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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 12.11.2008


Stolperstein
AVIVA-Redaktion

Der unter der Regie von Dörte Franke entstandene Dokumentarfilm "Stolperstein" portraitiert Gunter Demnigs Kunstprojekt, das an die Opfer des deutschen Nationalsozialismus erinnert.




Mit dem Ziel, den Opfern des deutschen Nationalsozialismus ein Gesicht zu geben, startete der Künstler Gunter Demnig im Jahr 2000 sein Projekt "Stolpersteine". Pflastersteingroße Messingplatten erinnern auf dem Gehweg vor den ehemaligen Wohngebäuden der Ermordeten an die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Demnig will den in der NS-Tötungsmaschinerie Verschwundenen "Namen statt Nummern" geben und macht mit den in mühevoller Handarbeit gefertigten Gedenksteinen auf ihr Schicksal aufmerksam.

Der Dokumentarfilm "Stolperstein" widmet sich der Geschichte, den Schwierigkeiten und insbesondere dem Alltag eines ungewöhnlichen Projektes und seinem Initiator Gunter Demnig. Doch die Stolpersteine sind im Laufe der vergangenen acht Jahre zu weit mehr als symbolischen Kunstwerken geworden. Das dezentrale Kunstprojekt ist für viele zum Grundstein der persönlichen Auseinandersetzung mit einer nationalsozialistischen Vergangenheit geworden. Der Dokumentarfilm zeigt Töchter von SS-Offizieren, die voller Hingabe die Gedenksteine von Opfern blank scheuern und andere, die Patenschaften für die Pflege einzelner Mahnmale übernehmen. Nicht zu sprechen von den zahllosen AntragstellerInnen, die deutschlandweit auf "ihren" Stolperstein, der an ermordete Familienmitglieder oder verschwundene VormieterInnen erinnern soll, warten. Die Projektkoordinatorin Ute Frank hat mit der Planung der Verlegungen alle Hände voll zu tun, denn die Zahl der AntragstellerInnen nimmt stetig zu. Das ehrgeizige Ziel, Stolpersteine auch in anderen EU-Ländern zu verlegen, hat dazu beigetragen, dass "Stolpersteine" ein für die InitiatorInnen völlig unerwartetes Ausmaß annahmen. Mittlerweile musste Gunter Demnig die zeitintensive Fertigung der Messingplatten an einen befreundeten Kollegen abgeben, lediglich die Verlegung der Steine kann er noch selbst übernehmen.

Doch das Projekt ruft nicht nur BefürworterInnen und UnterstützerInnen, sondern auch zahlreiche GegnerInnen und KritikerInnen auf den Plan. Die feierliche Verlegung der Gedenksteine muss insbesondere in den neuen Bundesländern oft unter Polizeischutz stattfinden. Leider sind weder die Beschädigungen noch das Verschwinden der Mahnmale eine Seltenheit. Auch im Zentralrat der Juden ist Demnigs Projekt heftig umstritten. Darüber hinaus unterbindet eine der größten deutschen Städte, München, die Verlegung der Steine. Der Dokumentarfilm verdeutlicht, dass die Leidtragenden eines solchen Verbotes zumeist die Hinterbliebenen der NS-Opfer sind. Der interviewte 85-jährige Peter Jordan kämpft seit Jahren für die Verlegung von Stolpersteinen vor dem Münchner Wohnhaus seiner ermordeten Eltern. Die dort bereits verlegten Stolpersteine ließ die Stadtverwaltung entfernen und auf den jüdischen Friedhof ausquartieren. Dass der Sohn diese Aktion als zweite Deportation seiner Eltern empfindet, kümmert wenig. Längst sind die Stolpersteine zum Politikum geworden.

Mittlerweile gibt es in der ganzen Bundesrepublik ungefähr 15.000 Stolpersteine. Auch wenn sie noch immer Reaktionen wie Gleichgültigkeit, Unverständnis und Häme, hervorrufen, gelingt ihnen Eines stets: die öffentliche Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands aufrecht zu erhalten und anzuregen.

AVIVA-Tipp: Der feinfühlige Dokumentarfilm über das größte dezentrale Denkmal der Welt führt den ZuschauerInnen vor Augen, wie der Alltag eines außergewöhnlichen, künstlerisch-bürgerschaftlichen Engagements gegen den Nationalsozialismus aussieht. Der Film trägt entschieden dazu bei, den heutigen Generationen die unbequeme Frage vor Augen zu führen, wie das eigene Verhalten damals ausgesehen hätte und wie es heute angesichts von Ungerechtigkeit und Unterdrückung aussehen sollte.


Stolperstein
Deutschland 2008
Regie und Drehbuch: Dörte Franke
Verleih: Film Kino Text
Laufzeit: 73 Minuten
Kinostart: 06.11.2008

Mehr Informationen zum Projekt "Stolpersteine" finden Sie unter: www.stolpersteine.com


Zur Regisseurin: Dörte Franke wurde 1974 in Leipzig geboren und reiste 1982 bereits in die BRD aus. Sie studierte Politik, Germanistik und Geschichte in Köln und von 2001 bis 2005 Dramaturgie an der HFF Potsdam-Babelsberg. Sie veröffentlichte bisher zwei Romane im Jahr 2000 "die einen wetten, die anderen warten" und 2002 "denkmalimkopf". Seit 2000 führte sie in zahlreichen Kurz- und Dokumentarfilmen Regie und schrieb Drehbücher.


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Stolpersteine - ein unbequemes Projekt".

"Streit um Stolpersteine".

"Zwei neue Stolpersteine in Neukölln" von Erica Fischer.


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Beitrag vom 12.11.2008

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