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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.11.2012

Anna Katharina Hahn - Am Schwarzen Berg
Evelyn Gaida

Im Stuttgarter Hitzekessel des Sommers 2010 braut die mehrfach ausgezeichnete Autorin einen bildstarken Wortwuchs zusammen, an dessen Ende eine Trag├Âdie steht. Neben polierten Wohlstandsfassaden...



... wuchern morbide G├Ąrten des Verfalls, Lebensl├╝gen, ├ängste, psychologische Treibnetze und die sirenenhaften Stimmen der literarischen Vergangenheit, die sich mit den Protesten gegen Stuttgart 21 mischen.

"Am schwarzen Berg da steht der Riese ÔÇŽ" Ein Zitat aus M├Ârikes Gedicht "Die Elemente" ├╝bernimmt hier die Patenschaft f├╝r Abgr├╝nde, die sich hinter dem Gartenzaun auftun k├Ânnen, und davor. Die Autorin macht den br├╝tenden Berg zur gleichnamigen Postadresse ihrer Hauptfiguren.

Schon die erste Szene des Romans wird von einer Schwingung haltlosen Verderbens durchzittert. Emil Bub, ein alternder, etwas heruntergekommener Deutschlehrer, kauert sich schwei├čgebadet auf seinem Balkon zusammen. Er beobachtet heimlich die R├╝ckkehr des 40-j├Ąhrigen Nachbarssohnes Peter in dessen Elternhaus. Peter befindet sich offenkundig in einem apathischen, desolaten Zustand, beim Ausr├Ąumen seiner Habseligkeiten aus dem Auto kommt es zu einem best├╝rzenden Gerangel mit seiner Mutter, unter anderem bringt er einen schlammverschmierten Glaskasten mit ÔÇô das geliebte Aquarium seiner Kindheit.

Jahrzehnte zuvor hatten Emil und seine Frau Veronika die Vorg├Ąnge auf dem Nachbargrundst├╝ck mit Ablehnung und innerem Protest verfolgt: die Umgestaltung und den ehrgeizigen Ausbau des alten Hauses durch Peters Vater Hajo, einen Arzt aus ├Ąrmlichen Verh├Ąltnissen, der sich hartn├Ąckig durch sein Studium gek├Ąmpft hatte und nun stolz und gro├čm├Ąnnisch seinen erwirtschafteten Besitz ausbreitete. Das Ehepaar Bub-Beyer dagegen hatte in seiner StudentInnenzeit in Gartenh├Ąusern und WGs gelebt, wo viel gekifft wurde und Che-Poster an der Wand hingen. Schlie├člich waren sie zusammen in das leicht verwachsene und ungepflegte "Hexenh├Ąuschen" am Schwarzen Berg gezogen.

Veronika, die seit Langem Bibliothekarin in der Stadtb├╝cherei im Wilhelmspalais ist und sich deren Umzug in den Neubau am Mail├Ąnder Platz so wenig vorstellen kann "wie eine Reise ins Weltall", hatte sich mit ihrer Kinderlosigkeit als ruhige Gewissheit eingerichtet, doch dann war der neunj├Ąhrige Peter ├╝berm├╝tig durch den nachbarlichen Garten gesprungen. "Was hatte Peter gebraucht, um all dies ├╝ber den Haufen zu werfen? Einen Blick, eine Handbewegung, eine Wunde ├╝ber dem Ellenbogen, bei deren Anblick Veronikas eigene Haut brannte."

Lebensentw├╝rfe l├Ąsst die Autorin gegen├╝ber der emotionalen Wirklichkeit ihrer Figuren immer wieder zusammenschnurren wie welke Kulissen.

Peter wird zum Sehnsuchtsobjekt der Bub-Beyers, zu ihrer Sucht, sie werden umgekehrt zu seinen zweiten Eltern, die ihn mit Liebe, S├╝├čigkeiten und Literatur ├╝bersch├╝tten. Von seinem eigenen Vater sieht der Junge vor allem die R├╝cklichter des Autos, mit dem Hajo in seine Praxis f├Ąhrt, w├Ąhrend Peters norddeutsche Mutter Carla die Rolle der putz- und kochbesessenen schw├Ąbischen Hausfrau und "Muddi" ├╝bernimmt. Hahn ├╝bt keine Schonung bei der Darstellung ihrer Figuren, ihr Blick sucht die unsch├Ânen Details, stellt oft forciert blo├č. Ohne das k├╝hle Errichten dieser Distanz w├Ąren Emils und Veronikas R├╝ckblicke auf das Kaugummi kauende, W├Ąrme und Leben verstr├Âmende Kind jedoch schwer zu ertragen. In der Gegenwart ist Peter ein gebrochener Mann. Sein Niedergang l├Ąsst ungebremst das starrende Elend Gestalt annehmen, das sich hinter dem Begriff Depression verbirgt. Die R├╝ckblenden markieren vor diesem Hintergrund den schrecklichen Verlust von Kindheit, von Weltvertrauen und Unschuld.

