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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.03.2013

Im Gespr√§ch mit Anna Lenz - Starke Frauen f√ľr die Kunst
Nele Herzog

Sie kochen Tee f√ľr Unmengen von BesucherInnen, mixen Farben in Akkordarbeit, verbringen Stunden damit, Bildkataloge zu durchforsten und lassen alles f√ľr den Nachtzug in eine Ausstellungsstadt...



... stehen und liegen. Sie archivieren, analysieren, organisieren ‚Äď die Frauen hinter den K√ľnstlern.

Frauen von erfolgreichen K√ľnstlern sind, entgegen einer vorherrschenden Annahme, nicht nur stumme Musen, die Modell stehen und dem sch√∂nen Leben im Schatten ihrer M√§nner fr√∂nen, sondern unendlich starke St√ľtzen, ohne die keiner von ihnen in der Lage w√§re, sich ungest√∂rt auf seine Arbeit zu konzentrieren. Vor allem aber sind sie eigenst√§ndige Pers√∂nlichkeiten, die interessante Geschichten aus einem alles andere als konventionellen Leben zu erz√§hlen haben.

Anna Lenz, die durch jahrelanges Sammeln von Kunstwerken ein beeindruckendes Netzwerk an Kontakten aufgebaut hat, f√ľhrte mit zwanzig dieser Frauen Gespr√§che, trug gemeinsam mit der Fotografin Roswitha Pross f√ľr den Bildband "Starke Frauen f√ľr die Kunst" Material zusammen, das eine einzigartige Perspektive auf j√ľngere Zeit- und Kunstgeschichte bietet, die so wohl noch niemand er√∂ffnet hat. Auf Reisen durch ganz Europa trafen die beiden ihnen teils vertraute, teils bislang unbekannte Frauen, um mit ihnen √ľber Kindheit, Werdegang, Ansichten und Tr√§umen zu reden und sie zu fotografieren. Die Gespr√§che drehten sich um das Zusammenleben mit und die Einstellung zu den M√§nnern von ersten Treffen und gro√üen Gl√ľcksmomenten aber auch Konfliktsituationen und Scheidepunkte in den Beziehungen aufgekl√§rt werden. Die Fotos von Pross untermalen die schriftlichen Eindr√ľcke aus den Gespr√§chen mit ausdruckstarken Portraits der Frauen (und teilweise auch der M√§nner und deren Arbeiten), die in Ateliers, Museen und Privatr√§umen aufgenommen wurden. Die Tatsache, dass die Frauen sich Anna Lenz so bereitwillig √∂ffneten und sehr anr√ľhrende und pers√∂nliche Details zum Besten gaben, zeigt, wie gut es ihnen getan haben muss, sich f√ľr eine Zeit im Lichtkegel des Interesses zu befinden, w√§hrend ansonsten die eigene Existenz bedingungslos dem Lebenstraum des Partners verschrieben ist und eigene W√ľnsche oft hinten angestellt bleiben.

Besonders auff√§llig ist, wie liebevoll von den Beziehungen geschw√§rmt wird, wie hingebungsvoll die schon Verwitweten unter ihnen sich um die Nachl√§sse ihrer verstorbenen Lebensgef√§hrten bem√ľhen, wie ausnahmslos jede von ihnen ihr Leben im R√ľckblick als reich an ungew√∂hnlichen Erfahrungen einsch√§tzt und ihr pers√∂nliches Gl√ľck, ohne mit der Wimper zu zucken, unmittelbar auf die Existenz ihres K√ľnstlergatten m√ľnzt.

Danielle Morellet erzählt von der ersten Begegnung mit ihrem Mann, dem französischen Bildhauer Francois Morellet, Einprägsames:

"Er gebrauchte derbe W√∂rter, erz√§hlte Geschichten √ľber Sex, seine Hosen waren k√ľrzer als die der anderen, er lief barfu√ü, w√§hrend die anderen Sandalen trugen. Da habe ich mir gesagt, mit diesem Typen lernst du Dinge, die du mit den anderen nicht lernst. So war mein erster Eindruck."

Kitty Kemr erinnert sich, dass sie die Pers√∂nlichkeit des deutschen Malers Gotthard Graubner in der Anfangsphase ihrer Beziehung ebenfalls als sehr faszinierend empfand, ihr Interesse sogar so weit ging, dass sie ihr fast beendetes Studium ihm zuliebe f√ľr lange Zeit vernachl√§ssigte, w√§hrend Karin Girke ihrem Mann sehr dankbar ist, dass er im Rahmen von vielen Wochenendtrips zu Ausstellungen in "Paris, Dresden oder M√ľnchen, von Tizian, Turner, Seurat oder C√©zanne" ihre Wahrnehmung der Dinge nachhaltig erweiterte.

Viele der Frauen sind selbst auf die eine oder andere Art mit dem Kunstbetrieb verwoben gewesen, hatten Kunstgeschichte studiert oder waren k√ľnstlerisch aktiv, bevor sie ihre M√§nner kennen lernten. War dies nicht der Fall, st√ľrzten sie sich im Nachhinein umso neugieriger in die Branche, gaben teilweise ihre vorherigen Jobs auf und wurden zu Managerinnen, Lektorinnen, Kuratorinnen. Hannelore Dietz erz√§hlt √ľber ihr Zusammenleben mit dem √∂sterreichischen Maler Arnulf Rainer:

"Seit etwa zwanzig Jahren bin ich, neben dem Job als "Chauffeurin", "Krankenschwester" und "Hausmeisterin" unserer Wohn- und Arbeitsstätten, fast ausschließlich mit der Organisation der Ausstellungen und Buchprojekte beschäftigt. (...) Wir versuchen außerdem, wann immer Zeit bleibt, möglichst viele Werke zu dokumentieren und das umfangreiche Archiv aufzuarbeiten."

