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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.11.2007

Saul Friedländer, Wenn die Erinnerung kommt
Yvonne de Andrés

Der gro√üe Historiker der Shoa erl√§utert seine Auffassung dar√ľber, dass Geschichtsschreibung immer auch von menschlicher Solidarit√§t und ihrer Verletzung handelt.



Wer die gro√üe Rede Saul Friedl√§nders zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2007 gelesen oder geh√∂rt hat und Kenner seines gro√üen Buches √ľber "Das Dritte Reich und die Juden" (Bd. 1, M√ľnchen 1998; Bd. 2, M√ľnchen 2006) ist, sollte dieses neue Buch Friedl√§nders unbedingt lesen. Wer die Friedenspreisrede noch nicht gelesen hat und mit dem gro√üen Werk des Historikers aus Los Angeles bislang nicht vertraut ist, sollte beides unbedingt vorher tun.

In "Wenn die Erinnerung kommt", Friedl√§nder hat das Buch 1977 geschrieben, erkl√§rt der Historiker u. a., wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Geschichtsschreibung und Erinnerung liegen und warum Geschichtsschreibung ohne Erinnerung leer bleiben muss. Kurz nachdem er 1976 Professor f√ľr Geschichte an der Universit√§t in Tel Aviv wurde, schrieb er "Wenn die Erinnerung kommt" als eine Art Selbstvergewisserung. Ganz bewusst wollte er sich selbst seine innere Welt erschlie√üen.

Friedl√§nder wurde 1932 in Prag geboren, er war das Kind einer wohl situierten j√ľdischen b√ľrgerlichen Familie, in deren Alltag die Religion aber keine gro√üe Rolle spielte. Die Familie entschloss sich zur Flucht nach Paris, als die deutsche Wehrmacht Prag besetzte. Als auch ein Teil Frankreichs von den Deutschen besetzt wurde, floh man weiter in die noch unbesetzte Zone. Als auch die Juden der unbesetzten Zone ausgeliefert werden sollten, gaben Friedl√§nders Eltern ihren Sohn in die Obhut eines katholischen Internats, sie selbst versuchten in die Schweiz zu fliehen, was misslang. Sie wurden aufgegriffen und sind beide wahrscheinlich in Auschwitz umgebracht worden. Ihr Sohn erfuhr von ihrem Tod erst am Ende der Nazizeit, er schloss sich einer zionistischen Jugendorganisation an und wollte f√ľr den neu entstehenden Staat Israel k√§mpfen. Nach dem Unabh√§ngigkeitskrieg studierte er Geschichte in Tel Aviv, Genf und Paris. Er promovierte mit einer Studie √ľber die Beziehungen Nazi-Deutschlands zu den USA und erhielt 1976 eine Professur f√ľr Geschichte in Tel Aviv, seit 1987 unterrichtet er an der University of California in Los Angeles.

Den Ansto√ü, sich seine innere Welt zu erschlie√üen, gab Saul Friedl√§nder ein Besuch in Schweden im Jahr 1956. Sein Onkel Hans leitete dort ein Heim f√ľr geistig behinderte Kinder. Saul Friedl√§nder wurde dort mit Kindern konfrontiert, die "in einer unzug√§nglichen Vorstellungswelt lebten, Kinder, die sprechen wollten und es nicht konnten, Kinder, die sich verzweifelt bem√ľhten, eine Verbindung herzustellen und doch immer nur stundenlang einen Namen wiederholen konnten oder ununterbrochen dasselbe Lied sangen und rhythmisch dazu mit dem Kopf nickten. Ich begriff damals, was es bedeutet, wenn eine innere Welt f√ľr immer verschlossen ist..."
Mit "Wenn die Erinnerung kommt" schildert Saul Friedl√§nder die verschiedenen Situationen, in denen sich f√ľr ihn seine verschiedenen Lebenssituationen entschl√ľsselten. Es ist eine gro√üe, √∂ffentliche Selbstreflexion des Historikers, der √ľber sich, seine Eltern, den Staat Israel und viele Dinge mehr nachdenkt.

