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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.07.2012

Catrine Val - FEMINIST
Susanne Schwarz

Das soziale Geschlecht der Frau? Die K├╝nstlerin Catrine Val h├Ąlt in 78 Selbstportraits 78 "soziale Geschlechter" fest - ein postfeministischer Bildband oder auch einfach ein Aufruf zur Freiheit.



"Warum soll ich meine Pflicht als Frau erf├╝llen? F├╝r wen? F├╝r die? F├╝r dich? F├╝r mich?", schrie Nina Hagen 1978 f├╝r das Lied "Unbeschreiblich weiblich" ins Studio-Mikrophon und wandte sich damit gegen die Pauschalisierung der Frauenidentit├Ąt als Geb├Ąrmaschine.
Unbeschreiblich weiblich sind auch die Protagonistinnen des Bildbandes von Catrine Val. Die K├╝nstlerin aus Kassel pr├Ąsentiert 78 Selbstportraits, in denen sie fotografisch Frauenpers├Ânlichkeiten darstellt.

Val, die vielen verschiedenen Identit├Ąten ihren K├Ârper leiht, ist mal auf Studio-, mal auf Au├čenaufnahmen zu sehen. Zudem hat die von ihr kreierte Szenerie eine Reichweite von Steinzeitfiguren und Mammuts bis hin zu futuristischer Baukunst. Die Protagonistinnen tragen manchmal hochgeschlossene Garderobe vergangener Jahrzehnte, aber auch zeitgen├Âssische Mode und Badebekleidung, vermischt mit exzentrischen Schnitten, wie mensch sie bereits in Science-Fiction-Filmen gesehen hat.
Die Person der Fotografin, die gleichzeitig ihr eigenes Model ist, tritt dabei bis zur Unkenntlichkeit in den Hintergrund. Jede dargestellte Pers├Ânlichkeit erh├Ąlt einen eigenen Namen.

"Linnea" zum Beispiel steht in einem minimalistisch konzipierten Treppenhaus und l├Ąsst ihren Blick ├╝ber eine noch gr├╝ne Sp├Ątherbstlandschaft schweifen. Die riesige Fensterfl├Ąche, welche sich vom Boden noch ├╝ber die Bildgrenzen hinaus erstreckt, wirkt wie ein Terrarium, das eine Begrenzung zur freien Au├čenwelt bedeutet. Das Spiegelbild der Frau im Fenster sieht aus, als st├╝nde es drau├čen und stellt die Illusion deutlich der Realit├Ąt gegen├╝ber.
Val l├Ąsst klassische Motive in "FEMINIST" einflie├čen. So bewegt sich "Linnea" zwischen Natur und Kunst, zwischen Schein und Sein.

Durch die unterschiedlichen Charaktere wird auch der Kontrast zwischen aktiver Situationsgestaltung und passiver Erduldung thematisiert. So steht "Sienna" fassungslos auf einem Haufen Sperrm├╝ll am Stra├čenrand. "Peppi" hingegen, "typisch weiblich" in Badeanzug und Pumps gekleidet, arbeitet in energetischer und durch einen Vorsprung erh├Âhter Position, mit einem halb auseinander gebauten, "typisch m├Ąnnlichen" Rasenm├Ąher ÔÇô oder mit einem kaputten Geschlechterbild?

Pr├Ągnant sind die nicht nur optisch ausgefallenen Kopfbedeckungen vieler der Frauen. "Julia" schwankt ├╝ber eine vertrocknete Wiese, bekleidet ist sie mit einer riesigen Feinrippunterhose und einem nicht minder eindrucksvollen Lampenschirm auf dem Kopf. "Rebekkas" Haupt schm├╝ckt eine R├╝hrsch├╝ssel und "Grietje" ist vom Scheitel an ├╝ber den ganzen Oberk├Ârper mit einem leuchtend gelben Tuch umh├╝llt. Gemeinsam haben sie alle, dass sie sich in einer Welt bewegen, in der sie weder ihre Umgebung noch sich selbst genau ausmachen k├Ânnen. Oder konnten: "Grietje" greift mit der Hand einen Tuchzipfel und strafft den Stoff. Vielleicht zieht sie ihren Schleier gleich herunter.

Die "FEMINIST"-Frauen wandeln zwischen dem Dasein als Mensch und Puppe. Ihre Expressivit├Ąt spricht f├╝r ersteres, dennoch werden sie oft von den ├Ąu├čeren Umst├Ąnden der Szenerie geleitet. Unterst├╝tzt wird dieser Eindruck durch die Inszenierung ihres Intimbereichs, wenn dieser nicht von Kleidung bedeckt ist. "Faith" tr├Ągt unter ihrem zu kurzen Bademantel eine blickdichte, hautfarbene Strumpfhose mit Nylonnaht und wirkt etwas wie eine Schaufensterpuppe vor dem Ankleiden. Wie es bei Puppen auch keine Rolle spielt, was sich unter der Strumpfhose befindet, setzt sich "Faiths" Pers├Ânlichkeit aus anderen Aspekten zusammen.

Die Kulissen der Fotos variieren von minimalistischen, einfarbigen Hintergr├╝nden bis zu aufwendig detailverliebten Installationen. "FEMINIST" lebt durch Licht, Schatten sowie Reflexionen und experimentiert mit der Farbgebung passend zu den dargestellten Pers├Ânlichkeiten.

AVIVA-Tipp: Die Fotografien aus "FEMINIST" sind sowohl in ihren ├Ąsthetischen, als auch inhaltlichen Aspekten spannend. Die Protagonistinnen bleiben unbeschreiblich (weiblich). Catrine Val bietet Anhaltspunkte zum Nachdenken und Interpretieren ├╝ber ein `post`feministisches Geschlechterbild, gibt allerdings auch keine Pauschall├Âsung vor ÔÇô denn das Abweichen von einer solchen ist ja auch ihr Ziel.

Zur K├╝nstlerin: Catrine Val, geboren 1970 in K├Âln, studierte Kunst bei Urs L├╝thi, Valie Export, Marcel Odenbach und Horst K├Ânigstein und arbeitete an der Kunsthochschule Kassel. Ihre Video- und Fotoarbeiten waren Bestandteil diverser Ausstellungen und Festivals. (Quelle: Kehrer Verlag)
Mit "FEMINIST" war sie bereits in der Ausstellung "Gaze upon my graze" des "Art Museum at The Art Park" in Hsinchu/Taiwan und auf dem "International Portfolio Reviews/Photo Ireland Festival" vertreten. Im Juni 2012 wurde ihr Bildband "FEMINIST" f├╝r den Renaissance Photography Prize London nominiert.
Weitere Infos unter www.catrineval.de


Catrine Val
FEMINIST

Kehrer Verlag, erschienen Januar 2012
Festeinband, 120 Seiten
ISBN 978-3-86828-290-0
36 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Female Trouble ÔÇô Die Kamera als Spiegel und B├╝hne weiblicher Inszenierungen von Inka Graeve Ingelmann (Hrsg.)

Fr├Ąulein von Ellen von Unwerth

"Frauen. Picasso, Beckmann, de Kooning" herausgegeben von Carla Schulz-Hoffmann, Bayrische Staatsgem├Ąldesammlungen


"Ujjayi┬┤s Journey" von Maxine Henryson


Literatur Beitrag vom 18.07.2012 AVIVA-Redaktion 





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