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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 29.06.2021


Nomadland - Regie Chloé Zhao, mit Frances McDormand, nach dem Buch von Jessica Bruder. Kinostart: 1. Juli 2021
Helga Egetenmeier

Als erste asiatische Frau, wie auch als zweite Frau überhaupt, erhielt Chloé Zhao für "Nomadland" den Oscar für die Beste Regie. Ihr gelingt in diesem intensiven Roadmovie über ein neues US-amerikanisches Prekariat ein bemerkenswertes Porträt über die Verlierer*innen des amerikanischen Traums. Für ihre Darstellung der Nomadin Fern wurde Frances McDormand...




... die in ihrem Van von Job zu Job zieht, mit ihrem dritten Oscar ausgezeichnet.

Die US-amerikanische Journalistin Jessica Bruder veröffentlichte 2017 ihr Sachbuch "Nomadland. Surviving America in the Twenty-First Century", das 2019 unter dem Titel "Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert" auf Deutsch erschien. Darin beschreibt sie die wachsende Gemeinschaft älterer Amerikaner*innen, die von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten unterwegs sind. Auf ihrer Webseite bezeichnet Jessica Bruder sie die "unsichtbaren Opfer der Großen Rezession", die zu "Zehntausenden in neueren Wohnmobilen, Wohnwagen und Vans" eine weitere Gruppe prekär Beschäftigter bilden.

Fiktion und Realität - Fern und die Nomadinnen Linda May und Swankie

Regisseurin Chloé Zhao nahm Bruders Veröffentlichung als Grundlage für ihr Drehbuch. Sie machte daraus einen semifiktionalen Film, für den sie auch die Nomadinnen Linda May und Swankie dazu gewinnen konnte, sich selbst zu spielen. An ihrer Seite übernahm Francis McDormand die Rolle der Fern, der fiktiven Hauptfigur anhand deren Geschichte der Einstieg in das Leben einer Arbeitsnomadin erzählt wird: Sie verlor nach dem Zerplatzen der US-amerikanischen Immobilienblase 2008 ihren Job, ihr Haus, dazu verstarb ihr Mann. Der Film beginnt, als sie, allein auf sich gestellt, ihre Habseligkeiten in einer Mietgarage deponiert und mit ihrem Van loszieht, um ihren ersten Job beim Weihnachtsgeschäft von Amazon zu starten.

Francis McDormand spielt die 61-jährige Fern noch wortkarger als die schwangere Polizistin Marge Gunderson in "Fargo" und präsentiert sich mit einer stoischen Ausdauer, wie Mildred Hayes in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Im Gegensatz zu Hayes, die den Mörder ihrer Tochter finden will, hat Fern kein Ziel mehr. Doch sie lernt bei den Arbeitsnomad*innen eine Gemeinschaft kennen, die sie in ihrer melancholischen Gleichgültigkeit auffängt. Bei ihrem ersten Job wird sie von Linda May in die Arbeit eingeführt, ihren Kolleg*innen vorgestellt und freut sich sichtlich, in der großen Auslieferungshalle zu arbeiten. Ihren Van hat sie, wie alle anderen Saisonbeschäftigte bei Amazon, auf dem firmeneigenen Campground abgestellt, auf dem sie bis zum Ende des befristeten Arbeitsverhältnisses kostenfrei parken kann.

Linda May und Swankie helfen Fern dabei, sich mit dem Leben einer Nomadin zurecht zu finden. Dazu gehört, regelmäßig in den Waschsalon zu gehen, einen Plastikeimer als Toilette im Van, wie auch immer ein Ersatzrad dabei zu haben. Sie folgt ihnen zum jährlichen "Rubber Tramp Rendezvous (RTR) & Women´s RTR (WRTR)", das von der Homes-on-Wheels Alliance veranstaltet wird. Dieses Treffen Gleichgesinnter, die sich gegenseitig mit Informationen rund um das Nomad*innenleben versorgen, wurde 2011 erstmals von Bob Wells organisiert. Mittlerweile kommen etwa zehntausend Menschen für zwei Wochen im Januar in der Wüste bei Quartzsite, Arizona zusammen. Bob Wells, der Präsident der Homes-on-Wheels Alliance, startete dies, um Menschen, die sich keinen festen Wohnsitz leisten können, bei der Organisation ihres Lebens zu unterstützen, damit sie nicht in die Obdachlosigkeit abgleiten.

Prekäre Lebensweise oder romantische Freiheit?

Diese Frage stellt der Film anhand von zwei Themensträngen an die Zuschauer*innen, durch die er Fern die Möglichkeit gibt, aus dem nomadischen Leben auszusteigen. So lernt Fern den zurückhaltenden Dave (David Strathairn) näher kennen und scheint dabei sowohl glücklich, als auch unsicher. Als er sich entscheidet, aus dem Nomadenleben auszusteigen um, finanziell abgesichert, bei seinen Kindern und Enkeln zu leben, bittet er Fern, bei ihm zu bleiben. Doch sie verschwindet heimlich eines Morgens und kehrt wieder auf die Straße zurück.

