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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2022 - Beitrag vom 05.09.2022


Hive - Kinostart am 8. September 2022
Helga Egetenmeier

Basierend auf einer wahren Geschichte. Im Mittelpunkt von Blerta Basholli mehrfach ausgezeichnetem Debütfilm steht der Kampf der Unternehmerin Fahrije Hoti gegen die patriarchalen Strukturen im Nachkriegs-Kosovo. Um ihre Familie zu ernähren entschließt sich diese, entgegen den traditionellen…




... Verhaltensregeln für Frauen, selbstgemachten Ajvar zu verkaufen. Mit dieser Geschichte betrachtet die Filmemacherin die im Kleinen wirkenden Verbindungen zwischen Ökonomie und Patriarchat in einer Zeit der Trauer und des Mangels kurz nach dem Krieg.

Überleben im Nachkriegs-Kosovo - basierend auf der Geschichte von Fahrije Hoti

Drehbuchautorin und Regisseurin Blerta Basholli, die mit ihrem Debütfilm "Hive" auf dem Internationalen Filmfest Braunschweig den Frauenfilmpreis "Die Tilda" gewann, zeigt darin einen kurzen Abschnitt aus dem Leben von Fahrije Hoti. Diese ist heute eine erfolgreiche Unternehmerin für landwirtschaftliche Erzeugnisse und beschäftigt hauptsächlich Frauen. Mit ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit begann sie, als sie nach dem Krieg eine neue Einnahmequelle für ihre Kinder und den Schwiegervater suchen musste. Denn die Bienenstöcke - daher der Filmtitel "Hive" - ihres als vermisst geltenden Mannes produzierten zu wenig Honig, um davon leben zu können.

Die Filmgeschichte spielt vor dem Hintergrund des Massakers im Dorf Krusha e Madhe während des Kosovo-Kriegs. Im März 1999 wurden dort über 240 Menschen getötet und galten, beziehungsweise gelten noch immer als vermisst. Einer, der bis heute nicht gefunden wurde, ist Fahrijes Mann Bashkim Hoti. Für die hinterbliebenen Frauen in dem traditionell-patriarchal geprägten Ort entstand aus dieser Gräueltat ein Vakuum, da die Männer, die die Rolle der Ernährer in der Familie einnahmen, fehlten.

Patriarchales Rollenverständnis: Care-Arbeit statt Lohnarbeit für Frauen

Zu Beginn des Films holt Fahrije Hoti, gespielt von Yllka Gashi als ruhige, in sich gekehrte Frau, in einem weißen Schutzanzug Honig aus den Bienenstöcken, den ihr Schwiegervater auf dem Markt verkauft. Kurz danach taucht dieses weiß in ähnlicher Form erneut auf, es sind jedoch Leichensäcke, die sie nach den Überresten ihres Mannes durchsucht. Sie möchte Gewissheit haben, ob sie weiter hoffen kann, dass er noch am Leben ist. Auch ihr im Rollstuhl sitzender Schwiegervater und ihre jugendliche Tochter wollen an die Rückkehr des Sohnes und des Vaters glauben. Deshalb sind sie dagegen, dass Hoti sich eine bezahlte Arbeit sucht. Denn in den traditionellen Vorstellungen des Dorfes würde sie damit die Ehre ihres Mannes "beschmutzen".

Um die Frage, wie die Frauen den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern sollen, dreht sich der Konflikt, den die Filmemacherin in den Mittelpunkt nimmt. Als bei einem Treffen des Frauenbundes darüber diskutiert wird, fängt die Kamera die Unsicherheit und das Zaudern in ihren Gesichtern ein. Denn ihre Angst vor den Reaktionen im Dorf ist groß. Nur Fahrije Hoti traut sich, den Führerschein zu machen, um anschließend mit einem gespendeten Auto ihren selbstgemachten Ajvar zu verkaufen.

Obwohl die Männer des Dorfes ihr traditionelles Rollenverständnis aggressiv verteidigen, indem sie Hoti beschimpfen und ihr Auto mit Steinen bewerfen, lässt sie sich nicht beirren. Ohne viele Worte zeigt der Film die Stärke einer Frau, die verantwortungsvoll handelt und damit ihrer Familie und den anderen Frauen im Dorf die ökonomische Basis zum Leben schafft. Immer mehr Frauen erkennen, dass Hoti die richtige Entscheidung getroffen hat und nehmen bei ihr einen bezahlten Job an.

Zwei Filmemacherinnen und ihr Blick auf Kriegsgesellschaften

Mit Blerta Basholli und Maryna Er Gorbach bringen dieses Jahr zwei junge Regisseurinnen, die auch das Drehbuch verantworten, ihre Spielfilme über patriarchale Strukturen in den Kriegsgesellschaften ihrer Geburtsländer in die Kinos. Damit kommt das aktuelle und wichtige Thema Krieg und Patriarchat zur Diskussion vor ein Kinopublikum.

