The Case You - Ein Fall von Vielen. Ein Dokumentarfilm von Alison Kuhn. Bundesweiter Kinostart am 10. März 2022 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im September 2022 - Beitrag vom 09.03.2022


The Case You - Ein Fall von Vielen. Ein Dokumentarfilm von Alison Kuhn. Bundesweiter Kinostart am 10. März 2022
Helga Egetenmeier

Fünf Frauen erzählen in diesem Dokumentarfilm, wie sie bei einem Casting vor der Kamera sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren und wie traumatisierend für sie dieses Vorsprechen wurde und bis heute ist.




Der Umgang mit der Macht hinter der Kamera

Die Regisseurin Alison Kuhn realisierte mit "The Case You - Ein Fall von Vielen" einen Dokumentarfilm, der auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte als Schauspielerin ist. Wie auch ihre Protagonistinnen, war sie einige Jahre zuvor zu einem vorgeblichen Casting eingeladen. Dass dies kein Vorsprechen, sondern eine von den Filmmacher*innen geplante Grenzüberschreitung mit sexuellen Übergriffen und Machtdemonstrationen war, wurde den Frauen erst langsam und nachträglich bewusst.

Mehrere Jahre nach diesen traumatischen Erfahrungen stellten die Schauspielerinnen fest, dass ihre Namen ungefragt im Zusammenhang mit einem Dokumentarfilm genannt wurden. Darüber fanden Alison Kuhn, Gabriela Burkhardt, Milena Straube, Aileen Lakatos, Isabelle Bertges und Lisa Marie Stojcev zusammen und wehren sich seit dem in einem Rechtsstreit gegen dessen Veröffentlichung.

Alison Kuhn, die ihr Regie-Studium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf auch deshalb begann, um als Regisseurin ihre Erlebnisse bei diesem Casting zu dokumentieren, legt den Fokus des Filmes nicht auf die juristische Ebene. Sie greift den Bereich auf, der bei diesem Vorsprechen eingesetzt wurde - und auch Teil der Diskussion in der nach diesen Ereignissen aufgekommenen #MeToo-Bewegung ist: die Macht hinter der Kamera.

Aufgenommen im Theatersaal der Filmuniversität Potsdam, lässt Kuhn ihre Protagonistinnen zuerst über ihre Berufswahl und ihre Schauspiel-Erfahrungen reden, bevor sie sich in Form eines Reenactment diesem traumatisierenden Casting zuwendet. Dabei verständigen sich die Frauen sowohl untereinander, wie auch mit dem Filmteam darüber, wie sie die Szenen nachstellen können. Diese transparente Kommunikation vermittelt sich den Zuschauer*innen ein gleichberechtigten Umgang miteinander, wodurch die im Film dokumentierten Emotionen und Berührungen der Protagonistinnen kein Gefühl des Voyeurismus aufkommen lassen.

Machtmissbrauch bei Filmproduktionen

Auch wenn die sechs Frauen ihre Erfahrungen soweit verarbeiten konnten, dass sie heute immer noch als Schauspielerinnen vor der Kamera stehen, wird zu Beginn des Films ihre Unsicherheit und Fassungslosigkeit deutlich, wenn sie über dieses einschneidende Erlebnis in ihrer Berufslaufbahn sprechen. Auch als sie beschreiben, dass minderjährige Mädchen dieses Casting durchmachten, und es bei den Übergriffen um Schläge auf die Brüste und den Rücken, Würgen, und Griffe zwischen die Beine ging, macht dies sprachlos.

Im Verlauf des Films nimmt bei den Protagonistinnen die Unsicherheit ab, und sie trauen sich, direkt in die Kamera über ihre verdrängten Erlebnisse und Gefühle zu sprechen. Indem sie sich das Erlebte vorspielen, gelingt es ihnen, das eigene Unwohlsein in Worte zu fassen und Details des Castings zu kritisieren. Dennoch kommt die Frage danach, wie weit sie selbst Verantwortung für ihr Verhalten tragen, immer wieder auf. Doch gemeinsam, und das ist eine Stärke des Films, erkennen sie, dass die Verantwortung für diesen Machtmissbrauch nicht bei ihnen liegt.

