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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.05.2008

Verfemt, Verboten, Verbrannt und oft Vergessen
Yvonne de Andrés

Vor 75 Jahren fanden in vielen deutschen Universit√§tsst√§dten B√ľcherverbrennungen statt. Zwei Projekte der Erinnerungskultur bieten nachhaltige Wirkung und sind daher hervorzuheben.



Mit dem Feuer sollten die Namen der AutorInnen aus dem kollektiven Ged√§chtnis getilgt werden. Die B√ľcherverbrennung fand nicht nur an einem Tag und einem Ort statt. Bereits vor dem 10. Mai 1933 hatte es "wilde-B√ľcherverbrennungen" in verschiedenen St√§dten wie Coburg, Gie√üen, Kaiserslautern, Leipzig und Wuppertal gegeben. Auf √∂ffentlichen Pl√§tzen und nicht irgendwo im dunklen Abseits haben deutsche Studenten, manchmal auch mit der Unterst√ľtzung des Rektors und des Senats der jeweiligen Universit√§t Autodaf√©s durchgef√ľhrt.

Die Zentrale Aktion der B√ľcherverbrennung fand auf dem Opern-Platz in Berlin, gegen√ľber der Universit√§t statt. Studenten, SA-Schergen, Universit√§ts-Personal sowie Schaulustige nahmen an der ritualisierten "Aktion wider den undeutschen Geist" teil. Neben B√ľchern wurden auch Fahnen und Transparente von Sozialdemokraten und Kommunisten verbrannt, die Aktion wurde breit von der deutschen Bev√∂lkerung getragen.

Bereits am 1. und 12. April 1933 beriet der Vorstand des B√∂rsenvereins des Deutschen Buchhandels (Mitgliederverband der Verlage und Buchhandlungen), der die "nationale Erhebung" begr√ľ√üt hatte, ein Sofortprogramm, um die "√úbereinstimmung" mit den "kulturellen und wirtschaftlichen Richtlinien" der NS-F√ľhrungskr√§fte zu treffen. Der B√∂rsenverein ver√∂ffentlichte ab dem 13. Mai 1933 "Schwarze Listen" von AutorInnen, die aus den Bibliotheken, Buchhandlungen und Verlagen zu entfernen seien.

Zwei Leuchtt√ľrme der Erinnerungskultur, so zum einen die "Bibliothek Verbrannter B√ľcher" und das "Zentrum der verfolgten K√ľnste" stellen wir hier unseren Leserinnen vor.

Die "Bibliothek Verbrannter B√ľcher" wurde herausgegeben vom Moses Mendelssohn Zentrum f√ľr europ√§isch-j√ľdische Studien in Potsdam. 120 B√ľcher von AutorInnen, die 1933 verboten, verbrannt und vergessen wurden und drei wissenschaftliche Begleitb√§nde erscheinen hier. Leider werden es nicht die urspr√ľnglich angek√ľndigten 316 B√§nde. Die ersten elf B√§nde sind erschienen. Davon m√∂chten wir Ihnen einige vorstellen.

Seit 1977 recherchiert der Journalist und Sammler J√ľrgen Serke die Lebensl√§ufe der "verbrannten DichterInnen". Den vergessenen Spuren ist er in Europa, Israel und USA nachgegangen. Seine Sammlung hat seit April 2008 ein festes Haus erhalten, das Museum Baden. Hier wird die Sammlung "Zentrum der verfolgten K√ľnste" als st√§ndige Ausstellung gezeigt.

Gina Kaus, "Morgen um Neun"

Oberste Dringlichkeit. Scheidung - Morgen um Neun. Tag und Uhrzeit stehen fest. Nur noch einmal werden sie sich sehen und dann ist Schluss. Viel Zeit vergeht bis zur feststehenden Verabredung.