Auch ihre Schwester Dolly bietet ihr einen weiteren Weg zurück in ein festes Haus an. Sie kommen nach langer Zeit wieder in Kontakt, als Fern Geld für die Reparatur ihres Van braucht und sie um ein Darlehen bittet. Dolly lebt in einem schönen Eigenheim mit Garten, in dem Fern ein eigenes Zimmer hat. Bei einem Barbecue mit Geschäftsfreunden ihres Schwagers, einem Immobilien-Makler, freuen diese sich über die guten Profitchancen in der Maklerbranche, und die zurückhaltende Fern wehrt sich. Ihre Schwester versucht beschwichtigend einzugreifen und lobt Fern für ihren Lebensstil als Patriotin im Geiste des amerikanischen Freiheitsgedankens, da sie ein ungebundenes Leben führen könne. So nah sich die Schwestern sein mögen, zeigt diese Sequenz einen tiefen Riss zwischen ihren Lebensrealitäten, bei dem ein Verständnis füreinander fehlt.

Der Film scheint seine Antwort darin zu finden, dass prekär lebende Menschen sich gegenseitig respektieren und, falls nötig, unterstützen. Er zeigt aber auch die unromantische Seite einer Einsamkeit, in der Nomad*innen mitten in einer frostigen Nacht von Parkplätzen vertrieben werden. Und dann gibt es noch die Zeit in der Natur, in der der Film Fern ganz bei sich zeigt. Sie genießt die Ruhe an einem einsamen See und den Spaziergang durch grüne Wälder. So entspannt diese Bilder auch wirken, verweist der Film dabei durch seine fiktive Figur Fern gelegentlich auf eine Sozialromantik, die dem gezeigten kämpferischen Bild der tatsächlichen Nomad*innen Linda May, Swankie und Bob Wells nicht entsprechen.

AVIVA-Tipp: "Nomadland" ist ein faszinierend vielschichtiger Film, in dem Realität und Fiktion eine streitbare und meditative Allianz eingehen. Voll Empathie und Gelassenheit fängt Regisseurin Chloé Zhao die großen und kleinen Geschichten der Menschen ein, die in ihren Campern von Job zu Job ziehen. Ein Film, der berührt und bleibt.

Regie, Drehbuch und Schnitt: Chloé Zhao, geboren 1982 in Peking, wuchs in China, wie auch im englischen Brighton auf und studierte Politikwissenschaften in Massachusetts und Filmproduktion an der New York University. Bereits mit ihrem Regiedebüt "Songs My Brothers Taught Me" war sie 2015 beim Sundance Film Festival und bei den Filmfestspielen in Cannes vertreten. Ihren zweiten Film "The Rider" stellte sie 2017 ebenfalls in Cannes vor. Für ihren dritten Spielfilm "Nomadland", der drei Oscars erhielt, bekam sie als zweite Frau überhaupt den Regie-Preis zugesprochen. Sie war dazu in den Kategorien Bestes adaptiertes Drehbuch und Bester Schnitt nominiert und war damit die erste Frau, die für den Schnitt und die Regie gleichzeitig für einen Oscar nominiert wurde.
Kurz nach ihrem Oscar-Gewinn wurde Zhao von den Staatsmedien in China zensiert, schreibt Friederike Böge in faz.net am 26.04.2021 und ergänzt, dass der Filmstart von "Nomadland" in China kurzfristig ausgesetzt wurde und es für den lukrativen chinesischen Markt bis jetzt keinen neuen Termin gibt. Sie vermutet, dass es an einem Interview mit der Regisseurin im "Filmmaker" von 2013 liegt, in dem diese sagte, dass das China, in dem sie aufgewachsen sei, ein Ort voller Lügen war. Diese Aussage wurde jedoch später von der Webseite gelöscht, so Böge.
Zhaos nächster Film, "Eternals", ein Science Fiction und Teil des Marvel Cinematic Universe, soll im Winter 2021 in die Kinos kommen.

Hauptdarstellerin und Produzentin: Frances McDormand, geboren 1957 in Chicago, schloss ihre Ausbildung mit dem Master of Fine Arts an der Yale School of Drama ab. Mit ihrem ersten Film, "Blood Simple" (1984), gelang ihr der Durchbruch als Schauspielerin und mit "Fargo" (1996) wurde sie weltweit bekannt. Für ihre Rolle der Marge Gunderson erhielt sie 1997 den Oscar als Beste Hauptdarstellerin, ihren zweiten Oscar als Beste Hauptdarstellerin bekam sie 2018 für die Rolle der Mildred Hayes in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Ihren dritten Oscar brachte ihr die Rolle der Fern in "Nomadland" (2020), den sie auch mitproduzierte sie ist damit die erste Frau, die für einen Oscar in den Kategorien Produktion und Beste Hauptdarstellerin gleichzeitig nominiert wurde.

