Glückliche Fügung - Ein Film von Isabelle Stever - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 21.01.2011


Glückliche Fügung - Ein Film von Isabelle Stever
Evelyn Gaida

Als Frau alleine weggehen, nachts, an Silvester. Ein Tabubruch, der die Fantasie auf einen Trip schicken könnte durch die Finsternis gesellschaftlicher Voreingenommenheit oder die surrealen ...




... Farben der Nacht. Isabelle Stever entscheidet sich in ihrer Adaption einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Anke Stelling für die Darstellung des Tristen, Starren, Leblosen. Die Hauptfigur des Films ist eine Frau (Annika Kuhl), für die sich niemand interessiert und von der man nichts erfährt, außer, dass sie einmal Landesmeisterin in einer exotischen Schwimmdisziplin war und sehr unglücklich ist.

Stevers Bilder stehen da wie vergessene Möbel in leeren Zimmern, ebenso isoliert wie die verhinderte Protagonistin, die abgekapselt, verstockt und hilflos ihrem eigenen Leben zusieht. Das mag nach einem geschickten Kunstgriff klingen und ist wohl auch als solcher gedacht. "Bedeutungsschwangeres" Nichtssagen, Aneinander-Vorbeireden und starre Einstellungen im abendfüllenden Kinoformat ergeben jedoch ganz simpel eine überdimensionierte Leerstelle.

Schwanger wird auch Simone, eine einsame Enddreißigerin. An Silvester geht sie mit sich selbst aus, bestellt einige Getränke, tanzt ein bisschen und findet sich am nächsten Morgen neben einem unbekannten, schlafenden Mann (Stefan Rudolf) in dessen Auto wieder. Sie zieht ihre Strumpfhose hoch und verschwindet.

Ein "irrsinniger Zufall" will es jedoch, dass Hannes, der werdende Vater, plötzlich im Aufzug steht, als Simone von ihrem Termin beim Gynäkologen kommt. Er ist Krankenpfleger in der Klinik, in der Simones Schwangerschaft festgestellt wird – und freut sich über das Kind.

Was folgt ist eine Aushöhlung sämtlicher Klischeemotive kleinbürgerlichen Glücks: Der obligatorische Waldspaziergang mit rudimentärem gegenseitigem Austausch genügt ("Magst du Hunde?", "Bist du Vegetarierin?", "Sind wir jetzt eigentlich ein Paar?"), schon wird das Reihenhäuschen am Waldrand renoviert und bezogen, empfängt Simone ihren Hannes als vorbildliche Hausfrau mit Kartoffelauflauf und allerlei Fleischkreationen, laufen beide im Partnerlook durch den Supermarkt und Verhandeln das Heiraten im selben Atemzug mit dem Anschaffen eines Rasenmähers.

Leider bleiben vor allem die Charaktere selbst hohl und unglaubwürdig, bleibt die Absurdität der Dialoge bloß absurd. Simone: "Ich liebe dich." Hannes: "Möchtest du was essen?"
Hannes ist die Schweigsamkeit und Unselbständigkeit seiner Freundin gerade recht, Simone reicht ihm als hübsche "Leihmutter" seines Kindes offensichtlich vollkommen aus. Seine geradezu penetrante Freundlichkeit ist die säuselnde Maske eines gigantischen Desinteresses. Er stellt nie substanzielle Fragen, möchte im wahrsten Sinne des Wortes nichts von Simone wissen, geht selbst über den Ex-Freund (Arno Frisch) gleichmütig hinweg, den er eines Abends zu Hause mit ihr antrifft. Hannes wäre in jedem Psychothriller bestens aufgehoben, man wartet nur darauf, dass seine unnatürliche Sanftheit einer psychopathischen Raserei weicht. Die Regisseurin bezeichnet ihn als "Freundlichkeitsmonster", das sie in einem Horrorfilm platziere.

Dieser Film tut es Hannes gleich: Er bringt über Simones Hintergrund nichts in Erfahrung. Was machte sie, bevor sie als strickendes Heimchen am Herd ins Reihenhaus zog? Was hat es mit dem ebenso psychopathisch wirkenden Ex-Freund auf sich? Warum ist Simone nicht in der Lage, sich irgendwie mitzuteilen, warum verhält sie sich so gehemmt und menschenscheu? Anfallweise bricht sie in Tränen aus, stürzt sich hochschwanger vom Fahrrad oder löchert Hannes mit eifersüchtigen Fragen, die von einem übermächtigen Minderwertigkeitskomplex zeugen. Im Grunde kreist die Handlung um nichts, als ein ominöses Fragezeichen - und begegnet ihren eigenen Motiven mit großer Ignoranz.

AVIVA-Fazit: Wen eine nicht so glückliche Fügung in diesen Film verschlägt, sollte sich etwas zum Stricken mitnehmen.

Zur Regisseurin: Isabelle Stever wurde 1963 in München geboren. Seit 1984 lebt sie in Berlin. Regelmäßige Mitarbeit an Kino- und Fernsehfilmen sowie Kunstausstellungen. Mathematikstudium an der Technischen Universität Berlin, Diplom 1994 und Beginn des Regiestudiums an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin. Isabelle Stevers Abschlussfilm ERSTE EHE wird 2002 u.a. mit dem Regie-Nachwuchspreis First Steps als bester Spielfilm ausgezeichnet. 2005 folgt GISELA, der auf dem Internationalen Filmfestival Locarno uraufgeführt und u.a. mit dem österreichischen Crossing Europe ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit 12 anderen RegisseurInnen verwirklicht Isabelle Stever das Filmprojekt DEUTSCHLAND 09, das im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wird.

Glückliche Fügung
Deutschland 2010
Regie: Isabelle Stever
Buch: Isabelle Stever, Anke Stelling
DarstellerInnen: Annika Kuhl, Stefan Rudolf, Arno Frisch, Maria Simon, Juan Carlos Lopez, Hanns Zischler u.a.
Verleih: Movienet Film
Lauflänge: 90 Minuten
Kinostart: 20. Januar 2011

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.movienetfilm.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Es ist gut, dass du nichts sagst, Gisela

Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe

Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken


Kunst + Kultur > Film

Beitrag vom 21.01.2011

Evelyn Gaida 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Roamers – Follow your Likes, Kinostart: 22. Juli 2021

. . . . PR . . . .

 Roamers – Follow your Likes
Der Dokumentarfilm ROAMERS erzählt von der Suche "Digitaler Nomaden" auf der Jagd nach dem nächsten, perfekten Moment nach Sinn und Halt in einer neuen, digitalen Welt unzähliger Möglichkeiten.
Mehr zum Film und Termine der Kinotour in Anwesenheit der Regisseurin Lena Leonhardt unter: www.camino-film.com/filme/roamers

fair share! Sichtbarkeit für Künstlerinnen

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Online: Die Videoaufzeichnung der Panel-Diskussion "Fragmented Narratives"

Erinnerungspolitiken im Spiegel von Rassismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart.
Mit Dr. Lea Wohl von Haselberg, Veronika Kracher, Dr. Ingrid Strobl, Dr. Michal B Ron. Moderiert von Sharon Adler. Im Rahmen der Ausstellung mit Werken von Elianna Renner und Sharon Paz bei alpha nova & galerie futura

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de


Kooperationen

GEDOK-Berlin
Paula Panke
RuT - Rad und Tat e.V.
Begine