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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.12.2007

Marlene Zinken, Der unverstellte Blick
Anna Tremper

Töchter erinnern sich an das Leben ihrer MĂŒtter. Sie erzĂ€hlen von den Strapazen, die ihre MĂŒtter und teilweise auch sie selbst in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit durchlebten



Eine der erzĂ€hlenden Töchter ist die ehemalige Bundestagsabgeordnete Uta WĂŒrfel. Sie erzĂ€hlt die Geschichte ihrer Mutter, Lotte Weber, die 1944 hochschwanger aus ihrer Heimat Ostpreußen fliehen muss. Auf DrĂ€ngen ihres Mannes hin sucht sie mit ihren Kindern Zuflucht in Bayern. Lebensmittel sind auch dort Mangelware und so verzichtet sie fĂŒr ihre Kinder auf Nahrung, wie es in dieser Zeit sicherlich viele MĂŒtter taten. Die MitbegrĂŒnderin des "Haus der FrauenGeschichte" Monika Hinterberger berichtet von ihrer Mutter Marta Meßer, die die Unmenschlichkeit mitbekam, die den Juden nach 1933 mit aller Gewalt entgegenschlug. Wir erfahren von der Hilflosigkeit, mit der sie diesen Taten zunĂ€chst gegenĂŒber stand und davon, wie sie sich entschloss im "Kleinen" etwas zu tun und flĂŒchtenden Juden zu helfen. Doch es werden auch Fragen von Monika Hinterberger an ihre Mutter bzw. an ihre Eltern laut. Sie fragt nach möglichen VersĂ€umnissen im Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Ingrid Willing berichtet von dem Grauen, das ihrer Mutter Hanna Geber und ihrer gesamten Familie wĂ€hrend der Judenverfolgung widerfahren ist. Hanna ĂŒberlebt zwar, doch viele Mitglieder ihrer Familie wurden von den Nazis ermordet.

So finden sich unterschiedlichste Geschichten in diesem Buch, die die Vergangenheit aus verschiedenen Perspektiven zeigen. Neben einem Einblick in die Kriegs- und Nachkriegszeit erhalten die LeserInnen durch die RahmenerzĂ€hlungen hier ganz nebenbei auch noch Informationen darĂŒber, wie das alltĂ€gliche Leben von Frauen noch vor sechzig Jahren ausgesehen haben mag.

Zur Herausgeberin: Marlene Zinken lĂ€sst in ihrem Buch Töchter sprechen. Töchter von Frauen, die den zweiten Weltkrieg durchleben mussten. 27 Autorinnen schreiben ĂŒber das Leben ihrer MĂŒtter in den Jahren 1938 bis 1958. "Eine Zeit vielfach geprĂ€gt von Krieg, Gewalt, Verlust, Verfolgung und Vertreibung." In sieben Kapiteln berichten sie, was ihre MĂŒtter ihnen aus dieser prĂ€genden Zeit ĂŒberliefert haben und was sie mitunter selbst noch erinnern können. Aber nicht nur von den MĂŒttern ist die Rede.

"Der unverstellte Blick" ist sorgfĂ€ltig durchkomponiert. Die sieben Kapitel werden jeweils durch ein Gedicht eingeleitet, das thematisch zum folgenden Kapitel hinfĂŒhrt.
Durch die wenigen Vorgaben, die den Autorinnen zu ihren ErzÀhlungen gemacht wurden, ist eine Sammlung von vielgestaltigen und sehr persönlichen Geschichten entstanden. Die Herausgeberin hat, nach eigenen Angaben, keine bewusste Vorauswahl hinsichtlich der Geschichten getroffen. Einige Autorinnen holen sehr weit aus und beginnen mit ihren ErzÀhlungen in den zwanziger Jahren, andere wiederum beschrÀnken sich auf die Kriegsjahre. ErgÀnzt werden die intimen ErzÀhlungen durch zahlreiche Zeitdokumente. Diese Briefe, Fotos und Faksimiles historischer Dokumente illustrieren eine Zeit, die den Frauen viel Kraft, Mut und ZÀhigkeit abverlangte. HÀufig finden sich auch Gedichte der Autorinnen, die einen noch tieferen Einblick in die Beziehung zwischen Mutter und Tochter erlauben.

AVIVA-Fazit: Marlene Zinken widmet sich mit ihrem Buch dem weiblichen Blick auf Geschichte. Ein Blick, der in ihren Augen ein unverstellter ist. Schade nur, dass der weibliche Blick hier einmal mehr ein verschwommener, stark von EmotionalitĂ€t geprĂ€gter Blick sein muss. Wer einen intensiven Eindruck davon bekommen möchte, was es im Einzelnen fĂŒr eine Frau bedeuten konnte, den Zweiten Weltkrieg und die beschwerliche Nachkriegszeit zu durchleben, der sei dieses Buch ans Herz gelegt. Allerdings sollte "Der unverstellte Blick" in dem Bewusstsein gelesen werden, dass es sich um eine zweifache Rekonstruktion von vergangenen Ereignissen handelt. Wobei die Rekonstruktion der Ereignisse durch die Töchter ein sehr verklĂ€rtes Bild der MĂŒtter und somit der geschilderten Geschehnisse zur Folge hat.

Der unverstellte Blick.
Unsere MĂŒtter (aus)gezeichnet durch die Zeit 1938 bis 1958.

Von Marlene Zinken
Barbara Budrich Verlag, erschienen November 2007
229 Seiten / Hardcover
ISBN 978-3-86649-136-6
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 07.12.2007 AVIVA-Redaktion 





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