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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.06.2012

Hanna Hacker - Queer Entwickeln. Feministische und postkoloniale Analysen
Claire Horst

Welche Rolle kann Queer Theory, k√∂nnen feministische Theorien f√ľr die Entwicklungszusammenarbeit spielen? Sie bieten die M√∂glichkeit, Machtverh√§ltnisse und nicht zuletzt den Zusammenhang...



... von Imperialismus und Geschlechterdefinitionen zu beleuchten.

Neben Ans√§tzen aus den Queer Studies greift Hacker auch auf die postkoloniale Theorie, auf Kritische Geografie, Critical Whiteness und Border Studies zur√ľck. All diesen Ans√§tzen ist ein Fokus gemeinsam: Sie bem√ľhen sich um Intersektionalit√§t und erm√∂glichen es, sowohl Machtverh√§ltnisse kritisch zu hinterfragen als auch die eigene Sprecherinnenposition sichtbar zu halten.

Der vorliegende Band versammelt zehn Aufs√§tze aus den Jahren 2007-2012, in denen die Autorin sich aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch mit Entwicklungsarbeit auseinandersetzt. Die Texte zeichnen sich insbesondere durch die Schreibhaltung Hackers aus: Konstant bezeichnet sie die eigene Position, ruft sich und der Leserin immer wieder ins Ged√§chtnis, wer hier spricht: eine wei√üe, akademisch gebildete, lesbische √Ėsterreicherin. Insofern sind ihre Aufs√§tze keine rein akademischen: Tagebuchaufzeichnungen mischen sich mit fiktionalen Texten, Erinnerungsbruchst√ľcken und theoretischen Analysen. Gerade dadurch, dass sie die eigene Haltung immer wieder ins Bewusstsein ruft, kann Hacker den Fehler vermeiden, die eigene Perspektive zur Wahrheit zu ernennen.

Ein Schwerpunkt des Bandes ist die Positionierung der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Welche Bilder und (Selbst-)Zuschreibungen spielen hier eine Rolle? Welche Rolle spielt die eigene Haltung und ihre (Nicht-)Hinterfragung f√ľr die Entwicklungsarbeit? Dabei untersucht Hacker auch die Rolle, die K√∂rper und ihre Repr√§sentation spielen. Bilder von Schmutz und Gef√§hrdung werden dabei ebenso untersucht wie Exotisierung und die Erotik des "Fremden" sowie das relativ neue Feld "Sex and Development".

Ein Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel "Ausbruch in Schwei√ü" untersucht etwa anhand von Berichten ehemaliger Peace Corps-Freiwilliger, wie Wahrnehmung und Darstellung von K√∂rperlichkeit Machtverh√§ltnisse widerspiegeln. Hacker spricht dabei von "First-Contact"-Literatur, von Texten also, die vorgeben, aus √ľbergeordneter Perspektive √ľber eine noch unerforschte Kultur zu sprechen. Bestimmte immer wiederkehrende Motive (wie etwa der Blick vom Balkon des Hotelzimmers auf die Stra√üe herab) erkennt sie dabei als Topoi, die den Arbeitsansatz vieler Besch√§ftigter aus der "Entwicklungszusammenarbeit" verdeutlichen.

Zu den untersuchten Texten geh√∂ren Berichte von Forschungsreisenden ebenso wie koloniale Fiktion und Aufs√§tze bekannter TheoretikerInnen. Im R√ľckgriff auf klassische ethnografische Studien, etwa von Julia Kristeva und Roland Barthes zum kommunistischen China oder zu einem Archivierungsprojekt in S√ľdafrika, untersucht Hacker, wie Erinnerung geformt wird und inwiefern eine Geschichtsschreibung ohne eurozentrische Wahrnehmung m√∂glich ist. Diese Texte werden erg√§nzt durch Aufzeichnungen zu eigenen Forschungsaufenthalten der Autorin. So zeichnet sie nicht nur die historische Entwicklung verschiedener Ans√§tze der Entwicklungszusammenarbeit nach, sondern analysiert auch die eigene Rolle. Welchen Einfluss hat die eigene Homosexualit√§t auf den eigenen universit√§ren Status, inwiefern ist sie /sind andere AutorInnen vom eigenen Begehren beeinflusst? Kann es ein reines Begehren √ľberhaupt geben, wenn die Verh√§ltnisse von Gewalt bestimmt sind? Die genannten Texte werden so in Zusammenhang zur Leitfrage gestellt: Wie l√§sst sich Entwicklungsarbeit und -kritik queeren?

AVIVA-Tipp: Durch die Verflechtung unterschiedlicher Themenfelder und theoretischer Ansätze gibt Hacker spannende Anregungen dazu, was Intersektionalität in der Praxis bedeuten kann. Wie sie selber schließt, sind diese Erkenntnisse nicht neu. Trotzdem gelingt es ihr, theoretische Ansätze praktisch werden zu lassen. Die Herausforderung, die eigene Position zu benennen, ohne weitere außer Acht zu lassen, nimmt sie erfolgreich in Angriff und stellt sie zugleich an die Praxis.

Zu der Autorin/Herausgeberin: Hanna Hacker ist Soziologin und Historikerin mit Arbeitsschwerpunkten auf Cultural und Postcolonial Studies in feministischer und queerer Perspektive. Sie arbeitet als Professorin f√ľr sozial- und kulturwissenschaftliche Entwicklungsforschung an der Universit√§t Wien. (Verlagsinformationen)

Hanna Hacker
Queer Entwickeln. Feministische und postkoloniale Analysen

mandelbaum kritik & utopie, erschienen im April 2012
Taschenbuch, 270 Seiten
ISBN 978-3-85476-611-7
19,99 Euro


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