider keine, die bei der freiwilligen Selbstauskunft "weiblich" angab.

Pro Quote Film kritisiert die "Gleichstellungsschieflage"

Pro Quote Film, ein Zusammenschluss von Frauen aus allen Gewerken der Filmbranche, überreichte zum Start der Berlinale der neuen Staatsministerin und Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth, die "gesammelten, in der Filmwirtschaft vorherrschenden Gleichstellungs-Missstände." Über die Webseite von PQF kann die Pressekonferenz vom 11. Februar 2022 ebenso angeschaut werden, wie fünf Kurzfilme der Satirikerin und Filmemacherin Rigoletti zum Thema Frauen und Film.

Bären-Preise für weibliche Filmschaffende

Traurig bis beschämend ist der Blick auf den Frauen-Anteil bei der Auszeichnung mit dem Goldenen Bär. Das Filmfestival, das 1951 startete, vergab diese Ehrung im Jahr 1975 zum ersten Mal an eine Regisseurin, an Márta Mészáros, für ihren Film "Adoption". Jetzt, 2022, erhielt mit Carla Simón für ihren Film "Alcarràs" erst zum siebten Mal eine Frau diesen Preis.

Wie die Regisseurin auf ihrer Pressekonferenz erläuterte, will sie mit "Alcarràs" zeigen, welche Mühe es macht, unsere tägliche Nahrung anzubauen. Das Dorf Alcarràs, aus dem ihre Mutter stammt, liegt im Norden Spaniens. Dort betreibt die fiktive Familie Solé seit Generationen auf gepachtetem Land eine Pfirsichplantage. Als der neue Erbe ihnen kündigt, da er auf dem Land einen Solarpark errichten will, nun stehen sie vor einer ungewissen Zukunft.

Zwei "Silberne Bären", wie auch den Gilde Filmpreis, gab es für den Film "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush". Meltem Kaptan erhielt ihn "für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle" und Laila Stieler "für das Beste Drehbuch." Der Film beschreibt den Kampf der Mutter Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) um die Freilassung ihres Sohnes Murat, der viele Jahre unschuldig im Gefangenenlager Guantanamo einsaß.

An den, im ländlichen Mexiko spielenden "Robe of Gems" von Regisseurin Natalia López Gallardo, ging der "Silberne Bär Preis der Jury". Den "Silbernen Bär für die Beste Regie" erhielt Claire Denis für "Avec amour et acharnement" mit Juliette Binoche. Und der "Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle" ging an Laura Basuki für ihre Rolle in den indonesischen Melodram "Nana" ("Before, Now & Then").

Weitere Preisauszeichnungen für Filmemacher*innen

In der Sektion Encounters erhielt Ruth Beckermann den Preis "Bester Film" für ihren Dokumentarfilm "Mutzenbacher". Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass die Regisseurin "achieves a rich and complex reflection on gender and sexual politics that raises complicated questions of utmost relevance today."

Der "Spezialpreis der Jury" der Encounters wurde Mitra Farahani für ihren Dokumentarfilm "Á vendredi, Robinson" verliehen. Sie berichtet darin über die Korrespondenz zwischen den Filmemachern Jean-Luc Godard und Ebrahim Golestan.

Gestiftet von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten ging der "GWFF Preis Bester Erstlingsfilm" an Kurdwin Ayub für den österreichischen Spielfilm "Sonne". In diesem mit 50.000 Euro Preisgeld ausgezeichneten Langfilm-Debütfilm setzt sich Ayub als Drehbuchautorin und Regisseurin mit drei jungen Freundinnen auseinander, die, Burka-tragend, in der muslimischen Community durch ein Musikvideo berühmt werden.

Der Berlinale Dokumentarfilmpreis, dotiert mit 40.000 Euro, wie auch der mit 5.000 Euro belegte Amnesty International Filmpreis ging an "Myanmar Diaries" des The Myanmar Film Collective. "Zehn junge burmesische Filmschaffende, die anonym bleiben müssen, weil sie ihr Leben riskieren, haben es gewagt, einen erschütternden Hilferuf für die Kinoleinwand zu realisieren," so die Berlinale-Ankündigung des Films. Das Filmkollektiv sieht seine Arbeit als Akt des Widerstands gegen das am 1. Februar 2021 durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Regime.

