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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 09.02.2009


Das Fräulein
Kristina Tencic

Eigensinnig und stark sind die drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die Andrea Staka in ihrem Filmdebut porträtiert. Doch in einem fremden Land braucht frau mehr zum Leben als Kraft und Mut




Ruza hat es nicht leicht. Als sie in den 1970er Jahren, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Ruhm und Erfolg, von Serbien aus in die Schweiz migrierte, war ihr noch nicht klar, was dies wirklich bedeutet. Wenn sie morgens aufsteht, ihre Armbanduhr auf die bereits durch einen Abdruck am Handgelenk vorgeschriebene Stelle legt und mit festen Schritten zu ihrer eigenen kleinen Kantine geht, dann erkennt man sehr genau – diese Frau hat nichts geschenkt bekommen im Leben. Dass sie auch nichts geschenkt bekommen möchte, ist die andere Sache. Streng zu sich selbst und zu anderen, verschließt sie sich jedweder Emotion zu ihren Mitmenschen.

Ganz im Gegensatz dazu lässt Ana keine Gelegenheit aus, Gefühle am Schopfe zu packen, sie auszuleben und sich voll und ganz hinzugeben. Die junge Bosnierin ist soeben von Sarajevo nach Zürich getrampt, zieht auf der Suche nach einem Schlafplatz und auf der Flucht vor sich selbst durch Bars und Diskotheken und landet durch einen Zufall in Ruzas Kantine. Dort wird die hilfsbereite und anpassungsfähige 22-Jährige auch sogleich eingestellt und lernt Mila, eine in die Jahre gekommene Kroatin kennen, die noch immer an dem Traum von einer Rückkehr in die Heimat festhält.

Obgleich alle drei Frauen verschiedenen Ursprungs und verschiedenen Alters sind, verbindet sie die Erfahrung der Entwurzelung und Fremdheit. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien spielt dabei keine vordergründige Rolle, ist jedoch bei jeder der drei Migrantinnen stets präsent und muss immer mitgedacht werden. Die Verdrängung der Herkunft Ruzas, die verblassende Bindung Milas zu ihrer alten Heimat und die Rastlosigkeit der Globetrotterin Ana machen diesen Film zu einem einzigartigen Porträt über das Schicksal von EinwanderInnen. Ihre Erfahrungen in der Schweiz stehen dabei nur beispielhaft für die Lebensläufe unzähliger freiwilliger oder unfreiwilliger Flüchtlinge aus allen Ländern der Erde. Was verbindet, ist die Hoffnung einerseits und andererseits die ernüchternde Enttäuschung, dass man sich anpassen, aber unmöglich seine Herkunft verleugnen kann. Doch warum sollte man dies auch tun?

AVIVA-Tipp: Sehr feinfühlig, authentisch und offen erzählt die Regisseurin Andrea Staka die Geschichte der Serbin, Bosnierin und Kroatin, die in der Fremde zu ihrer eigentlichen Identität gelangen: Nämlich als eigenwillige Frauen, die eine Sehnsucht vereint und etwas Unterstützung bedürfen. Denn eine Freundschaft braucht nun mal keinen Pass.


Zur Autorin: Andrea Staka wurde 1973 in der Schweiz geboren. Ihre Familie stammt aus Kroatien und Bosnien. Von 1993 an studierte sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich und schloss mit dem international beachteten und preisgekrönten Kurzfilm "Hotel Belgrad" ab. "Das Fräulein" ist ihr erster, langer Kinospielfilm und gewann u.a. den "Golden Leopard" auf dem Filmfestival in Locarno und den Preis "Best Film and Actress" auf dem Filmfestival in Sarajevo. Andrea Staka lebt in Zürich und New York.


Das Fräulein
Schweiz/Deutschland 2006
Regie: Andrea Staka
Drehbuch: Andrea Staka
Darstellerinnen: Mirjana Karanovic, Marija Skaricic, Ljubica Jovic u.a.
Verleih: Filmgalerie 451
Spielzeit: 81 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
DVD-Extras: Making of - Interviews - Filmbeitrag über Andrea Štaka - Outtakes - Trailer, (Extras gesamt ca. 40 min.)
Empf. VK 19,90 Euro
EAN-Code: 9783937045924 / ISBN: 978-3-937045-92-4
www.filmgalerie451.de
www.dasfraulein.ch


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Rezension zu dem preisgekrönten Film "Esmas Geheimnis/Grbavica" in dem die bekannte serbische Schauspielerin Mirjana Karanovic auch mitspielt.

Das Interview mit der Regisseurin von "Grbavica", Jasmila Zbanic.

Die Rezension des Romans von Dubravka Ugresic "Baba Jaga legt ein Ei".



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Beitrag vom 09.02.2009

Kristina Tencic 






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