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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.11.2012

SEEMANNs K├╝nstlerlexikon. Herausgegeben von Andrea Schaller und Michael Steppes
Ingeborg Morawetz

"A&E Design" machen den Anfang, das letzte Stichwort des Lexikons ist "Z├╝rn", dazwischen tummeln sich Lassnig, Kahlo und Tizian. 1.600 Eintr├Ąge stellen die Welt der Kunst von gestern und heute vor.



1600 mal Kunst

SEEMANNs K├╝nstlerlexikon pr├Ąsentiert sich umfangreich. Form und Gewicht nach mehr Ziegelstein denn Buch enth├Ąlt es auch die F├╝lle an Informationen, die der erste Blick verspricht.
Alphabetisch geordnet finden die LeserInnen Informationen zu K├╝nstlerInnen aus den Bereichen Architektur, Bildhauerei, Performance, Photographie und Malerei, aber auch GoldschmiedInnen aus dem 16. Jahrhundert oder K├╝nstlerInnengruppen der j├╝ngsten Vergangenheit werden vorgestellt. Dass das sehr uneinheitlich geschieht, ist wohl der Vielfalt der dargestellten T├Ątigen und T├Ątigkeitsbereichen geschuldet. W├Ąhrend manche Eintr├Ąge fast ausschlie├člich biographisch gehalten sind, warten andere sogar mit kurzen Interpretationen von Stil und Werk auf.

K├Ârpergef├╝hlsbilder

Bei den meisten K├╝nstlerInnen sind die gesellschaftlichen Bedingungen des Schaffens und das Umfeld, in dem die Beschriebenen verkehrten, genannt. Diese Informationen gew├Ąhrleisten, dass sich das Lexikon trotz starker Verknappungen und einer Unzahl an Abk├╝rzungen zum Lesen und St├Âbern eignet. Die LeserInnen k├Ânnen sich von einem Namen zum n├Ąchsten leiten lassen. Auch die abwechslungsreichen und manchmal unerwarteten Fakten laden dazu ein, sich ├╝ber zuvor noch unbekannte K├╝nstlerInnen und ├╝ber das Nachschlagewerk hinausgehend kundig zu machen.
Bei Todesf├Ąllen Portraitierter in jungem Alter wird durch eine kurze Erw├Ąhnung der Umst├Ąnde die Neugierde ges├Ąttigt, Fragen zur Finanzierung des K├╝nstlerInnentums manchmal durch diskrete Hinweise auf ein reiches Elternhaus oder Beziehungen in Adelskreisen beantwortet.
Die LeserInnen, die keinen kunstgeschichtlichen Hintergrund besitzen, bekommen so neben den wichtigsten Informationen ├╝ber Epoche und Werk auch einen biographischen ├ťberblick zu den vorgestellten K├╝nstlerInnen. Maria Lassnigs Neologismus der "K├Ârpergef├╝hlsbilder", der ebenfalls kurz erl├Ąutert wird, steht daf├╝r sinnbildlich: was den in dem Gebiet Bewanderten m├Âglicherweise rasch zu breit gestreute Informationsfelder sind, zeichnet den LaiInnen eine gro├čfl├Ąchige Skizze von Person und Werk.

Im 21. Jahrhundert angekommen?

SEEMANNs K├╝nstlerlexikon scheut nicht vor Wertungen zur├╝ck. So wird Ai Weiwei als einer der wichtigsten aktuellen chinesischen K├╝nstler bezeichnet, auch andere Kreative unserer Zeit werden mit Rang und Namen eingeordnet.
Schade bleibt dabei nur, dass diese Aktualit├Ąt bei der Beschreibung der ins Nachschlagewerk integrierten Bilder verloren geht. Diese zeigen entweder die K├╝nstlerInnen selbst oder, und das vor allem bei MalerInnen und BildhauerInnen vergangener Epochen, kleine Ansichten derer Werke. Eine Enzyklop├Ądie, die den Mut besitzt, einzelnen K├╝nstlerInnen einen Platz im aktuellen Zeitgeschehen zuzuweisen, sollte auch die Selbstverst├Ąndlichkeit wahrnehmen, den momentanen Aufenthaltsort bestimmter Kunstwerke anzugeben. So pr├Ąsentieren sich zwar Madonnen und Obstk├Ârbe in leider teilweise minderer Bildqualit├Ąt, aber den LeserInnen bleibt vorenthalten, ob sie sich im Besitz vom Louvre oder der Tate Gallery befinden - eine Information, die zu geben m├Âglich ist, selbst wenn die Werke gerade als Leihgabe auf Wanderschaft geschickt wurden.