Eine Lobende Erwähnung erhielt die japanische Regisseurin Emma Kawawada für "My Small Land", welcher in der Sektion Generation Kplus gezeigt wurde. Sie thematisiert darin das Leben der jungen Geflüchteten Sarya, die seit ihrem fünften Lebensjahr mit ihren Eltern und Geschwistern in Japan lebt. Sie sind als Kurd*innen aus der Türkei geflüchtet. Doch Sarya verheimlicht aus Angst vor Diskriminierung ihre Herkunft und gibt sich gegenüber ihren Freund*innen als Deutsche aus.

Die drei Preise der Ökumenischen Jury, die seit 1992 verliehen werden, gehen an Filmschaffende, "die in ihren Filmen ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck bringen, das mit dem Evangelium in Einklang steht, oder die es in ihren Filmen schaffen, das Publikum für spirituelle, menschliche und soziale Werte zu sensibilisieren." Zwei Filmemacherinnen sind unter den Preisträgerinnen: Im Panorama die ukrainische Regisseurin Maryna Er Gorbach mit "Klondike", einem aus dem traurigen Anlass des aktuellen Krieges sehr wichtigen Films über die hochschwangere Irka, die mit ihrem Mann in einem Dorf im ostukrainischen Gebiet Donezk lebt. Anhand ihres Lebens erzählt der Film die politische Geschichte der Kämpfe in der Ukraine, wie auch den Abschuss des Malaysia-Airlines-Flug 17 in diesem Gebiet im Juli 2014 durch eine russische Abwehrrakete.

Der weitere Preis der Ökomenischen Jury, wie auch der CICAE Art Cinema Award in der Sektion Forum und der Caligari-Filmpreis, gingen an das Langfilmdebüt der in Nova Scotia, Kanada, geborenen Jacquelyn Mills für "Geographies of Solitude". Zur Verwirklichung dieses Dokumentarfilms lebte sie einige Zeit auf Sable Island, einer einsamen Insel vor der Küste Nova Scotias. Seit den 1970er Jahren lebt dort, überwiegend allein, die Naturschützerin Zoe Lucas, die die Filmemacherin in ihrem Alltag beobachtete: als autodidaktische Wissenschaftlerin wurde sie zu einer geschätzten Expertin zur Biodiversität der Insel, die täglich eine größere Menge an Plastikmüll einsammelt.

Den Friedensfilmpreis erhielt die in Kalkutta aufgewachsene Filmemacherin Teresa A. Braggs für ihren ersten Dokumentarfilm "Sab changa si" ("All Was Good"), der in der Sektion Forum Expanded lief. Die Jury prämiert damit Filme, ausgewählt aus dem Gesamtprogramm, "die durch eine eindringliche Friedensbotschaft und ästhetische Umsetzung des Filmthemas überzeugen." Braggs drehte ihren Film zwischen 2019 und 2020 in Bangalore vor dem Hintergrund landesweiter Studierendenproteste gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz.

Den Kompass-Perspektive-Preis erhielt Rebana Liz John für ihren Dokumentarfilm "Ladies Only". Mit einem kleinen Filmteam begab sie sich in die Frauen vorbehaltenen Abteile der Nahverkehrszüge in Mumbai und fragte sie "Was macht Sie wütend?" Ihr Film zeigt die Antworten und ihre Beobachtungen in diesem öffentlichen und zugleich geschützten Raum.

Auch wenn sich dieses Jahr unter den vier Preisträger*innen, die von der FIPRESCI-Jury, dem internationalen Verband der Filmkritik, ausgewählt wurden, keine weibliche Regisseurin befindet, stehen dennoch zwei Frauen im Mittelpunkt zweier ausgezeichneter Dokumentarfilme: So beobachtete der französische Regisseur Bertrand Bonello in "Coma" seine 18-jährige Tochter mit der Kamera, wie sie mit der Pandemie und dem Lockdown zurechtkommt. Und in "Bettina" zeigt Lutz Pehnert den Lebensweg der heute 75-jährigen Liedermacherin und politischen Poetin Bettina Wegner, im geteilten und vereinten Berlin.