Wie im ostukrainischen Gebiet Donezk im Jahr 2014 männliches Rollenverhalten und frauenverachtendes Machtgebaren zusammenwirken, betrachtet die in Kiew geborene Regisseurin Maryna Er Gorbach in ihrem im März 2022 in die Kinos gekommenen Film "Klondike". Sinnbildlich umgesetzt mit einer hochschwangeren Protagonistin, zeigt sie eine dystopische Vorkriegszeit, in einem Gebiet, in dem heute Krieg ist.
Die in Prishtina geborene Blerta Basholli wählte den Kosovo im Jahr 1999 für ihre Auseinandersetzung mit dessen Nachkriegsgesellschaft. In diesem Gebiet, in dem heute immer noch Konflikte bestehen, konzentriert sie sich auf patriarchale Traditionen, die Frauen ihre Selbstständigkeit verbieten.

Beide Filmemacherinnen zeigen, wie Frauen in kriegerischen Zeiten vermehrt mit der Bedrohung leben, aufgrund ihres Geschlechts angegriffen und bevormundet zu werden. Dass im Medium Film der Krieg als Ausdruck patriarchalen Machtstrebens wieder hinterfragt wird, ist auch den Arbeiten dieser beiden Regisseurinnen zu verdanken.

AVIVA-Tipp: Dieser Spielfilm, der auf einer realen Lebensgeschichte basiert, zeigt den außergewöhnlichen Mut einer Frau, die gegen alle patriarchalen Widerstände einer traditionellen dörflichen Nachkriegs-Gesellschaft ihre Selbstständigkeit erkämpft. Blerta Basholli hat diesen Weg von Fahrije Hoti mit klaren Bildern und ohne viel Worte zu einem beeindruckenden Film komponiert.

Auszeichnungen:
2021: Sundance Filmfestival: World Cinema Grand Jury Prize - Dramatic, Audience Award - World Cinema Dramatic, Directing Award - World Cinema Dramatic
2021: Warsaw International Filmfestival - Gewinner Wettbewerb 1-2
2021: PrieFest - Pristina International Film, Festival Best Balkan Feature Film Annual Achievement Award
2021: Semana International de Cine, Fundos Award des Offiziellen Wettbewerbs (ex aeque) und Preis für Beste Schauspielerin Yllka Gashi
2021: Les Arcs, Festival de Cinema Européen des Arcs, Publikumspreis und Preis der Jugendjury
2021: Internationales Thessaloniki Film Festival, Fischer Publikumspreis der Balkan Survey Sektion
2021: 36. Unabhängiges FilmFest Osnabrück, Gewinner Friedenspreis
2021: Braunschweig Internationales Filmfest, Gewinner Frauenfilmpreis "Die Tilda"
2021: Filmfest Hamburg, NDR Nachwuchspreis

Zur Regisseurin: Blerta Basholli, geboren in Prishtina, kam im April 1999 als Kriegsflüchtling nach Deutschland und ging mit ihrer Familie im August 1999 dorthin zurück. Später lebte und studierte sie in New York und arbeitete gleichzeitig an ersten Filmprojekten. Sie wurde 2008 mit dem Deans Fellowship des Film Graduate Program an der Tisch School of the Arts der New York University ausgezeichnet. Im Jahr 2011 kehrte sie an ihren Geburtsort zurück und wirkte dort als Autorin und Regisseurin an zahlreichen Kurz- und Spielfilmen mit. Seit 2011 arbeitete sie an der Entwicklung von "Hive", ihrem Spielfilmdebüt.
Mehr Info: twitter.com/Blertabb

Zur Hauptdarstellerin: Yllka Gashi, geboren 1982 in Prishtina, studierte an der Kunstfakultät der Universität von Prishtina und begann ihre Schauspielkarriere mit siebzehn Jahren. Bekannt wurde sie durch die Rolle der "Zana" in der albanischen Serie "Famijla Moderne" (2002-2011), die nach dem Kosovo-Krieg ausgestrahlt wurde. Sie spielte in Filmen unterschiedlicher Genres und erhielt 2004 den Preis für die beste Schauspielerin beim Theaterfestival "Setkani/Encounter" in der Tschechischen Republik. Für UNICEFwar sie Ambassador und für Save The Children-Kosovo Botschafterin. Seit 2015 lebt sie mit ihrer Familie in den USA.
Mehr Info: www.yllkagashi.com

Hive
Schweiz, Albanien, Nordmazedonien, Kosovo 2021
Regie und Drehbuch: Blerta Basholli
DarstellerInnen: Yllka Gashi, Cun Lajci, Aurita Agushi, Kumrije Hoxha, u.a.
Kamera: Alex Bloom
Kostüm: Hana Zeqa, Fjorela Mirdita
Verleih: jip film & verleih
Lauflänge: 84 Minuten
Kinostart: 08.09.2022
Mehr zum Film unter: www.hive.de

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Beitrag vom 05.09.2022

Helga Egetenmeier