Hintergr├╝ndig

Sechs zwischen die Lexikonartikel eingef├╝gte Kapitel f├╝hren in die Geschichte der Photographie, des Museums, von K├╝nstlerInnengruppen, des Kunstmarkts, der Kunstf├Ąlschung und in die Rolle der Kunstschaffenden in der Gesellschaft ein. Verfasst sind sie von teilweise fachfremden RedakteurInnen, flossen aber durchaus auch aus der Feder renommierter Kunstgeschichts-Kundiger wie Prof. Dr. Scholz - H├Ąnsel, Dozent an der Universit├Ąt Leipzig. Sie sind ├╝bersichtlich strukturiert, klar formuliert und bilden eine informative, interessant bebilderte Erg├Ąnzung zum Hauptwerk.
In der Rubrik "K├╝nstlergruppen" wird im gleichen Atemzug neben dem Blauen Reiter, der Br├╝cke und den Fauves auch auf die Feminist Art Workers und die Guerilla Girls hingewiesen. Beachtenswert ist der Abdruck des "Do women have to be naked to get into the Met. Museum?"-Plakates.
Die Sonderkapitel heben sich in grauer Grundierung unaufdringlich vom Rest des Buches ab und sind noch ein (nach)schlagkr├Ąftiges Argument, in die gedruckte Kunstwelt abzutauchen und sich ein wenig treiben zu lassen.

AVIVA-Tipp: Ob dieses eine, befremdliche Gem├Ąlde, das Sie k├╝rzlich gesehen haben in Salvador Dal├şs Atelier entstand oder doch eher Dorothea Tanning zu verdanken ist, erfahren Sie in diesem Lexikon nicht. Aber daf├╝r, dass beide surrealistisch malten und die gleichen Freundschaften pflegten. F├╝r KunstgeschichtlerInnen k├Ânnte dieses Werk an manchen Stellen zu wenig Informationstiefe besitzen, aber von den verl├Ąsslich gegebenen Basisdaten profitieren auch ExpertInnen, deren Wissen im Grunde die Kapazit├Ąt des Nachschlagewerkes ├╝bersteigt.
Leider wird das Fehlen einiger K├╝nstlerInnen bei speziellen Interessengebieten zu toten Enden in der Recherche f├╝hren, die LeserInnen werden aber durch die geschlossene Form und sonstige konsequente und angenehme Gestaltung des Lexikons schnell wieder mit den sicherlich unvermeidlichen L├╝cken vers├Âhnt.

Zu den HerausgeberInnen:

Dr. Andrea Schaller
studierte Kunstgeschichte in Regensburg, Marburg und Hamburg, Mitarbeit in verschiedenen Museen, Italien-Redakteurin f├╝r das im K. G. Saur Verlag (De Gruyter) erschienene "Allgemeine K├╝nstlerlexikon (AKL)" und Mitherausgeberin von "Seemanns K├╝nstlerlexikon"; sie ist freiberufliche Autorin und lebt in Leipzig.

Michael Steppes, geb. 1966, Diplom-├ťbersetzer, 1996ÔÇô2011 Redaktionsleiter des "Allgemeinen K├╝nstlerlexikons (AKL)" (K. G. Saur/de Gruyter), seit 2011 freiberuflich t├Ątig. Gemeinsam mit Dr. Andrea Schaller und einem Team von Kunsthistorikerinnen aus der ehemaligen AKL-Redaktion entwickelte er nun "Seemanns K├╝nstlerlexikon".


SEEMANNs K├╝nstlerlexikon
Hrsg. von Andrea Schaller und Michael Steppes
Seemann Henschel-Verlag, erschienen Oktober 2012
Hardcover, 464 Seiten, 337 farbige und s/w-Abbildungen
ISBN 978-3-86502-278-3
35,- Euro
www.hentschel.de


Weitere Informationen finden Sie unter:

Do women have to be naked to get into the Met. Museum? (Brooklyn Museum)

Weiterlesen auf AVIVA- Berlin:

So viel Energie - K├╝nstlerinnen in der dritten Lebensphase

Karoline Hille - Spiele der Frauen. K├╝nstlerinnen im Surrealismus



Literatur Beitrag vom 25.11.2012 AVIVA-Redaktion 





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