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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.09.2007

Gudrun Sailer - Frauen im Vatikan
Jule Fischer

Weibliche Stimmen im Vatikan. Ob Web-Schwester, Filmexpertin oder PrÀsidentin der pÀpstlichen Akademie: sie alle und andere erstaunliche Damen lÀsst Gudrun Sailer in ihrem Buch zu Wort kommen.



Etwas tut sich im Staate Vatikan. In der MÀnnerdomÀne der KardinÀle, der Gelehrten, der Gardisten sind MÀnner schon seit Jahren nicht mehr unter sich, denn mittlerweile ist 15 Prozent der Belegschaft im Vatikan weiblich!
Ein PhĂ€nomen der jĂŒngsten Vergangenheit ist noch verblĂŒffender: An entscheidenden Stellen des Heiligen Stuhls ziehen Frauen die FĂ€den. Noch bis vor wenigen Jahren "hĂ€tte, wer Frauen in vatikanischen Funktionen finden wollte, sie fast ausschließlich in so genannten niederen Diensten suchen mĂŒssen. Als HaushĂ€lterinnen bei KurienkardinĂ€len etwa, als Helferinnen beim Vatikanischen Zahnarzt (...)."
In Funktionen, die lange unerreichbar fĂŒr Historikerinnen, Juristinnen oder Soziologinnen waren, finden sich zunehmend hochqualifizierte Frauen.

Die junge Österreicherin Gudrun Sailer ist seit 2003 Redakteurin von "Radio Vatikan". Immer wieder war sie mit ihrem TonbandgerĂ€t im Heiligen Stuhl unterwegs und traf unerwartet, immer wieder auf Frauen. Sie begann, mit ihnen Interviews zu fĂŒhren und aus diesen wurde schnell eine begeistert aufgenommene Reihe fĂŒr das deutschsprachige Programm von Radio Vatikan. Festgehalten in ihrem Buch "Frauen im Vatikan", hat Gudrun Sailer nun 16 nahe und unterhaltsame Portraits von Frauen, die dem kleinsten Staat der Welt auf unterschiedlichste Weise dienen.

Dabei portraitiert Gudrun Sailer aber nicht nur Frauen in unerwartet hohen Positionen.
Neben Frauen wie Mary Ann Glendon, der renommierten Harvard-Juristin oder der ArchĂ€ologin Letizia Ermeni Pani, die seit 2003 und 2004 die pĂ€pstlichen Akademien fĂŒr Sozialwissenschaften und ArchĂ€ologie leiten, finden sich auch die pĂ€pstliche Filmspezialistin, eine Web-Schwester, sowie eine Hausfrau und Mutter.

Eine der beeindruckendsten Frauen des Buches ist die Papst-Übersetzerin Sigrid Spath, die nicht nur Frau und Laie unter lauter Priestern ist, sondern auch noch evangelisch! Seit 36 Jahren landen 90 Prozent der pĂ€pstlichen Outputs auf ihrem Schreibtisch, ins Deutsche ĂŒbersetzt hat sie Texte von Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Und bis heute hat sie in ihren 68 000 ĂŒbersetzten Seiten nur eine Stelle, bezĂŒglich der Evangelischen Kirche gefunden "die so nicht hĂ€tte sein mĂŒssen." Was der damalige Kardinal Ratzinger geschrieben hat, verrĂ€t Sigrid Spath aber nicht.

Eine andere sympathische Erscheinung ist Web-Schwester Judith Zoebelein. Mit einem Augenzwinkern denkt sie an jene Computerkurse, die sie zu Beginn der neunziger Jahre im Vatikan abhielt: "Ich erinnere mich noch daran, wie ich einigen KardinÀlen den Gebrauch der Maus erklÀrte".
Seit Johannes Paul II. das Medium Internet als neue Chance begriff, war die Franziskanerin fĂŒr den Web-Auftritt des Heiligen Stuhls und damit fĂŒr eine der meistbesuchten Internetseiten der Welt zustĂ€ndig.