Die Kämpfe der Frauen in der Filmbranche

Dieser Dokumentarfilm reiht sich ein in den Kampf von Frauen, um Gleichberechtigung und Respekt vor und hinter der Kamera. "The Case You - ein Fall von Vielen" zeigt dabei, welchem sexualisierten Machtmissbrauch Schauspielerinnen durch bewusste Täuschungen ausgesetzt sein können. Dass diese so gestaltet sind, dass kaum eine rechtliche Handhabe dagegen besteht, ist Teil des institutionalisierten Patriarchats in unserer Gesellschaft.

Und ein Blick auf die Statistiken zeigt, dass die männliche Dominanz in der Filmbranche weiterhin fest verankert ist: So veröffentlichte die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle im Januar 2022 den Bericht über "Weibliche Fachkräfte in der europäischen Filmindustrie", der eine starke Unterrepräsentanz von Frauen aufzeigt. Ebenfalls im Januar wurde durch die Malisa-Stiftung die neue Analyse der Universität Rostock zu "Geschlechterdarstellungen im deutschen Film" vorgestellt. Zur diesjährigen Berlinale überreichte Pro Quote Film der Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth "die gesammelten, in der Filmwirtschaft vorherrschenden Gleichstellungs-Missstände". Und die Schauspielerin Belinde Ruth Stieve befasst sich auch auf ihrem Blog "SchspIN - Gedanken einer Schauspielerin" seit mehreren Jahren mit der Abwesenheit von Frauen hinter der Kamera, wie auch mit dem reduzierten Bild von Weiblichkeit in Filmen.

AVIVA-Tipp: Ein mutiger Film über den Machtmissbrauch bei Filmproduktionen, der die Schauspielerinnen dort trifft, wo sie am verletzlichsten sind: beim Vorsprechen für eine Rolle. Gemeinsam mit ihren Protagonistinnen zeigt Alison Kuhn, dass ein Einstehen füreinander auch nachträglich hilft, sich selbst zu vergewissern und gegen Übergriffe vorzugehen. Dass Solidarität für die Einzelne, aber auch für die Gemeinschaft wichtig ist, auch das zeigt uns das gesamte Team dieses Films.

Preis und Auszeichnungen
2021 Filmfestival achtung berlin: Bester Dokumentarfilm
2021 Filmfestival Max Ophüls Preis: Beste Musik
2021 SWR Doku Festival: Deutscher Dokumentarfilmpreis in der Kategorie Kultur
2021 DOK.fest München: Winner Megaherz Student Award

Zur Regisseurin: Alison Kuhn, geboren 1995, studierte an der Freien Universität Berlin Literaturwissenschaften und Publizistik und an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf Regie. Sie erhielt 2020 ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes in Kunst/Design/Film. Für "The Case You" gewann sie den Max Ophüls Preis für die Beste Musik in einem Dokumentarfilm, sowie den Deutschen Dokumentarfilmpreis für Kunst und Kultur. Sie arbeitet als Regisseurin, Schauspielerin und Autorin.
www.alisonkuhn.com

Zur Protagonistin: Gabriela Burkhardt, geboren 1994, machte ihre primäre professionelle Schauspielausbildung 2016 an der First Take Schauspielakademie, Köln und war von 2020 bis 2022 an der Musikhochschule Detmold. Sie arbeitet für Film, Fernsehen und Theater, ist Sprecherin bei Audio-Produktionen und wirkt an Musicvideos mit.
www.gabriela-burkhardt.de

Zur Protagonistin: Milena Straube, geboren 1992, absolvierte die Hochschule für Musik und Theater Hamburg und erhielt ein Stipendium der Claussen-Simon-Stiftung. Sie stand als Schauspielerin überwiegend in Hamburg auf Bühnen, gastierte am Theater Paderborn, und übernahm Rollen im Fernsehen. 2017 erhielt sie den Publikumspreis beim Hauptsache-frei-Festival Hamburg und den Performancepreis beim Literaturfestival Speyer.