Dass die Gespr√§chspartnerinnen von Lenz nicht unter ihren Rollen leiden, sondern sie im Gegenteil als schicksalhafte Bestimmungen empfinden, wird w√§hrend der Lekt√ľre des Buches immer wieder deutlich. Rotraut Klein-Moquay, die Lebensgef√§hrtin des franz√∂sischen Performancek√ľnstlers Yves Klein, fasst ihr Selbstbild, stellvertretend f√ľr ihre Gef√§hrtinnen, treffend zusammen, wenn sie davon redet, dass frau ein gro√ües Potenzial und auch Vertrauen in sich tragen m√ľsse, um zu wissen, dass sie sich nicht verliere, wenn sie sich einem anderen √ľbergebe. Wenn frau die M√∂glichkeit habe K√ľnstlerInnen zu helfen, dann sei das wie ein Segen. Sich nach dem Tod ihres Mannes um seine Hinterlassenschaft zu k√ľmmern, w√§re ein Geschenk und eine gro√üe Ehre, versichert sie.

Auch die Zukunftsw√ľnsche der zwanzig Frauen sind oft durch gemeinsame Aspekte gekennzeichnet: Beinahe alle erz√§hlen, wie dankbar sie f√ľr die M√∂glichkeiten eines kosmopolitischen Leben mit ihren M√§nnern sind und versuchen gleichzeitig zu akzeptieren, dass diese Verh√§ltnism√§√üigkeit nicht nur von ihnen alleine abh√§ngt. Christine Uecker w√ľnscht sich, dass ihr Mann G√ľnther Uecker "noch lange lebt, das ist erst einmal mein wichtigster Wunsch, sonst w√§re alles anders."

Die LeserInnen stehen schlie√ülich vor der Frage, ob all diese M√§nner, K√ľnstlerpers√∂nlichkeiten, Macher zeitgen√∂ssischer Kunst, ohne den R√ľckenwind ihrer Frauen auch nur einen Deut ihres Erfolges erlangt h√§tten. Die Antwort auf diese Frage erzwingt mindestens eine gedankliche Entfernung von der Vorstellung, dass K√ľnstlergef√§hrtinnen einfach nur schm√ľckende Repr√§sentantinnen sind. Das ist ein Erfolg.

AVIVA-Tipp: Lenz hat den K√ľnstlerfrauen in den zwanzig Gespr√§chen kein sehr breites Repertoire an Fragen gestellt. Die Frauen hatten offenbar einen riesigen Redebedarf, denn die Aufzeichnungen lassen sich dennoch √§u√üerst interessant lesen. Trotz eher minimalistischer Aufmachung verspr√ľht das Buch Glamour, weckt Sehnsucht nach Reisen in L√§nder, von denen mensch noch nie etwas geh√∂rt hat, in Kunstgalerien, in denen Werke h√§ngen, mit dessen Wirkung mensch umzugehen lernen muss und nach Gespr√§chen mit interessanten Pers√∂nlichkeiten, die alles etwas klarer lassen werden k√∂nnten.

Zur Herausgeberin: Anna Lenz machte sich zun√§chst Sorgen, als ihr Mann Gerhard Ende der 1950er Jahre begann, Kunst der Gruppe "ZERO" zu sammeln und damit das Budget des Paares deutlich belastete. In k√ľrzester Zeit fand sie jedoch Gefallen an der Kunst, welche die Stille, das Nichts, die Leere feierte, f√ľr Neuanf√§nge in einem aufbrechenden Europa pl√§dierte und begann, die Sammlung in Foto und Film zu dokumentieren. Gerhard und Anna Lenz veranstalteten Feste und Symposien in denen sie befreundeten K√ľnstlerInnen zusammenbrachten und organisierten insgesamt dreizehn Ausstellungen in ganz Europa. Portraits von ihr waren bisher unter anderem im Museum der Moderne, in Salzburg, auf der Biennale in Venedig und in Wien zu sehen.

Die Fotografin: Roswitha Pross lebt und arbeitet in M√ľnchen. Sie war Assistentin von Charles Wilp und ist seit 1975 freischaffende Fotografin mit den Schwerpunkten Multimedia-Audio-Vision f√ľr Industrie und Wirtschaft und Portr√§tfotografie. Sie realisierte Gro√üprojektionen am Atomreaktor in Garching und in der Lukaskirche in M√ľnchen. Es folgten zahlreiche Ausstellungen und Performances unter anderem in New York, Carrara und M√ľnchen.


Im Gespräch mit Anna Lenz
Starke Frauen f√ľr die Kunst

Herausgegeben von Anna Lenz. Fotografien von Roswitha Pross
Hirmer Verlag, Erscheinungstermin: 15. Februar 2013
Paperback, 296 Seiten, 240 x 170 mm, 155 farbige Abbildungen
ISBN-13: 9783777490113
Preis: 19,90,- Euro

www.hirmerverlag.de

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Literatur Beitrag vom 11.03.2013 AVIVA-Redaktion 





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