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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.07.2012

Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen. Herausgegeben von Ursula Enders
Dana Strohscheer

Wo verl√§uft die Grenze zwischen einem verst√§ndnisvollen Verhalten von JugendtrainerInnen gegen√ľber Schutzbefohlenen und einem zu engen, verletzenden Kontakt? Was tun, wenn MitarbeiterInnen sich...



‚Ķ auffallend h√§ufig allein mit Kindern in einem Raum aufhalten? Ist es merkw√ľrdig, dass KollegInnen immer wieder bereitwillig die ungeliebten Feiertagsschichten √ľbernehmen und dadurch mit jungen HeimbewohnerInnen √∂fters allein sind?

Dieses Handbuch will nicht unbegr√ľndeten Verdacht sch√ľren, aber ein zu wenig beachtetes Thema aufgreifen: Den sexuellen Missbrauch in √∂ffentlichen Einrichtungen. Die AutorInnen kl√§ren dar√ľber auf, dass es sich bei sexuellen Vergehen in Vereinen, kirchlichen Tr√§gergruppen oder Jugendeinrichtungen keineswegs um "Einzelf√§lle" handelt, wie es in der √Ėffentlichkeit oft dargestellt wird, sondern dass sich viele T√§terInnen gezielt diese "Schutzr√§ume" suchen, um in direkten Kontakt zu Kindern und Jugendlichen zu kommen.

Mädchen immer noch stärker betroffen

Verl√§ssliche Zahlen √ľber sexuellen Missbrauch in Deutschland gibt es kaum, da die Dunkelziffer immer noch sehr hoch ist. Im Jahr 2010 wurden von der Kriminalpolizei 14.407 F√§lle registriert. Zwei Drittel der Missbrauchsopfer sind M√§dchen, wogegen 80 bis 90 Prozent der T√§terInnen m√§nnlichen Geschlechts sind. Ungef√§hr die H√§lfte der Opfer werden mehrmals missbraucht, teilweise sogar √ľber Jahre. Zudem finden die Taten in allen sozialen Schichten statt und sind kein Ph√§nomen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Zwischen 27 und 50 Prozent der M√§dchen und zwischen 46 und 50 Prozent der Jungen werden im sozialen Umfeld der Familie missbraucht, wozu Jugendeinrichtungen, Schulen, Internate, Kindertagesst√§tten und Vereine z√§hlen.

Über diesen Missbrauch in Institutionen gibt es keine Statistiken. Jedoch zitiert die Herausgeberin Ursula Enders ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen: von 324 Jungen, die als Sexualstraftäter auffällig wurden, begingen 17 Prozent ihre Taten in Heimen oder Einrichtungen der Jugendhilfe. Genau diesem vielschichtigen Bereich widmet sie gemeinsam mit elf Co-AutorInnen das Handbuch.

Handlungsweisen erkennen

So geht es darum, grenzverletzendes Verhalten auf Seiten von BetreuerInnen aufzuzeigen. Die VerfasserInnen erkl√§ren, wie Kinder und Jugendliche auf anz√ľgliche Bemerkungen der Erwachsenen reagieren - sie tun erst einmal so, als ob sie nichts geh√∂rt h√§tten, da sie in diesen Situationen vollkommen √ľberrumpelt sind. Bereits hier wird deutlich, dass einem eventuellen sp√§teren Missbrauch bestimmte Strategien der T√§terInnen vorausgehen, die den "N√§hrboden" bilden.

Die TäterInnen gewinnen oftmals das Vertrauen der potentiellen Opfer und schaffen psychologische Abhängigkeiten. Darauf folgen meist erste sexualisierte Gespräche, die Kinder oder Jugendlichen werden zu sexuellen Handlungen an sich selbst angeleitet, worauf später der Übergriff folgt, oftmals unter Einfluss von Alkohol. Ein weiterer Grundsatz kann lauten, dass zu den Eltern potentieller Opfer ein intensives Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, damit Bekenntnisse des Kindes später als "Verleumdungen" dargestellt werden können.

Die AutorInnen benennen mögliche Zielgruppen der TäterInnen: So lassen sich sozial benachteiligte oder "gemobbte" Kinder leichter manipulieren. Auch geistig oder körperlich behinderte Kinder werden gezielt angesprochen, da diese sich noch weniger wehren können oder ihnen kaum Glauben geschenkt wird.

Institutionelle Rahmenbedingungen und Tipps

Enders geht auf begleitende Umst√§nde in Institutionen ein, die Missbrauch beg√ľnstigen - ob es um abschlie√übare R√§umlichkeiten handelt, in denen sich BetreuerInnen allein mit Schutzbefohlenen aufhalten, gemeinsames Duschen nach dem Sport ("Stell Dich nicht so an"), oder beliebte "Aufnahmerituale" in Sportvereinen, die schnell eine andere Konnotation bekommen k√∂nnen.

