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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.08.2007

Einen Bauernhof am Kölner Dom
Marietta Harder

...oder die Pille f√ľr Geborgenheit w√ľnscht sich Gabriele Gillen, eine der "Froschk√∂niginnen" und gibt sich damit unbescheiden. Denn so sind sie, die Nach-AchtundsechzigerInnen: wagen und wollen mehr



"Uns ist alles erlaubt, das ganze Leben ein Experiment. Selbst die Ehe oder die Liebe. Konsumartikel wie andere auch." Austauschbar. Doch was f√§ngt frau mit der hart erarbeiteten Freiheit, den unz√§hligen Wahlm√∂glichkeiten an? Wonach streben die T√∂chter der zweiten Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre und wie hat sich ihr bisheriges Leben gestaltet? Am Beispiel ihrer eigenen Vergangenheit beantwortet die Mitte 40 j√§hrige Autorin solche Fragen und gibt "Einblicke in ein artgerechtes Frauenleben". Sie verbindet Tagebucheintr√§ge aus verschiedenen Zeitr√§umen mit Kommentaren aus heutiger Sicht und l√§sst die LeserInnen an Kindheit, Jugend und ihrem derzeitigen Leben teilhaben, verliert dabei allerdings nie den Blick f√ľr politische Ereignisse.

Gillen schreibt √ľber das Anfang 2007 eingef√ľhrte Elterngeld ebenso kritisch wie √ľber die Gr√ľndung der "Roten Zora" in den 70ern und die Nachwirkungen des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert. Sie kritisiert den zu leichtfertigen Umgang mit Attacken gegen Ausl√§nderInnen, die heute noch immer ver√ľbt werden. Verdr√§ngen statt kommunizieren: W√§hrend die j√ľdische Freundin "sich schuldig f√ľhlte, eine √úberlebende zu sein, waren die M√∂rderinnen und M√∂rder von sechs Millionen Juden damit besch√§ftigt, ihre Schreberg√§rten einzuz√§unen". Ohne ein Blatt vor dem Mund spricht die Autorin aus, wovor andere die Augen verschlie√üen. Dies gilt ebenso f√ľr politische Kontroversen und Ungerechtigkeiten wie f√ľr den Sch√∂nheitswahn, die Erwartungen an "Superwoman" von heute: Eine "perfekte Aufziehpuppe, die wie geschmiert funktioniert" und dabei h√ľbsch angezogen ist. "Wichtig ist auch, dass sich die Mundwinkel st√§ndig in unmittelbarer N√§he zu den Ohrl√§ppchen festkrampfen."

Eine gro√üe Rolle spielen in dem Buch regelm√§√üige M√§dchenabende, an denen offen geredet, getrunken und geheult werden darf. Solche Momente sind wichtig, denn "Freundinnen sind Lebensmittel, wer keine hat, verhungert". Und wer welche hat, kann √ľber die Anstrengung philosophieren, "sich immer wieder neu zu erfinden" oder gegenseitig Lebensl√§ufe vergleichen. Dabei schleicht sich oft Sentimentalit√§t ein, wird nach Antworten gesucht, nach der Lebensf√ľhrung und dem Gl√ľcklichsein: "Wo geh√∂ren wir hin, wer sind wir? Genetisch noch Hausfrauen, mental schon l√§ngst Chefredakteurinnen, B√∂rsenmaklerinnen, Unternehmerinnen." Kann ein Leben in der Excel-Tabelle, dominiert von Vernunft, gl√ľcklich machen? Und wo findet die Singlefrau von heute Mr. Right?

Doch nicht nur Privates bringt die Autorin ein, auch politische Diskussionen werden thematisiert und so bezieht sie als "Kind der weitreichenden Verdr√§ngungskultur" klar Stellung, hat schon immer demonstriert und sich gewehrt. Aufgewachsen in den 60er Jahren, hat die Froschk√∂nigin gelernt, traditionelle Rollenbilder zu √ľberwinden und unabh√§ngig zu leben, nicht als blo√ües Sexualobjekt zu gelten. Aber was genau bedeutet Emanzipation, was Befreiung, und wie viel ist davon bis heute geblieben? Die Nachachtundsechzigerin steht dem Feminismus mit gemischten Gef√ľhlen gegen√ľber. "So viel ist passiert in 35 Jahren Frauenbewegung ‚Äď und so wenig. Es war wohl leichter, alte Rollenbilder zu zerst√∂ren, als neue zu erfinden", schreibt sie und distanziert sich von den Botschaften Alice Schwarzers. Gillen wolle nicht auf die unterdr√ľckte Frau reduziert werden, wie es die Frauenzeitschrift Emma ohne jeglichen Humor tue. "Heute erleben wir in der √Ėffentlichkeit allein die Beschw√∂rung der Karriere-Superweiber und die Denunziation des Altfeminismus. Emma mit ihrem peinlich geschlossenen Weltbild hat dazu beigetragen".

AVIVA-Tipp: Gar nicht m√§rchenhaft, sondern bitterernst √ľberbringt "Froschk√∂niginnen" politische und private Krisen. Zum Teil autobiografisch beschreibt die Autorin Probleme (sowohl der Vergangenheit als auch in der heutigen Zeit) und bietet L√∂sungsvorschl√§ge an, sich in der "ich-bin-was-ich-kaufe-Gesellschaft" zurechtzufinden, sich ebenso f√ľr Ver√§nderungen stark zu machen. Durch die Verkn√ľpfung von M√§dchenabenden und ernsteren Themen ist das Buch unterhaltsam und bietet Raum f√ľr eigene Gedanken, f√ľr die Frage nach dem pers√∂nlichen Gl√ľck.

Zur Autorin: Gabriele Gillen, geboren 1959 ist seit 1988 H√∂rfunk-Redakteurin f√ľr Politik und Kultur beim WDR. Sie studierte Politik- und Theaterwissenschaften und ver√∂ffentlichte "Hartz IV. Eine Abrechnung", wodurch sie deutschlandweit Aufsehen erregte.

Weiterlesen:

Ute Kätzel: Die 68erinnen

Die Emanzipationsfalle - Erfolgreich, einsam, kinderlos

Alice im Männerland - Avantgarde, Mainstream oder Relikt?

Mitten im Malestream

Froschköniginnen
Einblicke in ein artgerechtes Frauenleben
Gabriele Gillen

Rowohlt Verlag, erschienen im März 2007
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ISBN: 978-3-498-02505-2
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 31.08.2007 AVIVA-Redaktion 





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