Eine weibliche Auszeichnungen bei den Kurzfilmen

Die Kurzfilmjury vergab den Goldenen Bär an Anastasia Veber für ihren 20-Minuten-Film "Trap", mit dem sie das Lebensgefühl junger Erwachsener in Russland einfängt. "Durch eine herausragend arrangierte Montage treten Fragmente aus den Leben junger Menschen zum Vorschein, die sich in einer kontrollierenden und repressiven Gesellschaft gefangen fühlen", so die Begründung der Jury, der Blick der Kamera schaffe aber auch ein ermächtigendes Gefühl.

Auszeichnungen bei Generation - kein Preisgeld für Frauen

In der Sektion Generation gibt es sowohl im Bereich Generation 14plus, wie Generation Kplus jeweils zwei Wettbewerbe mit einer Jugend- bzw. einer Kinderjury und einer Internationalen Jury, daraus folgen vier unterschiedliche Preisverleihungs-Segmente.
Laut der Berlinale-Auswertung hat Generation einen Regisseurinnen-Anteil von 51,1 %, was sich jedoch in der Preisverleihung nicht widerspiegelt. Es erhielten zwar zwei von drei gender-gemischten Teams ein Preisgeld. Doch bei der weiteren Preisvergabe wurden zwar je drei Preise an Frauen, wie auch an Männer vergeben, doch nur zwei Preise an Regisseure beinhalteten auch ein Preisgeld. Bei den Lobenden Erwähnungen wurden vier Männer und drei Frauen berücksichtigt. Dass Männer im Berufsleben mehr Geld verdienen sollen, scheint sich auch in dieser Berlinale-Sektion durchzusetzen, in dem die Filmemacherinnen prozentual in der Mehrzahl sind.

Im Bereich Generation 14plus ging der Gläserne Bär der Jugendjury für den Besten Film an das Regie-Team Clare Weiskopf und Nicolás van Hemelryck für "Alis". Sie bekamen diese auch wegen dem von ihnen gewählten dokumentarischen Format, bei dem sie zehn junge, ehemals obdachlose Frauen zu Wort kommen lassen, die in Kolumbien in einem Heim wohnen. Den Gläsernen Bär für den Besten Kurzfilm gab es für "Born in Damascus" von Laura Wadha. Die schottisch-syrische Filmemacherin erzählt darin in fünfzehn Minuten von Besuchen bei ihren Verwandten in Damaskus, die sie seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen hat.

Die Internationale Jury von Generation 14plus vergab den Großen Preis für den Besten Film an das Regie-Team Olivia Rochette und Gerard-Jan Claes für "Kind Hearts" über die Vertrautheit und das Ende der ersten Liebe. Den Spezialpreis für den Besten Kurzfilm erhielt das Regie-Trio Adam Sillard, Gabrielle Selnet und Chloé Farr für "Au revoir Jérôme!", einem achtminütigen Besuch des Paradieses, in dem Jérôme seine verstorbene Freundin Maryline sucht.

Bei den Preisen der Kinderjury im Wettbewerb Generation Kplus ging der Gläserne Bär für den Besten Film an Sanna Lenken für "Comedy Queen". Sie beschäftigt sich darin mit dem Gefühlsleben eine Dreizehnjährigen, die ihre depressive Mutter durch Selbstmord verloren hat. Den Gläsernen Bär für den Besten Kurzfilm erhielt Emma Brandenhorst, die in "Vlekkeloos" durch das Thema Tampon und Periode die prekäre finanzielle Situation einer Jugendlichen und ihrer Mutter betrachtet. Eine Lobende Erwähnung erhielt Britt Raes für ihren 13-minütigen Animationsfilm "Luce and the Rock" über die Frage, wo Zuhause ist.

