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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 27.09.2018


Madeleine Peyroux - ANTHEM
Nora Rauschenbach

In ihrem neunten Album liefert uns die US-amerikanische Singer-Songwriterin Madeleine Peyroux einen nüchternen und doch auch poetischen Blick auf die aktuelle weltpolitische Lage. Die ehemalige Straßenmusikerin bezeichnet dabei ihr neues Werk als ihr "bisher größtes Projekt".




Direkt beeinflusst wurde Peyroux´ Album durch die…

US-amerikanische Präsidentschaftswahl 2016

…und den Amtsantritt Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, wie sie gegenüber dem Musikmagazin "uDiscoverMusic.com" im Interview erklärt: "I was touring constantly during that time in the United States throughout the campaign while the debates, caucuses and primaries were going on."

Auch das dreifarbige, von Madeleine Peyroux selbst gestaltete Albumcover habe eine politische Message, so die Musikerin im Interview: "It´s meant to be blurred and unclear. I took the colours of the American flag and placed them in a way that didn´t represent any particular flag – or any political policy – that I could find. I wanted to evoke a question: where do you stand? I´m questioning what we believe in and what we think democracy means and how we intend to continue to create it."

Diese politischen Überzeugungen spiegeln sich in den Songs der 1974-geborenen Sängerin wider. Verknüpft sind sie mit ihren persönlichen Erfahrungen, etwa in dem kämpferisch anmutenden Track "We Might As Well Dance":

"The times are changing and tensions are rising,
But fear can never be our guiding light
I´m not a fool, I know what hate is disguising
And only love can bring the will to fight"


Im Song "Lullaby" / "Canción de Cuna", den Madeleine Peyroux sowohl auf englisch als auch auf spanisch singt, spricht sie ein ebenfalls aktuell politisch-relevantes Thema an: Das der Flucht und Migration ("I´m afraid The oceans wide I´m small / Memories Haunt me Of a time before the war / Blue wind rolling Red sky dawning / Warm skin glowing Strange thoughts haunting"). Der Track "The Brand New Deal" kann als gesellschaftspolitischer Kommentar verstanden warden, der von Diskriminierungen jeglicher Art erzählt: "commodification, consumerization, deregulation, privatization, objectification, sexualization, rationalization, overcompensation, disinformation, discrimination, under-education, de facto segregation, homogenization, criminalization, desensitization" und "mass incarceration".

Bei all dieser Einbeziehung von gesellschaftlich relevanten Themen hat Madeleine Peyroux das weiche Timbre ihrer Stimme beibehalten und erinnert damit an US-amerikanische Jazz-Größen wie Billie Holiday und Sarah Vaughn. Auch Parallelen zu der kanadischen Singer-Songwriterin Joni Mitchell, deren Ex-Mann Larry Klein hinter der Produktion von "ANTHEM" steckt, sind vorhanden.

Trotz der stets präsenten Melancholie in der Stimme Madeleine Peyroux´ und hinter ihren Texten, die schon in ihrem ersten vollständig von ihr selbst komponierten Album "Bare Bones" gegenwärtig war, findet sich in den Kompositionen der Sängerin doch…

…auch eine verspielte Leichtigkeit.

So in ihrem an die 1970er-Jahre erinnernden Track "Party Tyme". Der eingängige Refrain ("This is Party Time! Try to Remember It´s Party Hearty Time! / This is Party Time! Let´s get together / Got to Have a Party Hearty Party all the Time!") lässt hier zunächst an eine lockere Partystimmung denken, dabei steckt viel mehr dahinter:

"Sally had a cigaret she wanted a doob
Bob said "you´re an addict." Sally said "well, that´s true."
Bob said "Sally tell me, What´s so frightening to you?"
"Well, just being in this city and sitting here with you."
, beschäftigt sich die aus Georgia stammende Singer-Songwriterin mit genau der richtigen Spur an Ironie und Sarkasmus mit den Schattenseiten des Party-Lebens: Sucht und Einsamkeit.

Zu den Songs, die zwar von einer tiefen Ernsthaftigkeit geprägt sind, aber dennoch eine gewisse Leichtigkeit transportieren, gehört auch das von der vollen Stimme Madeleine Peyroux´ dominierte "On My Own". Hier beschäftigt sich die Künstlerin mit der verunsichernden Frage nach dem Unbekannten ("Ah! What am I missing here? Ah! Something has disappeared / Cause I´m all alone like a leaf that´s blown into the great unknown / On my own") und verschafft uns durch die Unbefangenheit ihrer Stimme und die subtile Begleitung ihrer Band das Gefühl, vom Wind davongetragen zu werden.

Eine andere musikalische Stimmung wird durch die Soloeinlagen der Bläser sowie Instrumente wie Tamburin und Mundharmonika in "On A Sunday Afternoon" erzeugt, die an eine entspannte Kaffeehaus-Situation erinnern. Erst auf den zweiten Blick, sehr unterschwellig also, fällt so erneut die Tiefe hinter Lyrics wie "Martha hitched from San Francisco back to her parents´ by the Bay / She´s doin´ mandalas and boxing at least that´s what the doctors say" auf.

