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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.11.2011

Francesca Gavin - 100 neue K√ľnstler
Nina Breher

Francesca Gavin hat sich durch den Dschungel temporärer Kunst gearbeitet, um KunstkennerInnen wie -banausInnen den Weg zu einem erleichterten Verständnis zu ebnen. Sie nimmt uns an der Hand und...



...zeigt, was diese junge, noch kaum bekannte K√ľnstlerInnengeneration kann und was sie will.

Aktuelle Kunst ist abstrakt, verwirrend und sieht nicht immer wie Kunst aus. Stattdessen verf√ľgt sie √ľber einen endlosen Anhang in Form von Kommentaren etablierter KunstprofessorInnen und anderen klugen Menschen, die das Dargestellte zu erkl√§ren und zu kontextualisieren suchen. Aktuelle Kunst ist oft frustrierend, denn wer schaut schon gern auf eine wie zuf√§llig bekleckste Leinwand, die ‚Äď seien wir ehrlich ‚Äď ihren Sinn nicht freigibt. Diesem Kreislauf aus fehlenden Verst√§ndnism√∂glichkeiten, bestenfalls dumpfer Faszination und dem Weiterreichen der Interpretationsarbeit an renommierte KritikerInnen setzt dieses umfangreiche Buch etwas entgegen.

Anstatt die Werke der "100 Neuen K√ľnstler" zu analysieren, zu interpretieren und zu kommentieren, kommen die K√ľnstlerInnen selbst zu Wort. Francesca Gavin druckt auf jeweils ein bis drei Seiten deren Kunstwerke ab und stellt Fragen, die auch kunstunerfahrene oder kunstfrustrierte Menschen stellen k√∂nnten: "Was interessiert Sie an abstrakten Formen?", oder: "Erl√§utern Sie ihre Polaroid-Serie". Und tats√§chlich ‚Äď die K√ľnstlerInnen tun, wie ihnen gehei√üen. Sie erkl√§ren ihr Verst√§ndnis von Form, Farbe, Abstraktion und Raum. Die Antworten sind oft pers√∂nlicher ‚Äď und einfacher ‚Äď als vermutet. Die K√ľnstlerInnen werden zu ProtagonistInnen und erz√§hlen vom Werdegang ihrer Bilder ‚Äď von monatelanger Recherche oder von spontanen Eingebungen. Kurz: Von der Lust und Frust, Kunst zu schaffen und davon, woher Ideen kommen und wohin diese gehen. W√§hrend man in Museen nur das Endprodukt betrachten kann, ist es hier der Kontext, der das Verst√§ndnis erleichtert und Neugierde sch√ľrt.

Es entsteht der Eindruck, dass Kunst dann entsteht, wenn jemand ihr/sein Innen nach Au√üen tr√§gt. Dies ist vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner all dieser K√ľnstlerInnen, denn ihre Werke selbst k√∂nnten verschiedener kaum sein. W√§hrend manche von Videospielen und Popkultur beeinflusst sind, setzen sich andere mit Rassismus oder mit Geschichte auseinander. Sei es in Form von Fotografie, Malerei, Installation oder Performancekunst in allen erdenklichen Farben und Formen, sei es auf ernste, lustige, nachdenkliche, ironische oder einfach nur abstrakte Weise.

So zeigt dieser Band ein unendlich erweiterbares Kaleidoskop an Positionen, Meinungen, Herangehensweisen und Themen, die aktuelle Kunstwerke beinhalten. Ob sie diese auch ausmachen, darauf m√∂chte das Buch keine Antwort geben: "Kunst ‚Äď wie auch das Leben ‚Äď scheint stets au√üer Reichweite und in Bewegung zu sein", nimmt Gavin im kurzen Vorwort Stellung. Es solle nicht darum gehen, neue "-Ismen" zu erfinden, sondern darum, einer aufstrebenden K√ľnstlerInnengeneration Platz zu schaffen ‚Äď Platz, ihre Werke zu zeigen, und Raum, sich zu erkl√§ren und dadurch auch OttonormalbetrachterInnen einen Zugang zu erm√∂glichen.

Die Antworten der Befragten auf die neugierigen Fragen von Gavin liefern Material, √ľber das nachzudenken sich lohnt. Manchmal zeigt sich, dass die Interpretationen oft an dem vorbeizugehen scheinen, was die K√ľnstlerInnen intendiert haben. Wenn Gavin beispielsweise vom philippinischen K√ľnstler Louie Cordero wissen m√∂chte, was ihn am Grotesken fasziniert, ist seine Antwort: "Ich wurde in streng katholischer Tradition mit vielen M√§rtyrerheiligen erzogen. Was manche vielleicht als grotesk bezeichnen, war f√ľr mich normal." Solche Stellungnahmen geben Anst√∂√üe, die den Diskurs √ľber das Gezeigte entscheidend erweitern. Sind die Werke Corderos nun grotesk oder sind sie es nicht, da sie zwar eine Normalit√§t darstellen, zu der viele BetrachterInnen aber offenbar keinen Zugang haben? Seine Kunst ist bunt, abstrus, und ja ‚Äď grotesk. Eine Skulptur zum Beispiel stellt ein Gehirn dar, auf dem zwei Kinder mit blutverschmierten Gesichtern und jeweils einem Buch ‚Äď die Bibel? ‚Äď in der Hand unter einem Kreuz sitzen und lachen. Grotesk? Sozialkritik? Eine Normalit√§t? Wir wissen es nicht, aber das Nachdenken √ľber solche Fragen, die der vorliegende Sammelband erst aufwirft, ist produktiv und deckt wom√∂glich blinde Flecken der Kunstkritik auf.

AVIVA-Tipp: "100 neue K√ľnstler" ist ein gewaltiger Sammelband, dessen Inhalt unbegrenzt scheint. Er zeigt das riesige Spektrum der von unter 35-j√§hrigen produzierten Kunst auf und streift dabei alle denkbaren Stilrichtungen, Farben, Formen, L√§nder und Techniken. Ob es an der Auswahl oder an tats√§chlichen strukturellen Ver√§nderungen der Kunstszene liegt, erkl√§rt das Buch nicht, doch scheint die Menge an weiblichen Vertreterinnen sich zunehmend an die m√§nnliche Zahl anzugleichen.

Zur Autorin: Francesca Gavin lebt als Journalistin, Kuratorin und Autorin in London. F√ľr die Zeitschrift "Dazed & Confused" ist sie als Visual Arts Editor t√§tig, au√üerdem schreibt sie f√ľr diverse Magazine und Zeitungen. Dar√ľber hinaus publiziert sie B√ľcher √ľber die junge internationale Kunst- und Kulturszene.

Francesca Gavin
100 Neue K√ľnstler

Originaltitel: 100 New Artists
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
Prestel Verlag, erschienen September 2011
Klappenbroschur, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7913-4570-3
29,95 Euro
Weitere Informationen finden Sie unter: www.randomhouse.de

Literatur Beitrag vom 07.11.2011 AVIVA-Redaktion 





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