Die vielen kleinen Anekdoten der Frauen, ihre Lebenswege und ihre so unterschiedlichen Aufgaben geben den LeserInnen einen faszinierenden neuen Einblick in das Innere des Vatikans, der den Außenstehenden sonst verwehrt bleiben wĂŒrde.
Es ist die privilegierte Position der Autorin als Teil dieses GefĂŒges, die dies ermöglicht, ihr vielleicht auch die Chance nahm, tiefer und vielleicht kritischer zu hinterfragen.

Keine FanfarenstĂ¶ĂŸe fĂŒr die Weihe von Priesterinnen
Sailer selbst schreibt im Vorwort: "Dieses Buch ist keine Streitschrift. Wer FanfarenstĂ¶ĂŸe fĂŒr die Weihe von Priesterinnen erwartet, wird enttĂ€uscht werden." So ist es auch. Keine der Frauen spricht sich fĂŒr eine Weihe aus, wenn das Thema ĂŒberhaupt angeschnitten wird. Das ist eine Meinung, doch sie wird zumindest tiefgreifender nicht begrĂŒndet. Die Ehefrau eines Schweizergardisten sagt etwa frisch und frei: "Ich stehe hundertprozentig dahinter, dass Priestersein ein MĂ€nnerberuf ist. Lassen wir doch die MĂ€nner richtig MĂ€nner sein!"
Und auch die angesehene Juristin Mary Ann Glendon behauptet diesbezĂŒglich, formale Gleichheit passe nicht fĂŒr jede Lage oder jede menschliche Institution.

Hier wÀre es reizvoll gewesen, zu erfahren, warum die Befragten diese Meinungen vertreten und welches VerstÀndnis von MÀnnern und Frauen diesen zugrunde liegen

So sind Portraits entstanden, in denen die Autorin die Abgebildeten sprechen lÀsst aber niemals fragt "Warum?". Das ist schade, denn es gibt Stellen im Buch, an denen bedeutungsvolle Fragen offen bleiben.

Dennoch: Gerade fĂŒr Menschen, die in der Katholischen Kirche gern die institutionalisierte Form der Frauenfeindlichkeit sehen, hĂ€lt dieses Buch einige Überraschungen bereit. Zum einen ist die Tatsache, dass Frauen zunehmend bedeutsame Aufgaben im Vatikan ĂŒbernehmen, ein durchaus bemerkenswerter Fortschritt. Zum anderen haben die portraitierten Frauen Berufe inne, die in sĂ€kularen Gesellschaften hĂ€ufig mĂ€nnlich konnotiert sind. Wo Frauen in fast allen LĂ€ndern bedeutend weniger verdienen, ist im Vatikan gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit eine SelbstverstĂ€ndlichkeit.

Zur Autorin: Gudrun Sailer, geb. 1970 in Österreich, studierte von1988 bis 1995 Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Wien, Innsbruck, Klagenfurt und Sevilla. Sie arbeitete in den folgenden Jahren bei verschiedenen österreichischen und deutschen Radiosendern.
Seit 2003 ist Gudrun Sailer Redakteurin bei Radio Vatikan in Rom.

AVIVA-Tipp: Auch wenn die LeserInnen auf den kritischen Teil verzichten mĂŒssen, erhalten sie durch "Frauen im Vatikan" einen wunderbaren Einblick in den Kirchenstaat. Gudrun Sailer ist ein sehr interessanter und kurzweiliger Rundgang durch den Kirchenstaat gelungen, der sich allen empfiehlt, die auch einmal weibliche Stimmen aus dem Vatikan hören wollen.

Gudrun Sailer
Frauen im Vatikan,
Begegnungen – Portraits - Bilder

St. Benno Verlag Leipzig, erschienen im Januar 2007
Gebunden, 172 Seiten
ISBN 978-3-7462-2182-3
9,90 Euro

Literatur Beitrag vom 13.09.2007 AVIVA-Redaktion 





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