Autorin der Buchvorlage: Jessica Bruder ist eine US-amerikanische Journalistin, die in New Jersey aufwuchs und am Amherst College studierte. 2004 schloss sie an der Columbia University mit einem Master in Journalismus ab und lebt heute in Brooklyn. Sie lehrt Erzählendes Schreiben an der Columbia University Graduate School of Journalism und schreibt für die New York Times, Wired, das New York Magazine und das Harper´s Magazine. Mit "Burning Book: A Visual History fo Burning Man" veröffentlichte sie ihr erstes Buch, danach folgte, gemeinsam mit Dale Maharidge, "Snowden´s Box: Trust in the Age of Surveillance". Für "Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century" (2017), für das sie monatelang in einem Campervan recherchierte, gewann sie 2017 den Discover Award für Sachbücher von Barnes & Noble.
www.jessicabruder.com/

Nomadland
USA 2020
Regie, Drehbuch, Schnitt: Chloé Zhao
nach dem Sachbuch "Nomaden der Arbeit" (2017) von Jessica Bruder
Darsteller*innen: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Charlene Swankie, Bob Wells, Derek Endres, Peter Spears, u.a.
Verleih: The Walt Disney Company Germany
Lauflänge: 108 Minuten
Kinostart: 1. Juli 2021
Mehr zum Film unter: www.searchlightpictures.com/nomadland und www.facebook.com/NomadlandFilm

Auszeichnungen, eine Auswahl
2021: Oscar als Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin
2021: British Academy Film Awards, Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin, Beste Kamera
2021: London Critics Circle Film Awards, Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin
2021: Independent Spirit Awards, Bester Film, Beste Regie, Beste Kamera, Besten Filmschnitt
2021: Golden Globe Awards, Bester Film, Beste Regie
2021: AACTA International Awards, Beste Regie
2021: Critics Choice Movie Awards, Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera
2021: Toronto Film Critics Association Awards, Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin, Runner-up für das Beste Drehbuch
2021: Online Film Critics Society Awards, Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Schnitt
2021: National Society of Film Critics, Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin, Beste Kamera
2020: Alliance of Women Film Journalists Awards, Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Schauspielerin, Beste Kamera, Bester Filmschnitt
2020: Internationale Filmfestspiele von Venedig, Goldener Löwe für Chloé Zhao
2020: San Francisco Film Awards, Irving M. Levin Award für Film Direction
2020: British Independent Film Awards, Best International Independent Film
2020: Satellite Awards, Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin
2020: New York Film Critics Circle, Beste Regie
2020: Los Angeles Film Critics Association, Beste Regie, Runner-up als Bester Film und Beste Kamera

Mehr zum Thema unter:

www.harpers.org
Jessica Bruder veröffentlichte im Harper´s Magazine den Artikel "The End of Retirement. When you can´t afford to stop working". Am Beispiel von Linda May schreibt sie über den Alltag und die Hintergründe, weshalb ältere Menschen in den USA auf der Suche nach Arbeit mit dem Campingbus durch das Land fahren.

www.homesonwheelsalliance.org
Die karitative Nonprofit-Organisation Homes on Wheels Alliance, Inc. (HOWA) gründete sich 2018. Sie gibt Hilfe und ist Ansprechpartner*in für ältere Menschen, die zu den working poor gehören, und möchte sie dabei unterstützen, nicht obdachlos zu werden und auf der Straße leben zu müssen.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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In ihrem einfühlsam inszenierten Episodenfilm wirft Regisseurin und Drehbuchautorin Lone Scherfig einen Blick auf Gewalt gegen Frauen, auf die Einsamkeit in der Großstadt und unerwartete Begegnungen. Dies alles bringt sie vor der Kulisse New Yorks zusammen mit der Frage nach gegenseitiger Unterstützung, die auch aus einem respektvollen Umgang von einander unbekannten Menschen bestehen kann.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Das Drama mit Oscar-Gewinnerin Frances McDormand ("Fargo"), Woody Harrelson und Sam Rockwell von Regisseur Martin McDonagh wurde neben zahlreichen Film- und Publikumspreisen mit 4 Golden Globes ausgezeichnet als: Bester Film, Beste Hauptdarstellerin Frances McDormand, Bester Nebendarsteller Sam Rockwell, Bestes Filmdrehbuch. (2018)

Kathryn Bigelow erhält Oscar 2010 in der Kategorie beste Regie
Seit Beginn der Oscarverleihungen gewannen 81 Männer in Folge den Filmpreis. 2010 räumte erstmals eine Frau die begehrte Trophäe ab. Pikanterweise stach sie damit auch gleich ihren Ex-Gatten aus. Und das - gerechnet nach mitteleuropäischer Zeit - sogar in den frühen Morgenstunden des Weltfrauentages! (2010)

Wendy and Lucy - Regie Kelly Reichardt
Eine junge Frau bricht nach Alaska auf, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Ihr einziger Trost: Hund Lucy. Leises amerikanisches Sozialdrama mit einer hervorragenden Michelle Williams. (2009)


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Beitrag vom 29.06.2021

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