Die Preise der Internationalen Jury von Generation Kplus gingen mit einer Lobenden Erwähnung an Shamira Raphaéla und ihren Film über lebensfrohen 14-Jährigen "Shabu", der im Rotterdamer Sozialbaukomplex De Peperklip wohnt. Eine weitere Lobende Erwähnung, beim Spezialpreis für den Besten Kurzfilm, erhielt Artemis Anastasiadou für "To Vancouver", über die Ängste der jungen Vicky, dessen großer Bruder die griechische Insel Euböa verlassen wird, um woanders Arbeit zu finden.

Teddy Awards - Auszeichnungen

Beim 36. Teddy Award, dem queeren Filmpreis, ging der Jury Award an den Dokumentarfilm "Nelly & Nadine" von Magnus Gertten. Der Dokumentarfilmer stellt darin das Leben der beiden Frauen vor, die sich im Konzentrationslager Ravensbrück kennen lernten und ihre lesbische Liebe über viele Jahre geheim hielten. Gertten begleitet Nellys Enkelin Sylvie bei den Entdeckungen des unbekannten Lebens ihrer Großmutter.

Die Auszeichnung als Bester Spielfilm erhielt der brasilianische Film "Três tigres tristes" von Gustavo Vinagre. Er begleitet drei queere Menschen in einem dystopischen, wie auch gegenwärtigem Sao Paulo. Pandemie und Kapitalismus haben die Stadt ausgelaugt, durch die sich die drei treiben lassen.
Als Bester Dokumentar-/Essayfilm wurde "Alis" von Clare Weiskopf und Nicolás van Hemelryck ausgewählt, die dafür auch den Gläsernen Bär bei Generation 14plus erhielten. In einem besonderen dokumentarischen Format zeigen sie das heutige Leben von zehn Frauen in einem kolumbianischen Heim, die vorher auf der Straße gelebt haben.

Und welche sich gern die zweistündige Veranstaltung zur Preisverleihung anschauen möchten, können dafür die Teddy-Award-Webseite besuchen.

Goldener Ehrenbär für Isabelle Huppert

Den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk erhielt dieses Jahr die 1953 in Paris geborene Schauspielerin Isabelle Huppert. Aufgrund einer Corona-Erkrankung konnte sie bei der Preisverleihung im Berlinale Palast nicht persönlich anwesend sein, war jedoch virtuell zugeschaltet. Die Laudatio für die, bereits mit vielen Preisen, wie dem César, dem Europäischen Filmpreis und dem Golden Globe Award, ausgezeichnete Schauspielerin, hielt Lars Eidinger.
Neben unzähligen Rollen in Spielfilmen - sie gab 1971 ihr Filmdebüt in "Faustine et le bel été" unter der Regie von Nina Companéez und war danach auch zu sehen in "Eine Frau mit berauschenden Talenten", "Alles was kommt" und "Happy End" - spielt Huppert im Theater, nimmt an Lesungen teil und nimmt Musik auf, und betätigt sich als Filmproduzentin und Kunstkuratorin.

Ein Blick in den Bereich "Berlinale Talents"

Seit 2003 versteht sich Berlinale Talents als Programm zur Entwicklung und Erforschung des "how and why of movie making." Es sei ein einzigartiges Forum für Filmemacher*innen und Kinoliebhaber*innen geworden, so das Talents-Selbstverständnis mit Publikumsgesprächen, Workshops, Projektentwicklungslaboratorien und Vernetzungsveranstaltungen.

Auf der Talents-Seite lässt sich das Gespräch "Before Your Inner Eye: Seeing as a Profession", moderiert von Elen Lotman, mit den Kamerafrauen (cinematographers) Ari Wegner, Marta Simoes und Jenny Lou Ziegel nachschauen. In einem weiteren Gespräch diskutiert Prof. Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin mit Prof. Skadi Loist von der Film Universität Babelsberg, unter der Moderation von Lisa Basten (ver.di) , zu "Paid with Passion: Talents and their Finances."

