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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.12.2012

Corinna T. Sievers - Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung
Claire Horst

Kaum zu ertragen in seiner schonungslosen BrutalitÀt, erzÀhlt dieser Roman die wahre Geschichte eines MÀdchens, das in den siebziger Jahren in der westdeutschen Provinz aufwÀchst. Tochter einer...



... Alkoholikerin, die kaum weiß, wie sie die Familie ernĂ€hren soll, durch eine Mehrfachbehinderung zum Opfer von Ausgrenzung und Misshandlung geworden, hat die kleine Ute eigentlich schon von Anfang an keine Chance. Schon deshalb sollte dem Klappentext eine Warnung fĂŒr alle potentiellen LeserInnen vorangestellt sein: FĂŒr selbst von Missbrauch Betroffene dĂŒrften die von dem Buch ausgelösten Emotionen kaum zu ertragen sein.

Kurz nach der Geburt ist der Vater verschwunden, hat die Mutter eine Beziehung mit einem "Onkel" begonnen, der sich mehr fĂŒr Ute und ihre Ă€ltere Schwester Marianne interessiert als fĂŒr die Mutter. Sexueller Missbrauch wird fĂŒr die Kinder zur NormalitĂ€t, auch untereinander, ebenso wie fĂŒr Ute die Einsamkeit und das GefĂŒhl, nirgendwo dazuzugehören. Einziger Weg, dieses Leben auszuhalten, ist fĂŒr Ute die Selbstverletzung und der RĂŒckzug in eine Fantasiewelt.

Dabei helfen ihr BĂŒcher zu ĂŒberleben: "So verging der Winter, und Ute las. Brauchte lange fĂŒr ihr erstes Buch und begann noch einmal von vorn, staunte angesichts der Welt, in der ihre Heldinnen lebten, mit Vater und Mutter, Sonntagsbraten und weichen Betten. Sie ĂŒberstand die Vormittage auf dem Pausenhof, das Schubsen und Schreien, `Hasenscharte, Hasenscharte!`, weil sie an ihren Heuboden dachte und die Welt, die dort auf sie wartete, eine Welt, die ihr wirklicher erschien als die eigene."

Als ihre Àltere Schwester die Schule beendet und in einem anderen Dorf eine Stelle als DienstmÀdchen annimmt, ist Ute auf sich gestellt. Von nun an ist sie den QuÀlereien des Onkels und der anderen Kinder noch hilfloser ausgeliefert. Was der Klappentext als "Versuch, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen", als "Rache" an ihren Peinigern bezeichnet, ist ebenso brutal wie die Taten, denen Ute zuvor zum Opfer fiel.

Aus dem allumfassenden Elend und aus der Hilflosigkeit, die Armut, eine bigotte ReligiositĂ€t und die vollkommene GleichgĂŒltigkeit der Umgebung mit sich bringen, kann Ute auch die Liebe zu ihrem MitschĂŒler Volkan nicht helfen. Und so bewegt das Buch sich auf ein Ende zu, das ebenso grausam und schwer zu ertragen ist wie die gesamte Geschichte, die es erzĂ€hlt. Noch unertrĂ€glicher wird die Geschichte durch die Beteuerung der Autorin, eine wahre Geschichte zu erzĂ€hlen. Ihren Text schließt sie mit dem Brief ihrer eigenen Verwandten ab, einer jungen Frau, die die ganze Familie einer Mitschuld anklagt, sie auffordert, ihr Mitwissen einzugestehen und das Schweigen zu beenden. Anders als Ute ist es zumindest dieser Frau gelungen, sich zur Wehr zu setzen.

Es ist ein wichtiges Thema, das Corinna T. Sievers behandelt. Es gibt diese Geschichten, diese Leben, die von Anfang an vorgezeichnet sind, wenn sich nicht eine Hilfe von außen findet, wenn die GleichgĂŒltigkeit nicht aufhört. Die wirkliche "Behinderung", die hier geschildert wird, hat nichts mit Utes Körper zu tun. Sozial behindert ist die gesamte Umgebung, in der sie aufwĂ€chst, ist eine Gesellschaft, in der Menschen systematisch zerstört werden.

AVIVA-Tipp: Ob ein solches Buch allerdings wirklich zu einer VerĂ€nderung betragen kann, ist fraglich. Sievers will aufrĂŒtteln mit ihrer Schilderung, will das Wegsehen beenden. In seiner RadikalitĂ€t und brutalen Offenheit, in der plastischen Schilderung der unertrĂ€glichsten Verletzungen eines Kindes ist es allerdings so schwer zu ertragen, dass es sich nur in mehreren AnsĂ€tzen zu Ende lesen lĂ€sst und wahrscheinlich bei manchen LeserInnen zu AlptrĂ€umen fĂŒhren wird.

Zu der Autorin/Herausgeberin: Corinna T. Sievers wurde auf Fehmarn geboren und wuchs an der Ostsee auf. Sie studierte Politik, Medizin und Zahnmedizin in Hamburg, Frankfurt und Berlin, hat zwei Kinder und arbeitet heute als KieferorthopĂ€din in ZĂŒrich. Zuletzt erschien ihr DebĂŒtroman "Samenklau" (FVA, 2010). (Verlagsinformationen)

Corinna T. Sievers
Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung

Gebunden mit Schutzumschlag, 96 Seiten
14,90 Euro
ISBN 978-3-89401-760-6
Edition Nautilus, erschienen August 2012
Weitere Infos unter: www.edition-nautilus.de

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Literatur Beitrag vom 18.12.2012 Claire Horst 





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