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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.04.2012

Ina Hartwig - Das Geheimfach ist offen. ├ťber Literatur
Sonja Baude

Es ist ihre Begeisterung f├╝r Literatur, die begl├╝ckende Suche nach dem ganz Eigenen eines Textes, wovon ihre Essays zeugen: diese Faszination f├╝r Sprache ├╝bertragt sich, uneingeschr├Ąnkt.



"In Wahrheit ist jeder Leser, wenn er liest, der Leser seiner selbst" , zitiert die Proustianerin im Vorwort einen Satz aus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", um diesen dann sogleich zu demontieren. "Eher im Gegenteil verliert man sich doch im Lesen, vergisst sich" , so Ina Hartwig, die 2011 f├╝r ihre pr├Ązisen und differenzierten Essays und Literaturkritiken mit dem Alfred Kerr-Preis ausgezeichnet wurde. Lange Zeit war sie verantwortliche Literaturredakteurin der "Frankfurter Rundschau". Heute schreibt sie vor allem f├╝r die "S├╝ddeutsche Zeitung" und "Die Zeit". Hartwig hat nun eine Auswahl ihrer Texte aus den letzten f├╝nfzehn Jahren getroffen, die bei Suhrkamp erschienen ist.

Damit liegen einerseits vierundvierzig messerscharfe Analysen vor, die immer durch Genauigkeit bestechen, andererseits aber auch eine wunderbare literarische Entdeckungstour, die teilhaben l├Ąsst an Hartwigs Leselust. In diesem Band sind keine Verrisse zu finden, sondern ausschlie├člich wertsch├Ątzende Urteile, die in ihrer Detailgenauigkeit ihresgleichen suchen. Es ist als tauchte die LeserIn ihrer Kritiken selbst ab in eine andere Welt, deren Stofflichkeit f├╝r einen Augenblick f├╝hlbar wird, indem Hartwig kenntnisreich durch diese Welt f├╝hrt. Sie benennt dieses LeserIn-KritikerIn-Verh├Ąltnis, von ihrer Seite besehen, als "elit├Ąre Egalit├Ąt" . Dabei bezieht Hartwig immer pointierte Standpunkte, die nie voreingenommene, sondern neu gefundene sind, und begr├╝ndet diese ├╝berzeugend am Originaltext.

Dies zeigt sich schon in der Wahl der Kapitel, denen sie die einzelnen Kritiken und Essays zuordnet. Ungew├Âhnlich gleich das erste ÔÇô fern klischeehafter Genderzuschreibungen - mit dem Titel "Z├Ąrtliche M├Ąnner" , das mit einer Besprechung des Briefwechsels zwischen Nicolas Born und Peter Handke beginnt. Dieser Text kann selbst als indirekte Hommage an ihren Deutschlehrer gedeutet werden, der sie erstmals auf Born aufmerksam machte und wohl einen Teil zur Lesebegeisterung der Kritikerin beigetragen hat. Hier findet sich, neben anderen Rezensionen, auch ihre Einsch├Ątzung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, anhand dessen Hartwig den ersch├╝tternden Beziehungsverlauf nachvollzieht und ihn mit der literarischen Entwicklung der beiden abgleicht.

"Am Abgrund" ist das folgende Kapitel ├╝berschrieben, darin einmal mehr die Auseinandersetzung mit Bachmann, diesmal mit ihrem Roman Malina, der 2006, im Jahr da die Dichterin 80 Jahre alt geworden w├Ąre, einer erneuten Lesung unterzogen wurde. In diesem Kapitel untersucht Hartwig Texte, denen Terror, Verfolgung oder anderweitige Notsituationen eingeschrieben sind. Darunter auch ein Essay ├╝ber Georges-Arthur Goldschmidt, in welchem sie den Zusammenhang zwischen kindlichen Lebenserfahrungen und Werk hellsichtig auslotet, ohne dabei in die Voyeurismusfalle zu tappen. Auch der titelgebende Text "Das Geheimfach ist offen", anl├Ąsslich der deutschen ├ťbersetzung von Marguerite Duras "Heften aus Kriegszeiten", findet sich hier.