MaLisa Stiftung und "SchspIN"- Darstellung von Frauen und Männern im deutschen Film

Kurz vor der Berlinale, am 8. Februar, veröffentlichte die Stiftung von Maria und Elisabeth Furtwängler eine Analyse der Universität Rostock über "Geschlechterdarstellungen im deutschen Film." Diese Fortschrittsstudie zur audiovisuellen Diversität, geleitet von Professorin Elizabeth Prommer vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock, betrachtet die Sichtbarkeit und Vielfalt von Frauen im deutschen Kino in den Jahren 2017 - 2020.

Die Studie kommt zur Ergebnis, dass der Anteil von Frauen auf der Leinwand seit 2017 zwar zugenommen habe, sie jedoch weiterhin als weniger vielfältig dargestellt werden. So nimmt der Anteil von Frauenfiguren, die älter als dreißig Jahre sind ab - bei Männern erst ab fünfzig - wie auch ihr Bild begrenzt ist auf jung, schlank und im Kontext von Partnerschaft und Beziehung. Von den untersuchten 390 Filmen wurde nur ein Viertel von Frauen inszeniert und für das Drehbuch waren 24 Prozent verantwortlich.

Die Schauspielerin Belinde Ruth Stieve betrachtet auf ihrem "Blog "SchspIN" sowohl die Rolle von Frauenfiguren im Film, wie auch den Anteil der weiblichen Filmschaffenden auf deutschen Filmfestivals. Unter den Schlagworten "Starke Frau, Auf die Fresse!" und "Alte Frauen. Sichtbarkeit" analysiert sie konkrete Filme. So den Polizeiruf 110 vom 14.6.20, bei dem sie die Darstellung von Gewalt gegen die Figur der Katrin König (Anneke Kim Sarnau) diskutiert. Weiter findet sich auf dem Blog ein "3-Gewerke-Check für zwölf deutsche Filmfestivals, 2019-21". Einfach mal drauf schauen. Auch dieser Blog beweist, dass sich was bewegt zugunsten der Geschlechtergerechtigkeit, aber auch, das wir noch einen langen Weg vor uns haben.

Wenig Frauen in Schlüsselrollen - Die Daten der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle

Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelleveröffentlichte am 11. Januar den Bericht "Female professionals in European film production". Sie stellte darin fest, dass Frauen unter den Filmschaffenden in Schlüsselrollen hinter der Kamera deutlich unterrepräsentiert sind, dabei aber auch häufiger in Teams arbeiten als Männer. Der untersuchte Zeitraum 2016 - 2020 zeigt, dass in Europa Frauen bei weniger als einem von vier Filmen Regie führen, der durchschnittliche Anteil lag bei lediglich 20 %. Am geringsten war der Frauenanteil bei den Kameraleuten (10 %) und den Komponierenden (9%), dagegen waren die Produzierenden zu 33 %, und die Drehbuschschreibenden zu 27 % Frauen.

Art+Feminism - Sichtbarmachung weiblicher Filmschaffender in Wikipedia

Wie bereits 2020, hat sich auch dieses Jahr die Community der Wikipedia der Arbeit verschrieben, neue Autor*innen zu finden, die gemeinsam mit einer kleinen engagierten Gruppe über weibliche Filmschaffende auf Wikipedia schreiben. Der Artikel "Wikipedia:FilmFrauen/Berlinale-Edit-a-thon 2022" gibt einen Einblick über die Möglichkeit zur Mitarbeit, wie auch einen Überblick über die weiblichen Filmschaffenden auf der Berlinale 2022.

Über wie viele Filmfrauen noch fehlende Artikel rudimentär angelegt sind, welche Neuanlagen im Bereich QueerFilm bereits angedacht wurden, und welche Seiten noch fehlen, die als "Most Wanted Filmfrauen" bereits notiert sind, darüber geben die genannten Webseiten Auskunft. Ein engagiertes und wichtiges Projekt zur Sichtbarmachung von Frauen, das von ehrenamtlich tätigen Autor*innen getragen wird und denen wir viel Erfolg wünschen.