Inspirationen und Coversongs

Doch nicht nur mit ihren selbstgeschriebenen Songs überzeugt die 44-Jährige. Wie auch schon in früheren Alben, etwa in dem 2006 erschienenen "Half The Perfect World", kombiniert sie ihre eigenen Kompositionen und Lyrics mit denen anderer Künstler*innen, die sie verehrt.
Bereits zum dritten Mal interpretiert Peyroux ein Werk des kanadischen Singer-Songwriters, Dichters und Schriftstellers Leonard Cohen: In dem titelgebenden Song des Albums "Anthem" geht es um Hoffnung, wenn eine Situation schon aussichtslos scheint ("There is a crack in everything / That´s how the light gets in"), wie Cohen selbst auf seinem Album "The Future – Radio Special" (1992) konstatierte:

"And worse, there is a crack in everything that you can put together: Physical objects, mental objects, constructions of any kind. But that´s where the light gets in, and that´s where the resurrection is and that´s where the return, that´s where the repentance is. It is with the confrontation, with the brokenness of things."

Neben der Poesie von Leonard Cohen widmet sich Madeleine Peyroux in ihrem Song "Liberté" dem Werk des französischen, surrealistischen Dichters Paul Éluard (Eugène Émile Paul Grindel, 1895-1952). Das gleichnamige Gedicht hatte der Lyriker 1942 geschrieben, während er sich nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht im Untergrund versteckt hielt und in der "Résistance" aktiv war.

Madeleine Peyroux entdeckte das ursprünglich 21 Strophen umfassende Gedicht, als sie von der Kuratorin am Cite de l´Architecture Museum in Paris und Freundin der Familie, Carole Lenfant, gebeten wurde, einen Song für den Dokumentarfilm "Sur La Pointe des Pieds" zu schreiben. Darin geht es um die tödliche Erkrankung von Caroles Sohn und den Umgang ihrer Familie damit. Der französische Sänger Marc Lavoine hatte zuvor das Gedicht für das Wohltätigkeitskonzert "Les Enfoirés 2016" vertont und so stießen Peyroux und Klein auf den Song.

Besonders in diesem für das Album adaptierten und arrangierten Track profitieren wir als Hörer*innen von der sanften, weichen Stimme der Sängerin, die hier vor allem in den leisen Tönen berührt und durch die Begleitung von Akustikgitarre und Synthie-Streichern gut zur Geltung kommt.

AVIVA-Tipp: "Anthem" meint laut Duden eine "(in der englischen Kirchenmusik seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts) motetten- oder kantatenartige Vertonung eines biblischen Textes in englischer Sprache". Die Cambridge University Press 2014 erklärt "Anthem" so: "a song that has special importance for a particular group of people, an organization, or a country, often sung on a special occasion."
Mit ihrem neunten Album hat Madeleine Peyroux ihre eigene Interpretation dieses Begriffs geschaffen.

Zur Musikerin: Madeleine Peyroux wurde 1974 in den Vereinigten Staaten von Amerika in Athens, Georgia geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in New York. Mit 15 Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Paris, wo sie in den neunziger Jahren ein Leben als Straßenmusikerin führte. Sie wurde auf der Straße von Yves Beauvais (Atlantic Records) entdeckt. Dieser hörte sie dort singen und verpflichtete sie 1996 für sein Label.
Daraufhin wurde ihr Debütalbum "Dreamland" (1996) produziert. Sie trat bei großen Jazzfestivals und im Rahmen der Lilith-Fair-Konzerttourneen auf oder spielte im Vorprogramm von Größen wie der kanadischen Singer-Songwriterin Sarah McLachlan und der Sängerin Cesária Évora, während sich "Dreamland" weltweit über 200.000 Mal verkaufte. Jedoch entschied sich Peyroux dazu, eine achtjährige Auszeit einzulegen, in der sie nur einzelne Tracks veröffentlichte.
2004 brachte Madeleine Peyroux ihr zweites Album, "Careless Love", heraus. "Half The Perfect World" (2006), "Bare Bones" (2009), "Standing On The Roof Top" (2011), "The Blue Room" (2013) und "Secular Hymns" (2016) folgten.

Mehr Informationen zu Madeleine Peyroux unter:
www.madeleinepeyroux.com
www.facebook.com/MadeleinePeyroux
www.twitter.com/mpeyrouxmusic

Madeleine Peyroux
ANTHEM

Universal Music
VÖ: 31. August 2018
Weitere Informationen unter: www.universal-music.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Madeleine Peyroux - Secular hymns
Die Idee an sich klingt vielversprechend: Peyroux reduziert sich auf Stimme, Kontrabass und Gitarre. Auch der Aufnahmeort klingt äußerst interessant: eine kleine, historische südostenglische Kirche. Aber, das Ergebnis ist nicht überzeugend… (2016)

Madeleine Peyroux - Standing On The Rooftop
Mit mutigeren Klängen, einer reiferen Stimme, die sich auch über den Jazz hinaus orientiert und neuen musikalischen WeggefährtInnen begeistert die US-amerikanische Sängerin mit einem fünften, abwechslungsreichen Album. (2011)

Madeleine Peyroux - Bare Bones
Die zurückhaltende und medienscheue Sängerin hat ein stilistisch sehr differenziertes viertes Album aufgenommen, das Elemente von Jazz, Folk und Blues aufweist. Ihre Stimme überzeugt dabei einmal mehr, und die Ähnlichkeiten mit ihrer `großen Schwester` Billie Holiday ist frappierend. (2009)

Madeleine Peyroux - Half the perfect world
Jazzmusik ganz im Stile der dreißiger und vierziger Jahre, "in einer derart souverän-lässigen Manier interpretiert, als wäre sie selbst eine Zeitgenossin dieser legendären Künstlerinnen gewesen." (2006)


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Beitrag vom 27.09.2018

Nora Rauschenbach 






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