Zur Protagonistin: Aileen Lakatos, geboren 1995, studierte an der Fachhochschule Graubünden Multimedia Production. Sie produzierte gemeinsam mit Nuria Spycher die Webserie "Wir Journalistinnen", wie auch den Dokfilm "Ermias".
www.aileenlakatos-portfolio.com

Zur Protagonistin: Isabelle Bertges, geboren 1997, absolvierte eine Ausbildung an der American Academy of Dramatic Arts in Los Angeles und New York. Sie spielte in Kurz- und Kinofilmen, wie auch im Theater, und gründete das "Resisters Journal".
www.isabellebertges.com

Zur Protagonistin: Lisa Marie Stojcev , geboren 1989, studierte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und erhielt 2014 den Nachwuchsförderpreis der Schauspielbühnen Stuttgart. Sie spielte die Hauptrolle in "Charly", für den Alisa Kolosova den Goldpreis Hofer Filmtage Beste Nachwuchsregie 2021 erhielt. Neben Filmrollen, spielt sie auch im Theater und arbeitet als Sprecherin.

The Case You - Ein Fall von Vielen
Deutschland 2020
Regie: Alison Kuhn
Produktionsleitung: Luis Morat
Kamera / DoP: Lenn Lamster
Protagonistinnen: Gabriela Burkhardt, Milena Straube, Aileen Lakatos, Isabelle Bertges, Lisa Marie Stojcev
Verleih: mindjazz pictures
Lauflänge: 80 Minuten
Kinostart: 10.03.2022
Webseite Film: www.mindjazz-pictures.de

Bundesweite Kinotour mit Regie, Gäst*innen und Kooperationspartner*innen:
06.03.2022, Bonn, Rex: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
06.03.2022, Köln, Odeon: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
07.03.2022, Frankfurt, Mal Seh´n Kino: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
08.03.2022, Leipzig, Passage Kinos: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
09.03.2022, Berlin, Moviemento: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
10.03.2022, Hamburg, Zeise: mit Eva Hubert (Vorstand Themis - Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt e.V.) und Protagonistin Isabelle Bertges und Lisa Marie Stojcev
11.03.2022, Bremen, Cinema im Ostertor: mit der Protagonistin Isabelle Bertges
12.03.2022, Hannover, Kino am Raschplatz: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges und Lisa Marie Stojcev
12.03.2022, Düsseldorf, Bambi: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
13.03.2022, Stuttgart, Atelier am Bollwerk: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
13.03.2022, Tübingen, Arsenal: mit Regisseurin Alison Kuhn und Protagonistin Isabelle Bertges
14.03.2022, München, Rio: mit Protagonistin Isabelle Bertges und Aileen Lakator
15.03.2022, Trier, Broadway: mit Protagonistin Isabelle Bertges

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.themis-vertrauensstelle.de
Themis ist eine unabhängige und überbetriebliche Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Kultur- und Medienbranche.

www.proquote-film.de
Pro Quote Film setzt sich dafür ein, die Präsenz von Frauen in den kreativen Schlüsselpositionen in der Film- und Fernsehbranche, wie auch für die geschlechtergerechte Verteilung von Aufträgen und Fördergeldern

www.schspin.stieve.com
Blog "Gedanken einer Schauspielerin - An Actress´s Thoughts" von Belinde Ruth Stieve, in dem sie medien- und genderpolitische Themen diskutiert, und Untersuchungen, Analysen, Kommentare und Gedanken.

www.obs.coe.int
Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle veröffentlichte am 11. Januar 2022 einen Bericht über weibliche Fachkräfte in der europäischen Filmindustrie.

www.malisastiftung.org
Die Malisa-Stiftung wurde 2016 von Maria und Elisabeth Furtwängler gegründet und steht für eine Gesellschaft, in der alle Geschlechter ihre Potenziale voll entfalten können. Sie engagiert sich auf internationaler Ebene für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Ein Schwerpunkt in Deutschland ist die Darstellung von Frauen und Männern in den Medien. Am 8. Februar 2022 veröffentlichte sie die "Fortschrittsstudie zur audiovisuellen Diversität".

www.seejane.org
Geena Davis Institute on Gender in Media forscht auf verschiedenen Ebenen zur Repräsentation von Geschlecht, Alter und Ethnien in der Filmindustrie und setzt sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen ein

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

SchspIN - Gedanken einer Schauspielerin. Belinde Ruth Stieve im Interview mit AVIVA-Berlin
Überholte Rollenbilder in Film und TV. Die Studie "Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland", initiiert von Dr. Maria Furtwängler, hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. AVIVA-Berlin sprach darüber mit Belinde Ruth Stieve, Schauspielerin und Bloggerin, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. (2017)



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Beitrag vom 09.03.2022

Helga Egetenmeier