Frauen und Filmfestivals

Vom 29. März bis zum 3. April findet dieses Jahr in Köln das Internationale Frauen*Film Fest Dortmund+Köln statt. Von 150 Einreichungen aus 40 Ländern wurden acht Debütfilme ausgewählt, die um den mit 10.000 Euro dotierten Preis für die beste Regie konkurrieren. Juryfrauen sind Tsitsi Dangarembga, Christine A. Maier und Ula Stöckl. Als übergreifendes Thema klinge bei allen Filmen "unsere Beziehung zu dem, was wir ´Natur´ nennen" an, so die Veranstalterinnen. Das vollständige Programm ist ab dem 8. März auf der Webseite des Festivals zu finden.

Ein paar Monate später, vom 26.10. bis zum 02.11.2022 findet in Berlin das von Terre des Femmes seit 2001 veranstaltete Filmfest FrauenWelten statt. Im Kino in der KulturBrauerei werden dazu mehr als 30 internationale Filme zum Thema Frauenrechte gezeigt und Publikumsgespräche angeboten. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit Gesprächsrunden, Ausstellungen und Workshops.

Was immer noch fehlt - der Filmpreis "Gendergerechtigkeit"

Wir finden, die Berlinale sollte einen Filmpreis zu "Gendergerechtigkeit" ausloben. Dieser Themenbereich sollte sich mit Fragen zu Zugangschancen, Voraussetzungen und Maßnahmen für eine geschlechtersensible Teilhabe und geschlechtergerechten Rahmenbedingungen für Filmschaffende und deren kulturellem Ausdruck befassen. Unser Vorschlag dazu: die für eine Teilnahme für diesen Preis ausgewählten Filme sollten, a) den Bechdel-Test bestehen, b) es müssten zwei Frauen* Hauptfiguren spielen, c) jedes Gewerk müsste mindestens einen Anteil von 50 % Frauen haben.

Auf der diesjährigen Berlinale lief mit der dokumentarischen Analyse von der Filmemacherin Nina Menkes ein Film, der für diesen Preis in Frage gekommen wäre. Sie setzt sich in "Brainwashed: Sex-Camera-Power" mit dem Male Gaze im Kino auseinander. Anhand der Thesen der feministischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey zur Objektifizierung und Sexualisierung des weiblichen Körpers zeigt sie in ihrem Film, wie ästhetische Entscheidungen die Wahrnehmung von Frauen auf der Leinwand beeinflussen. Dazu analysiert sie den Zusammenhang zwischen etablierter Filmsprache und einer Kultur der Misogynie anhand von Szenen aus 120 Jahren Filmgeschichte.

AVIVA-Resümee: Überschattet von der Corona-Pandemie, und nun auch vom Krieg Putins gegen die Ukraine, zeigt sich auch anhand der Berlinale, wie eng verbunden Kultur und Politik sind. Filme können die Rolle von Zeitzeug*innen stärken, und in ihrem historischen Überdauern, auch übernehmen. Gemeinsame Kinobesuche helfen dabei, den Wert von Diskussionen über unterschiedliche Anschauungen zu vermitteln. Doch auch bei Filmen muss darauf geachtet werden, dass bei der Darstellung von Kultur und Gender das Gemeinsame im Vordergrund steht, und nicht das Ausgrenzende. Hier können und sollten Filmfestivals, wie die Berlinale, durch ihre Filmauswahl zeigen, dass sie global die Menschenrechte verteidigen.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die AVIVA-Filmauswahl zur 72. Berlinale

Courage - Dokumentarfilm über die Protestbewegung in Belarus.

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.obs.coe.int/de
Europäische Audiovisuelle Informationsstelle: Bericht über weibliche Fachkräfte in der europäischen Filmindustrie.

www.proquote-film.de
Zur Berlinale überreichte Pro Quote Film die "gesammelte Gleichstellungs-Schieflage" an die neue Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth.

www.frauenfilmfest.com
Das Internationale Frauen*Film Fest Dortmund+Köln findet vom 29. März bis 3. April in Köln statt.

www.berlinale.de
Die Webseite der Berlinale bietet aktuelle Statements, ein Foto-Tagebuch und ein Archiv, mit allen Informationen über die gezeigten Filme.


Kunst + Kultur

Beitrag vom 05.03.2022

AVIVA-Redaktion