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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.10.2011

Katharina Hacker - Eine Dorfgeschichte
Sonja Baude

Poetische Erinnerungsfragmente f√ľgen sich zu zarten Bildern, die die Welt eines kleinen Dorfes im Odenwald einfangen und zugleich ein St√ľck bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte erz√§hlen.



Katharina Hacker, die 2006 mit dem Roman "Habenichtse" den deutschen Buchpreis erhielt, hat nun eine sehr pers√∂nliche Kindheitsgeschichte geschrieben. Auch wenn es am Ende hei√üt, "was in diesem Buch geschieht, ist erfunden", legt der vorliegende Roman die Vermutung nah, dass die Autorin die Episoden aus ihren Erinnerungen an die eigenen Eltern und Gro√üeltern und an das Leben im Dorf speist. Es sind Erinnerungsfragmente einer westdeutschen Kindheit in den 1970er Jahren im Odenwald. Die Perspektive ist die der Ich-Erz√§hlerin, als Kind und als erwachsene Frau, und zuweilen auch eine Wir-Perspektive, die die Wahrnehmung der beiden Br√ľder einschlie√üt. Warum die Geschichte erfunden sein mag, liegt wohl vor allem an der Gewissheit der Erz√§hlerin, dass sich in tats√§chliche Erinnerungen immer auch erdachte mischen, "die einen verwirren k√∂nnen und die wie unheimliche Lebewesen im Kopf lebendig bleiben, lebendiger als viele zweifellos echte Erinnerungen."

Dabei geht es in diesen erinnerten Begebenheiten nie um gro√üe Ereignisse, sondern um ein auf den ersten Blick ganz unspektakul√§r allt√§gliches Leben auf dem Dorf, wo die Kinder ihre Ferien und Wochenenden verbringen. An endlos scheinenden Sommertagen ziehen die Geschwister allein durch die W√§lder, √ľber die Wiesen und verbringen ganze Nachmittage in Scheunen, immer so als g√§be es nur den Moment und die ganze Welt darin.

Obwohl in der R√ľckschau der Erz√§hlerin eine mehrk√∂pfige Familie im Mittelpunkt des Geschehens steht, handelt es sich nicht um eine umfassende Familiengeschichte. Und genau das macht das schmale B√ľchlein so interessant: Katharina Hacker l√§sst eine Kinderwelt entstehen, aus der die Erwachsenen wahrgenommen werden, sie lotet die Distanz der Welten aus, nie sentimental oder abgekl√§rt, sondern immer im Moment des Erlebens. Dabei spielen gerade die ungew√∂hnlichen und vermeintlich am Rande des Dorfes angesiedelten Figuren eine bedeutsame Rolle f√ľr das Erinnern: der vom Krieg versehrte blinde Korbflechter und Organist, der die Kinder √§ngstigt und zugleich fasziniert, der √ľbergewichtige und schwerm√ľtige J√§ger, der das M√§dchen mit auf die Pirsch nimmt und sich selbst sp√§ter das Leben, der hinkende und verunstaltete Bauernsohn vom Nachbarhof, vor dem sich die Kinder f√ľrchten und dessen Hilfe die Erz√§hlerin dann Jahre sp√§ter als Erwachsene in Anspruch nehmen wird.

Vor allem aber sind die Gro√üeltern, neben denen die eigenen Eltern zu verblassen scheinen, die eigentlichen Antreiber der Erinnerungsgeschichte. Da ist die z√§rtlich liebende Gro√ümutter und die Unberechenbarkeit des Gro√üvaters, f√ľr dessen Wesen auch die erwachsene Erz√§hlerin keine Erkl√§rungen sucht, ihn nicht psychologisch ergr√ľnden mag, so dass die Ahnung unser Ein-sehen sch√§rft. So wird auch das Kiegsschicksal der Gro√üeltern wie nebenbei ins kollektive Ged√§chtnis √ľberf√ľhrt, indem die Kinder "oft Fl√ľchtlingszug spielen". Hacker muss nichts weiter erkl√§ren und genau darin liegt ihre eigene Pr√§zision, indem sie verstehbar macht, wie die Vergangenheit sich immer wieder einmischt in die Gegenwart, auch wenn sie nicht in Worte gefasst wird. Dies ist auch Teil der Freiheit, in der sich die Kinder in den Sommern auf dem Land bewegen. Einer Freiheit fern von verkl√§rter Idylle und voll von Geheimnissen, die auch immer wieder den Tod in sich tragen und die Kinder das F√ľrchten lehren. Vielleicht sind es gerade all diese nicht aufgedeckten Geheimnisse der scharf skizzierten Lebensmomente ihrer Figuren, mit denen die Autorin dieses Dorfleben und mit ihm ein St√ľck bundesrepublikanische Geschichte so nah bringt. Es sind Geheimnisse, die auch von Katharina Hacker nicht aufgedeckt werden wollen.

Hacker schreibt in der R√ľckschau und auf zweierlei Art, indem sie den Abstand variiert. So sind die Distanz- und Reflexionsgrade auch formal sichtbar, eine zweite Stimme f√ľgt sich immer wieder kursiv am Rande des Buches, typografisch verschoben, ein. Es bleibt auch hier ein Geheimnis, worin genau die Verschiebung besteht, aber die andere Form zeigt den LeserInnen verschiedene Schichten des Wahrnehmens und Erinnerns an, ohne auf Eindeutigkeit zu beharren. "Es war ein K√∂nig in Thule" ist eines der Lieder, das die Protagonistin als M√§dchen auf der Blockfl√∂te spielen kann. Bei Goethe hei√üt es weiter: "Gar treu bis an das Grab". Auch wenn die Ich-Erz√§hlerin als Erwachsene mit ihren beiden T√∂chtern zur√ľckkehrt in das Dorf, auf den Friedhof und an das Grab der l√§ngst gestorbenen Gro√ümutter, ist der Eindruck sehr stark, dass das Erinnern, auch wenn es Dunkles birgt, ein steter Trost ist gegen die Einsamkeit.

AVIVA-Tipp: Katharina Hacker reiht in ihrer poetischen Dorfgeschichte helle und d√ľstere Erinnerungsbilder einer Kindheit im Odenwald aneinander, gleicht sie ab mit der Draufsicht ihrer erwachsenen Erz√§hlerin und reflektiert damit, meisterlich leicht, Formen des Erinnerns.

Zur Autorin: Katharina Hacker wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt seit 1996 als freie Autorin in Berlin. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. 1997 deb√ľtierte sie mit "Tel Aviv. Eine Stadterz√§hlung", es folgten der Erz√§hlungsband "Morpheus oder Der Schnabelschuh" und die Romane "Der Bademeister" und "Eine Art Liebe". Anschlie√üend erschienen von ihr der Roman "Die Habenichtse", f√ľr den sie 2006 den Deutschen Buchpreis erhielt, der Gedichtband "√úberlandleitung" sowie die Romane "Alix, Anton und die anderen" und "Die Erdbeeren von Antons Mutter". 2006 erhielt sie f√ľr ihren Roman "Habenichtse" den Deutschen Buchpreis, 2010 wurde sie mit dem Stefan-Andres-Preis ausgezeichnet.
Weitere Infos unter: www.katharinahacker.de

Katharina Hacker
Eine Dorfgeschichte

Fischer Verlag, erschienen Oktober 2011
Gebunden, 125 Seiten
ISBN 978-3-10-030066-9
17,95 Euro


Weiterlesen Auf AVIVA-Berlin:

"Alix, Anton und die Anderen" von Katharina Hacker

Literatur Beitrag vom 18.10.2011 Sonja Baude 





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