"Sie hatten f√ľrs erste keinen anderen Grund f√ľr ihren Wunsch nach Scheidung anzugeben gewusst als, un√ľberwindliche Abneigung ‚Äď eine Formel, die sie wohl mehrfach geh√∂rt hatten und von der sie glaubten, dass die Trennung einer Ehe gen√ľge. (...) Das ist eben so gekommen, niemand wei√ü wie. Eines Tages fragte man sich: wozu sitzen wir eigentlich am selben Tisch? Und dann ist man soweit.".

Gina Kaus beginnt ihren 1932 erschienenen Roman mit dem Besuch des h√∂flich gelangweilten Ehepaars Elisabeth und Erwin Kupferschmidt bei ihrem Anwalt. Erwin liebt die Frauen. Mit seiner kleinen Freundin Franzi verbringt er gerne z√§rtliche Stunden und mit Luise hat er ein Kind. Elisabeth entschlie√üt sich, ihren Abend im Grand-Hotel mit der Besichtigung von zarten Fr√ľhlingskleidern und kostbaren Abendroben zu starten. Ihre ungewohnte feucht-fr√∂hliche Nacht setzt sich fort im Ballhaus und dann in einer Vorstadtkneipe in der sie dem h√ľbschen Eint√§nzer Franz Diesel begegnet. In dieser Nacht erf√§hrt sie von der Existenz von Erwins Tochter.

Das Paar begegnet sich am nächsten Morgen um Neun zum Scheidungstermin. Erwin hofft, dass Elisabeth in der letzten Nacht nicht die Geliebte von Bratt geworden ist. Doch die Spuren der schlaflosen Nacht bei Elisabeth lassen ihn anderes vermuten. Im Moment der tatsächlichen Trennung erfahren beide Partner gleichzeitig von ihren Affären. Sie geraten beide erstmals außer sich und verlieben sich darauf hin erneut ineinander.
Zur Autorin: Gina Kaus (1893-1985), als Regina Wiener in Wien geboren und in Los Angeles gestorben. Die √∂sterreichische Schriftstellerin, √úbersetzerin und Drehbuchautorin geh√∂rte zwischen den Weltkriegen zu den Wiener und Berliner Intellektuellenkreisen. 1920 erschien ihre erste Novelle "Der Aufstieg", f√ľr die sie den Fontane‚ÄďPreis erhielt. Weitere Publikationen: 1935 "Katharina die Gro√üe", 1940 "Teufel nebenan" (1956 mit Lilli Palmer und Curt J√ľrgens in den Hauptrollen unter dem Titel "Teufel in Seide" verfilmt). Bis 1933 erschienen die meisten ihrer B√ľcher bei Ullstein. Ab 1933 ver√∂ffentlichte sie im Exilverlag "Allert de Lange" in Amsterdam. Sie emigrierte in die USA.

AVIVA-Tipp: Gina Kaus, die Sch√ľlerin des Wiener Psychologen Alfred Adlers beschreibt und beobachtet intensiv Gef√ľhle, Verletzungen und Eifersucht. Ein temporeiches Buch, mit einem modernen Frauencharakter. Im Vordergrund steht die Emanzipation der Frau, die auch neben der Ehe ihre Aff√§re haben kann.

Walther Rathenau, "Zur Kritik der Zeit"

Walther Rathenau (1867 ‚Äď 1922) und sein Nachbar im Grunewald, der Verleger S. Fischer waren befreundet. Sie lie√üen ihre Villen vom gleichen Maler, Karl Walser, ausschm√ľcken, und auch publizistische Projekte wurden gemeinsam realisiert. Rathenau, der gro√üb√ľrgerliche Industrielle, Politiker und Homme de lettre suchte den Umgang mit Schriftstellern und K√ľnstlern. In seiner ersten Publizistischen Periode (1902 -1912) l√§sst er kaum ein Genre aus. Er suchte eine neue Heimat f√ľr seine politischen und wirtschaftstheoretischen Ver√∂ffentlichungen, diese fand er 1912 beim S. Fischer Verlag.
Rathenau hat eine pointierte Analyse und Kritik seiner Zeit vorgelegt. Eingebettet in den historischen Kontext des 1. Weltkriegs, der Gr√ľndung der Weimarer Republik, den Reparationsverpflichtungen, der wirtschaftlichen Not, den politischen Unruhen und dem wachsendem Antisemitismus dokumentiert er seine politische Weltanschauung - frei von Reichtum und Erbvorteil, Willk√ľr und Unterwerfung, Gewalt und Anarchie, erf√ľllt von Solidarit√§t.

