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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.04.2013

Zeina Abirached - Das Spiel der Schwalben
Julia Lorenz

Die Stadt ist ein Irrgarten, die Kindheit ein Versteckspiel vor der Gefahr: Erinnerungen an den Libanesischen B√ľrgerkrieg sind grau f√ľr Zeina. Doch in Krisenzeiten nehmen Liebe und Solidarit√§t...



...besondere Formen an - so wie in dieser kunstvollen Graphic Novel:

"In den Vierteln nahe der Demarkationslinie amputieren Mauern aus Sands√§cken die Stra√üen. Container von den Kais des verlassenen Hafens stehen auf den Stra√üen, um die Einwohner von den Kugeln der Heckensch√ľtzen abzuschirmen. Die H√§user verbarrikadieren sich hinter Mauern aus Betonsteinen und Metallf√§ssern", erinnert sich die Erz√§hlerin. Besagte Linie, besser bekannt als "Green Line", trennte von 1975 bis 1990 das vorrangig muslimische West-Beirut von der christlichen Bev√∂lkerung im Osten der Stadt. Besuche bei Verwandten wurden zur lebensgef√§hrlichen Mission, ein Kopfsalat zum begehrten Gastgeschenk und Wohnr√§ume schrumpften auf die Gr√∂√üe einer Abstellkammer. Mehr als f√ľnfzehn Jahre lang herrschte B√ľrgerkrieg im Libanon.

Autorin und Zeichnerin Zeina Abirached, geboren 1981 in Beirut, wuchs im Epizentrum des Kampfs konkurrierender Religionen und Ideologien auf, erlebte, wie die Stra√üen ihrer Heimatstadt zum undurchdringbaren Labyrinth wurden - und arbeitet nun ihre Kindheit mit Graphic Novels und Kurzcomics auf. Besonders interessiere sie bei ihrer Arbeit der "Alltagsaspekt in Zeiten des Krieges", wie sie im Interview mit MDR-Figaro erkl√§rte. Schlie√ülich sind Granatenhagel und Bombenanschl√§ge nur der medial pr√§sente Aspekt des B√ľrgerkriegs, die latente Angst vor dem Sturm nach der Ruhe ein anderer. "Wie haben die Menschen f√ľnfzehn Jahre lang mit diesem Krieg gelebt?" will K√ľnstlerin Abirached wissen. Die Antwort gibt sie mit ihrem neuen Werk selbst: "Das Spiel der Schwalben" erz√§hlt eine so einfache wie zutiefst ber√ľhrende Geschichte.

Als die Eltern der damals siebenj√§hrigen Zeina von einem Besuch bei ihrer Gro√ümutter nicht zur√ľckkehren, kommen die NachbarInnen in der winzigen Wohnung der Abiracheds zusammen, um den Kindern Beistand zu leisten: Chucri, der Sohn der Hausmeisterin, dessen Vater im Krieg spurlos verschwand, Anhala, das ehemalige Kinderm√§dchen und Ernest Challita, ein liebenswerter Intellektueller, sind nur einige der Charaktere, die von der libanesischen K√ľnstlerin in Wort und Bild z√§rtlich portraitiert werden.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die visuelle Umsetzung Abiracheds sinnlicher Wahrnehmungen, Erinnerungen und Assoziationen: Wenn "Heckensch√ľtzen, Metallf√§sser, Container, Stacheldraht, Sands√§cke, [...] aus der Stadt eine neue Geographie heraus[schneiden]", verknappt sich die Sicht der BetrachterInnen auf Beiruts Architektur. Auch an anderen Stellen fungiert die Bildkomposition bei Zeina Abirached als Stimmungsbild: Das unerbittliche Ticken der Uhr, Soundtrack zum qu√§lenden Warten auf die Heimkehr der Eltern, l√§dt die Atmosph√§re derart auf, dass sie unter dem Gewicht der Ungewissheit zusammenzubrechen droht. Dichte und Chaos in der Gestaltung der Szene lassen die Beklemmung der Beteiligten greifbar werden.
Die Schwarzwei√ü-Optik ist dabei eine Entscheidung zugunsten des Understatements: Die Zeichnerin habe sich von allem verabschieden wollen, was nicht unerl√§sslich f√ľr die Erz√§hlung ist, und so sei "die Farbe zuerst √ľber Bord gegangen".

Zugegeben: Besonders neu d√ľrfte Abiracheds graphischer Stil zumindest KennerInnen der gro√üartigen Marjane Satrapi nicht erscheinen. Mit ihren linolschnittartigen Bildern beschw√∂rt diese K√ľnstlerin jene unheilvolle und zugleich tr√∂stliche, zwischen Dynamik und Paralyse oszillierende Stimmung herauf, die bereits "Persepolis" so faszinierend machte. Die eigene Handschrift der K√ľnstlerin tr√§gt die Graphic Novel "Das Spiel der Schwalben" dennoch unverkennbar. Obwohl sie die ornamentale √Ąsthetik aufgreift, die gern mit der Kultur des Nahen und Mittleren Ostens assoziiert wird, bleibt kein Zweifel daran, dass die Geschichte nicht in Tausendundeiner Nacht, sondern im B√ľrgerkrieg angesiedelt ist. Schrecken und Furcht, W√§rme und Hoffnung manifestieren sich in Zeina Abiracheds Zeichnungen, die im Libanon nicht umsonst als wertvoller Beitrag zur Vergangenheitsbew√§ltigung gehandelt werden: "Das Spiel der Schwalben" geh√∂rt in der Heimat der Autorin zur Schullekt√ľre.

AVIVA-Tipp: "Sterben wegziehen wiederkehren - das ist das Spiel der Schwalben" ist auf einer Mauer zu lesen, die Zeina und ihre Familie auf dem Weg aus dem krisengeplagten Beirut passieren. Ebenso unpr√§tenti√∂s, poetisch und pers√∂nlich wie Florian, der omin√∂se Urheber des Graffito, erz√§hlt auch die libanesische K√ľnstlerin von der Tragik des Kriegs. Mit feinem Witz und frei von Selbstmitleid gelingt Zeina Abirached ein liebevolles Pl√§doyer f√ľr Menschlichkeit und Zusammenhalt.

Zur Autorin: Zeina Abirached zog nach ihrem Studium an der Acad√©mie Libanaise des Beaux-Arts ALBA mit Anfang Zwanzig nach Frankreich, um ihre Ausbildung an der √Čcole nationale sup√©rieure des arts d√©coratifs fortzusetzen. "Das Spiel der Schwalben" ist ihre erste Ver√∂ffentlichung in deutscher Sprache. Zeina Abirached lebt und arbeitet in Paris.
Website der Autorin: www.zeinaabirached.ultra-book.com

Zeina Abirached
Das Spiel der Schwalben

Originaltitel: Mourir partir revenir. Le jeu des hirondelles
Erste Auflage erschienen 2007 bei Cambourakis, Paris
Aus dem Französischen von Paula Bulling und Tashy Endres
Avant-Verlag, Berlin, erschienen im März 2013
182 Seiten, Schwarz-Weiß, Munken Pure, 130g/qm, Softcover
ISBN 978-3939080770
www.avant-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sticheleien von Marjane Satrapi

Persepolis von Marjane Satrapi

LEBANON von Samuel Maoz

Blutspuren von Rutu Modan




Literatur Beitrag vom 03.04.2013 Julia Lorenz 





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