Anna Katharina Hahn zieht in ihren Figuren eine Art Gesellschaftspanorama aus unvereinbaren Lebenswelten und sozialen Bruchstellen zusammen, um sie auf engstem Raum miteinander kollidieren zu lassen. Das hat etwas von den k├╝nstlich herbeigef├╝hrten Bedingungen eines Laborexperiments, zwingt aber auch zum Blick ├╝ber den jeweiligen Tellerrand. Peter will nicht in die Fu├čstapfen seines Vaters treten, er wird Logop├Ąde, statt Arzt, und schafft sich genug Freiraum, um viel Zeit mit den beiden S├Âhnen zu verbringen, die er zusammen mit seiner Frau Mia hat, einer P├Ądagogin. Der Anblick des Protestcamps im Schlossgarten ist f├╝r Peter ein Erweckungserlebnis, die B├Ąume werden f├╝r ihn etwas Sakrales, die B├╝rgerInnenbewegung eine poetische und weltver├Ąndernde Energie, eine gro├če Familie.

Mia hatte von dem Arztsohn etwas anderes erwartet. Sie ist die Tochter einer alleinerziehenden Putzfrau und verbrachte ihre Kindheit damit, ihrer Mutter beim Reinigen von luxuri├Âsen R├Ąumlichkeiten zuzusehen. In Mias Augen ist das Camp im Schlossgarten ein "bizarres Narrend├Ârfchen", ist Peters Ersatzvater Emil ein Gedichte rezitierender Flaschengeist. Als Peter die Teilhabe an der Logop├Ądiepraxis, f├╝r die er arbeitet, ablehnt und Mia einen anderen Mann kennen lernt, verl├Ąsst sie Peter in einer Kurzschlussreaktion, verschwindet mit den Kindern Hals ├╝ber Kopf ins Tessiner Domizil ihres Geliebten. F├╝r den Zur├╝ckgelassenen bricht damit alles zusammen. Er wird zum lebendigen Toten.

Am Ende steht die Hilflosigkeit der vier Eltern, stehen ihre Projektionen, ihre Verdr├Ąngung und das Entsetzen. Hajo hat es mit Medikamenten und tabellarischer ├ťberwachung versucht, Carla mit dem Bekochen ihres "Schnuck", Emil schleppt ihn in die ├╝berhitzte Stadt, Veronika macht sich auf die detektivische Suche nach der Ursache des Leidens. Als Mia sich nach zwei Monaten meldet und Peter den Ansatz einer Lebensregung zeigt, ist das f├╝r die vier ├älteren Grund genug im Garten zu feiern, mit ├╝ppigem Essen, viel Bowle und wiegendem Tanz. Jetzt k├Ânne Peter sich ja vielleicht doch noch an der Praxis beteiligen und alles sich zum Guten wenden. Es ist der ├╝bliche tr├╝gerisch augenauswischende Frieden vor einer Katastrophe. Trotz dieser absichtlichen Vorhersehbarkeit ist der Schluss so unerbittlich seelisch grausam, dass er paradoxerweise nicht trostlos ist, sondern einen Imperativ enth├Ąlt: zu leben.

AVIVA-Tipp: "Am Schwarzen Berg" ist ein harter Roman, ein pr├Ązises und nachgerade selbstt├Ątig eindringliches Wortgewebe, das neben dem altbekannten und sich umw├Ąlzenden Stuttgart ein bisher unerschlossenes Portr├Ąt der Stadt literarisch freilegt. Ob H├Ąuslebauer oder gr├╝ne Gartenarbeitsverweigerer: Mit der gnadenlosen Lupe ihres Blicks brennt Anna Katharina Hahn ein schwarzes Loch in die Lebenslandkarte b├╝rgerlicher Selbstgef├Ąlligkeit, macht die scheinbaren Banalit├Ąten des Alltags durchsichtig f├╝r das Flimmern des Wahnsinns, das manisch Verdr├Ąngte.

Zur Autorin: Anna Katharina Hahn, geboren 1970, lebt in Stuttgart. Zuletzt erschien ihr Roman "K├╝rzere Tage". Der Bestseller stand auf der Longlist f├╝r den Deutschen Buchpreis 2009 und auf der Shortlist f├╝r den Preis der SWR-Bestenliste und wurde 2010 mit dem Roswitha von Gandersheim-Preis und dem Heimito von Doderer-Preis ausgezeichnet. (Quelle: Suhrkamp Verlag)

Anna Katharina Hahn
Am Schwarzen Berg

Suhrkamp Verlag, erschienen im M├Ąrz 2012
Gebunden, 236 Seiten
ISBN 978-3-518-42282-3
19,95 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

Suhrkamp Verlag

Literatur Beitrag vom 06.11.2012 Evelyn Gaida 





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