Zum Autor: Walther Rathenau , wurde 1867 als Sohn des sp√§teren AEG-Gr√ľnders Emil Rathenau und Mathilde Nachmann in Berlin geboren. Er entstammte einer j√ľdischen gro√üb√ľrgerlichen-industriellen Familie. Rathenau war Industrieller, Publizist und Politiker. Nach dem Studium der Philosophie, Physik und Chemie und seiner Promotion in Elektrotechnik wollte er nicht die berufliche Nachfolge seines Vaters antreten. Diese Versuche scheiterten. 1893 Eintritt bei AEG, bis 1898 Aufbau der Werke in Bitterfeld und Rheinfelden, 1912 Mitglied des Aufsichtsrates, 1915 Aufsichtsratsvorsitzender. Seine Hauptwerke sind 1912 "Zur Kritik der Zeit", 1913 "Zur Mechanik des Geistes" und 1917 "Von kommenden Dingen". Im Mai 1921 tritt er als Wiederaufbauminister der Regierung bei. Am 31. Januar 1922 wurde Walther Rathenau zum Au√üenminister ernannt. Zwei Offiziere der rechtsradikalen Organisation Consul haben Rathenau am 24. Juni 1922 auf der Koenigsallee in Berlin erschossen.

AVIVA-Tipp: "Zur Kritik der Zeit" ist eine Bestandsaufnahme der staatlichen und politischen Verh√§ltnisse des fr√ľhen 20. Jahrhunderts. Sch√∂n, dass dieses Kleinod den LeserInnen wieder zug√§nglich gemacht wird. Nicht ganz leichte Kost.

Anna Seghers, "Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft"

Die Geschichte von Saccho und Vanzetti hat viele K√ľnstlerInnen inspiriert, so z. B. 1930 Anna Seghers oder sp√§ter, 1972, Joan Baez. Sie schrieb den bekannten Song "The Ballad of Sacco und Vanzetti."

Am 9. April 1927 wurden die Todesurteile bekannt. Saccho und Vanzetti sollten auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Diese Information l√∂ste viele und gro√üe Demonstrationen in USA, aber auch in vielen europ√§ischen St√§dten aus. Die KritikerInnen warfen der Justiz rigide Ausl√§nderfeindlichkeit und Justizirrtum vor. Mit Petitionen und einer umfassenden Kampagne versuchten KatholikInnen, linke Intellektuelle und K√ľnstlerInnen, die Entscheidung anzufechten.

Anna Seghers ergreift in ihrer Geschichte, "Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft", Partei f√ľr Saccho und Vanzetti. Sie beschreibt das Geschehen aus der Perspektive von vier Personen, die sich zeitweilig durch Zufall in einer Reihe einer der Protestdemonstrationen befinden. In welcher Stadt diese Geschichte spielt wird nicht ganz klar, doch f√ľr die Geschichte unerheblich. Es k√∂nnte sowohl Paris, aber auch Berlin sein. Ein Zug von Menschen zieht in Richtung der amerikanischen Botschaft um eine Petition und Schreie am Gittertor loszuwerden.

Die Personen in der Erz√§hlung sind Archetypen: Der Fremde, die Frau, der Mann und ein kleiner Mensch. Das Todesurteil ist noch nicht vollstreckt und die Figuren k√∂nnen noch hoffen, das Leben der beiden Inhaftierten zu retten. "Nein, Sie werden nicht sterben. Der Fremde glaubte nicht daran. Die Frau glaubte es auch nicht, auch nicht der Mann an ihrer Seite. Auch der Kleine dachte: nein, sie werden nicht sterben.". Der Fremde empfindet eine Gemeinsamkeit mit den drei anderen Figuren. Er f√ľhlt sich zugeh√∂rig.
Die Körper der vier Figuren bilden eine Kette, dessen Glieder aus ganz unterschiedlichen Körpern bestehen. Es entsteht eine gemeinsame Identität durch ihr Handeln. Die inneren Dialoge der Figuren klären die jeweils unterschiedlichen Motive, sie werden parallel zur Fortbewegung des Zuges erzählt. Innen und Außen wechseln in schnellem Tempo: Polizei, Absperrungen, Nadelöhre und es werden immer mehr Menschen die auf die Botschaft zulaufen.