Saul Friedl√§nder, der sich eingehend mit dem Verh√§ltnis von Geschichte und Psychoanalyse besch√§ftigt hat - sein Buch Histoire et psychoanalyse, (Paris 1975) ist leider noch nicht in die deutsche Sprache √ľbersetzt - ist ein Gegner der Trennung von Erinnerung und Geschichtsschreibung. In einem gro√üen Streit mit dem Historiker Martin Broszat hat er darauf bestanden, dass eine Geschichtsschreibung √ľber die Shoah, die nicht die Erinnerungen der Opfer mit in die Darstellung einbringt, unvollst√§ndig bleiben muss.

In dem Buch "Wenn die Erinnerung kommt" hat Saul Friedl√§nder vorformuliert, was er am Ende seiner Rede in der Paulskirche sagte. Geschichtsschreibung handelt immer auch vom Glauben an menschliche Solidarit√§t. Sie handelt nicht nur von Strukturen und Prozessen, √ľberindividuellen Gesetzm√§√üigkeiten und gesellschaftlichen Verh√§ltnissen. Saul Friedl√§nder sagte in der Paulskirche, die Stimmen der Opfer der Shoah ber√ľhrten die Menschen auch heute noch: "mit einer ungew√∂hnlichen St√§rke und Unmittelbarkeit, die weit √ľber die Grenzen der j√ľdischen Gemeinschaft hinaus fortwirkt und die gro√üe Teile und mehrere Generationen der abendl√§ndischen Gesellschaft bewegt hat. Wenn wir diesen Schreien lauschen, dann haben wir es nicht mit einem ritualisierten Gedenken zu tun, und wir werden auch nicht durch kommerzielle Darstellungen des Geschehens manipuliert. Vielmehr ersch√ľttern uns diese individuellen Stimmen infolge der Arglosigkeit der Opfer, die nichts von ihrem Schicksal ahnten, w√§hrend viele rings um sie das Ergebnis kannten und manchmal an seiner Herbeif√ľhrung beteiligt waren. Vor allem jedoch bewegen uns die Stimmen der Menschen, deren Vernichtung bevorstand, bis auf den heutigen Tag gerade wegen ihrer v√∂lligen Hilflosigkeit, ihrer Unschuld und der Einsamkeit ihrer Verzweiflung. Diese Stimmen bewegen uns unabh√§ngig von aller rationalen Argumentation, da sie den Glauben an die Existenz einer menschlichen Solidarit√§t stets von neuem einer Zerrei√üprobe aussetzen und in Frage stellen."

Ausz√ľge aus der Friedenspreis-Rede Saul Friedl√§nders finden Sie auf www.spiegel.de

Zum Autor: Saul Friedl√§nder 1932 in Prag geboren, arbeitet als Professor f√ľr Geschichte an den Universit√§ten von Tel Aviv und von California, Los Angeles. Er ist Tr√§ger zahlreicher Preise und Auszeichnungen. 1998 erhielt er f√ľr den ersten Band des zweib√§ndigen Werkes Das Dritte Reich und die Juden den Geschwister-Scholl-Preis. 2007 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Aviva Tipp: Saul Friedl√§nders Buch stellt den Leserinnen den Menschen Saul Friedl√§nder vor, der im Jahr 1977 eine Art √∂ffentliche Selbstvergewisserung seiner Anliegen durchf√ľhrt und sie in diesem Buch, fast wie ein Tagebuch verfasst, publiziert. Dar√ľber hinaus erl√§utert Saul Friedl√§nder aber auch, warum Geschichtsschreibung ohne Erinnerung leer bleibt. Sie handelt immer auch von menschlicher Solidarit√§t, nicht nur von gesellschaftlichen Bedingungen und √ľberindividuellen Gesetzm√§√üigkeiten. Ein Buch das man unbedingt gelesen haben sollte, ebenso wie das gro√üe Werk Friedl√§nders ("Das Dritte Reich und die Juden") und auch seine Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.


Saul Friedländer
Wenn die Erinnerung kommt

Originaltitel: Quand vient le souvenir.
4. Auflage.
√úbersetzt von Helgard Oestreich
Beck C. H Verlag, erschienen Juni 2007
Kartoniert - 191 Seiten
ISBN: 9783406566769
10,95 Euro

Literatur Beitrag vom 10.11.2007 Yvonne de Andr√©s 





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