Auch den Bereich der sexuellen Übergriffe von Kindern und Jugendlichen untereinander deckt der Ratgeber ab. So wird deutlich, wie wichtig es als Elternteil ist, gerade bei kleineren Kindern genau hinzuhören, wenn sie auf einmal von heute auf morgen nicht mehr in die Kita oder die Schule gehen wollen, obwohl es vorher keine Probleme gab.

Den Umgang von Eltern oder Angeh√∂rigen mit dem heiklen Thema beleuchten die VerfasserInnen ebenfalls: "Gef√ľhlsbetonte Reaktionen erleben die Opfer sexuellen Missbrauchs fast immer als gro√üe Belastung. W√ľtende und den T√§ter / die T√§terin abwertende Reaktionen k√∂nnen betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Loyalit√§tskonflikte bringen, denn fast immer verbinden sie mit der missbrauchenden Person auch positive Gef√ľhle und Erinnerungen."

Dar√ľber hinaus gibt der Band Einblick in "traumatisierte Institutionen" und in die Dynamiken, die sich dort entwickeln k√∂nnen. Es wird die Lage vor allem in Kindertagesst√§tten, Grundschulen und Kurkliniken er√∂rtert, wo die Grenzen zwischen "Doktorspielen" und sexuellen √úbergriffen eng beieinander liegen.

√úbersichtliche Handhabung

Begleitend zu den einzelnen Themenkomplexen veranschaulichen Fallbeispiele den praktischen Bezug. Comics erkl√§ren auf spielerische Weise die Themen und vorformulierte "Dienstanweisungen" erm√∂glichen es den Institutionen, sich besser zu sch√ľtzen. Zu jedem Schwerpunkt sind Literaturhinweise und Internetadressen angegeben.

Denn Wissen hilft, das strategische Vorgehen der T√§terInnen zu stoppen und sichere Orte f√ľr M√§dchen und Jungen zu schaffen. Die klare Sprache des Buches √ľberzeugt und vermittelt die Dringlichkeit, Grenzen zu achten, klare Unterst√ľtzung zu geben und besonnen zu handeln.

AVIVA-Tipp: Der Ratgeber sensibilisiert f√ľr das Thema des sexuellen Missbrauchs in Institutionen, vor allem bietet er konkrete Hilfestellungen an. Die Missbrauchsf√§lle der letzten Jahre haben gezeigt, dass diese Taten immer noch ein gesellschaftliches Tabu sind. "Das Undenkbare denken zu k√∂nnen" ist Ziel dieses Buches und damit nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel f√ľr Institutionen, sondern auch f√ľr Eltern und Personen, die im sozialen Bereich arbeiten und tagt√§glichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen haben.

Zur Autorin: Ursula Enders, geboren 1953 im Sauerland, Diplom-P√§dagogin und Traumatherapeutin, unterst√ľtzt seit mehr als 30 Jahren kindliche Opfer sexuellen Missbrauchs. Sie ist Mitbegr√ľnderin und Leiterin von "Zartbitter K√∂ln e.V.", der Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch von M√§dchen und Jungen. Seit Anfang der 1990er Jahre besch√§ftigt sie sich besonders mit dem Missbrauch in Institutionen. Sie hat zahlreiche Einrichtungen bei der Aufdeckung und Verarbeitung von sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen begleitet. Seit vielen Jahren engagiert Ursula Enders sich f√ľr das Recht betroffener M√§dchen und Jungen auf Beratung und traumatherapeutische Hilfe sowie f√ľr den Schutz vor Missbrauch in Institutionen. Sie ist Autorin zahlreicher Kinderb√ľcher und Fachpublikationen.

Ursula Enders (Herausgeberin)
Grenzen achten: Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen.
Ein Handbuch f√ľr die Praxis

Kiepenheuer & Witsch, erschienen im Februar 2012
Taschenbuch, 408 Seiten
ISBN: 978-3462043624
14,99 Euro
www.kiwi-verlag.de

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.zartbitter.de

www.wildwasser-berlin.de

www.tauwetter.de

beauftragter-missbrauch.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Adriana Stern - Jockels Schweigen f√ľr Jugendliche ab 14 Jahren

Interview mit der Autorin Adriana Stern

Beate Teresa Hanika - Rotkäppchen muss weinen


Literatur Beitrag vom 23.07.2012 Dana Strohscheer 





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