Diese Geschichte ist nur eine im Band der Erz√§hlungen von 1926 bis 1930. Aber sie ist eine f√ľr Anna Seghers charakteristische Geschichte.

Zur Autorin: Anna Seghers wurde 1900 wurde als Netty Reiling in Mainz geboren. Sie entstammte einer j√ľdisch orthodoxen Familie von Kunsth√§ndlern und Kaufleuten. 1920 beginnt sie in Heidelberg ein Studium der Kunstgeschichte und der Sinologie. Hier begegnet sie Laszlo Radvanyi, den sie 1925 heiratet und mit ihm nach Berlin zieht. 1926 die Geburt ihres Sohnes Peter. 1927 w√§hlt sie das Pseudonym Seghers. 1928 Geburt der Tochter Ruth, Eintritt in die KPD und Bund der proletarisch-revolution√§ren Schriftsteller. Seghers erh√§lt in diesem Jahr den Kleist-Preis f√ľr ihr Erstlingswerk "Der Aufstand der Fischer von St. Barbara". 1933 werden ihre B√ľcher verboten und verbrannt. Sie kann √ľber die Schweiz und Paris nach Mexiko fliehen. Ihre wichtigsten Werke sind: "Das siebte Kreuz" und "Transit". 1942 erschien das "Das siebte Kreuz" in den USA in englischer Sprache und im mexikanischen Exilverlag "El Libro Libre" ("Das Freie Buch") wird es in deutscher Sprache ver√∂ffentlicht. 1947 kehrt Anna Seghers nach Berlin zur√ľck. Sie ist Gr√ľndungsmitglied der Akademie der K√ľnste und Pr√§sidentin des Deutschen Schriftstellerverbandes. Am 1. Juni 1983, im Alter von 83 Jahren, stirbt Anna Seghers.

AVIVA-Fazit: Die Figuren bei Anna Seghers tauchen ausschlie√ülich als Verk√∂rperungen unterschiedlicher politischer Haltungen auf. Sie haben dadurch nur selten wirkliche Gef√ľhle, repr√§sentieren meist schlicht Klassenkampfgrunds√§tze. Die Geschichten lesen sich deshalb etwas spr√∂de.
Die "Bibliothek der Verbrannten B√ľcher" ist auf Grund seines Umfanges und der Auswahl ein sehr sch√∂nes Projekt. Es w√§re sch√∂n gewesen, das jeweilige historische Cover abzubilden da ja auch der originale Satzspiegel verwendet wurde. Da die Bibliothek viele in Vergessenheit geratene AutorInnen vorstellt, w√§re es hilfreich gewesen im Anhang Foto und Vita der AutorInnen beizuf√ľgen.

Weitere Infos zur Bibliothek Verbrannter B√ľcher unter: www.verbrannte-buecher.de


Gina Kaus
Morgen um Neun

Bibliothek Verbrannter B√ľcher
Olms Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 319 Seiten
ISBN: 9783487136141
9,80 Euro

Walter Rathenau
Zur Kritik der Zeit

Bibliothek Verbrannter B√ľcher
Olms Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 286 Seiten
ISBN: 9783487136165
9,80 Euro

Anna Seghers
Auf dem Wege zur amerikanischen Botschaft und andere Erzählungen

Bibliothek Verbrannter B√ľcher
Olms Verlag, erschienen Mai 2008
gebunden - 295 Seiten
ISBN: 9783487136172
9,80 Euro

Literatur Beitrag vom 29.05.2008 Yvonne de Andr√©s 





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