Von "Deutsche(n) Zust├Ąnde(n)" zeugen diejenigen Texte, die sich mit der Verschiedenheit ost -und westdeutscher Literatur, sowohl w├Ąhrend als auch nach der Zeit des Kalten Krieges, besch├Ąftigen. Hartwig leitet in dieses Thema mit einem skizzenhaften, dabei aber sagenhaft pointiertem Stimmungsbild der Stadt Berlin ein. Sie unternimmt, und hier sei es erlaubt ihr Bild der Stra├čenbahn zu borgen, eine rasante Geschichtsfahrt durch Berlin im zwanzigsten Jahrhundert, beginnennd mit der Entlassung Franz Biberkopfs (D├Âblin, Berlin Alexanderplatz), der vom Gef├Ąngnis Tegel mit der Elektrischen Ende der 1920er bis in die Mitte Berlins f├Ąhrt, ├╝ber den Bau der Mauer 1961, der eine solche Fahrt f├╝r knapp drei├čig Jahre unm├Âglich machen sollte, bis hin zum heutigen Berlin. Sie beschreibt das eher unaufgeregte Leben, mit dem sie selbst im Westberlin der achtziger Jahre in Ber├╝hrung kam, einer Zeit, in welcher die Repr├Ąsentanten des ,OstsektorsÔÇś vor allem als Ensemble eines "Ballett(s) der Plastikk├Ârbchen", welches die Grenzsoldaten bei der Personenkontrolle des Transitverkehrs vollf├╝hrten, wahrgenommen wurden. Was folgt sind Texte ├╝ber Literatur u.a. von ChristophHein, Christa Wolf, Antje R├ívic Strubel sowie von Marie Luise Kaschnitz, Andreas Meier und Georg Klein, die alle vor dem Hintergrund der besonderen deutsch-deutschen Vergangenheit verstanden werden m├╝ssen.

Die 68er-LiteratInnen bekommen ihrerseits ein eigenes Kapitel, darin ein Text zu Peter R├╝hmkorf, die Analyse des Briefwechsels von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper sowie eine bemerkenswerte Lesart von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf.
"Libertinage toujours" betitelt Ina Hartwig ihre Texte ├╝ber Avantgarde-SchriftstellerInnen wie Elfriede Jelinek, Arnold Stadler oder Jean Genet.
Ihre Essays machen begreiflich, dass gute Literatur immer auch eine St├╝ck Zeitgeschichte ist, philosophische und gesellschaftspolitische Diskurse aufgreift und moduliert. Den Abschluss ihrer Lekt├╝reauswahl bildet das Werk von Marcel Proust, dem allein die Philologin ein ganzes Kapitel widmet.

AVIVA-Tipp: Mit jedem ihrer Texte ├╝ber den Text versteht es die Literaturkritikerin Ina Hartwig auf beeindruckende Weise, eine aufgeregte Neugierde zu wecken, wohl all derjenigen, die Literatur nicht allein als zeitvertreibende Unterhaltung begreifen, die nachlesen, neu lesen und mitdenken wollen.
F├╝r Literaturbegeisterte also ein zweifacher Schatz, der sich in ihren Texten finden l├Ąsst: die Verf├╝hrung zur Literatur und die Freude an der Literaturkritik als eigenes Genre. Wenn Hartwig den Typus der Literaturkritikerin im Vorwort als parasit├Ąr und dienend zugleich beschreibt, so tritt in der vorliegenden Textsammlung eindeutig die begnadete Vermittlerin zutage.

Zur Autorin: Ina Hartwig, geboren 1963 in Hamburg. Sie studierte Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin. Neben Lehrt├Ątigkeiten an der FU Berlin, in St. Louis und G├Âttingen war sie viele Jahre lang verantwortliche Literaturredakteurin bei der "Frankfurter Rundschau" und arbeitet heute als freie Kritikerin. 2011 wurde sie mit dem Alfred- Kerr-Preis f├╝r Literaturkritik und dem Caroline-Schlegel-Preis der Stadt Jena ausgezeichnet. (Verlagsinformation)


Ina Hartwig
Das Geheimfach ist offen. ├ťber Literatur

S. Fischer Verlag, erschienen im M├Ąrz 2012
Gebunden, 336 Seiten
ISBN 978-3-10-029103-5
19,99 Euro


Literatur Beitrag vom 21.04.2012 Sonja Baude 





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