Michel Bergmann - Herr Klee und Herr Feld. Der letzte Teil der Teilacher-Trilogie - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.04.2013

Michel Bergmann - Herr Klee und Herr Feld. Der letzte Teil der Teilacher-Trilogie
Judith Kessler

Der Autor erz√§hlt in seinen im Abstand von einem Jahr erschienen drei Romanen "Die Teilacher", "Machloikes" und "Herr Klee und Herr Feld" die Geschichte j√ľdischer Existenz im Deutschland..



... nach 1945 aus einer lupenscharfen Mikroperspektive.

Die Trilogie beginnt mit dem Besuch des jungen Schauspielers Alfred Kleefeld im j√ľdischen Altersheim in Frankfurt ("am Arsch der Welt"), wo er das Zimmer seines grad verstorbenen Nenn- und Lieblingsonkels David Bermann ausr√§umen soll, und sie endet 40 Jahre sp√§ter mit Alfreds eigenem Tod. Dazwischen liegt ‚Äď verschachtelt in mehreren Handlungsstr√§ngen ‚Äď ein Universum an exemplarischen Lebensgeschichten.

W√§hrend Alfred im ersten Band Onkel Davids Nachlass sortiert (und dabei eine schockierende Entdeckung macht), erinnert er sich anhand der Fundst√ľcke ‚Äď Bilder, Briefe, Dokumente ‚Äď an die Geschichte Davids, der unter anderem der Liebhaber seiner Mutter war, die sich und ihre beiden S√∂hne Moritz und Alfred in die USA hatte retten k√∂nnen, w√§hrend ihr Mann ermordet wurde.

David Bermann, der lebenskluge "Teilacher" (jiddisch/berlinerisch: Einzelhandelsvertreter) und seine Freunde waren entwurzelte Menschen, die oft als Einzige ihrer Familie √ľberlebt haben und entweder aus einem Lager oder vom Todesmarsch oder aus Shanghai in ihre Heimatstadt zur√ľckgekehrt waren, oder wom√∂glich gerade dem ersten Nachkriegspogrom in Polen entkommen, auf dem Weg von Nirgends nach Nirgends hier gestrandet waren, in einem DP-Lager. Bergmann erz√§hlt die Geschichten dieser Fajinbrots und Szoros¬ī, Holzmanns und Verst√§ndigs, Krautbergs und Fr√§nkels ‚Äď die statt Arzt oder Anwalt geworden zu sein, unter protekzje der Amerikaner nun Wei√üw√§sche verkauften und alle im wahrsten Sinne "displaced persons" waren.

"Und dann ist man ja geblieben"

Es geht um Lebensmittelbezugsscheine, Gemeinschaftsk√ľchen, Baracken und wieder Z√§une ("um die Juden vor den Deutschen zu sch√ľtzen") und im zweite Band "Machloikes" (jiddisch: √Ąrger, Zwiespalt, Zwist) auch darum, warum man geblieben war. "Man hat kennengelernt a Frau. Hat bekommen Kinder. Wie das so ist. Und dann ist man ja geblieben". Und dann hat man mit dem Spagat und den vermeintlich gepackten Koffern leben m√ľssen: "Man hatte ja schon das Ticket ins Gl√ľck. Nur die Abreise hat sich verz√∂gert. Aber wehe, die Tochter verliebt sich in einen Deutschen! Na, dann ist das Geschrei gro√ü."

Doch inzwischen war man im Jahr des "Wunders von Bern" angekommen. F√ľr die Deutschen ging es bergauf und auch die Teilacher hatten sich irgendwie eingerichtet in ihrer Parallelwelt zwischen all den Mitl√§ufern und Wegguckern. Sie verscherbelten den Deutschen weiter W√§schepakete an der T√ľr oder er√∂ffneten Teppichl√§den (und verkauften nach der Kr√∂nung von K√∂nigin Elizabeth das Modell "Buckingham-Palast" wie geschnitten Brot). Alfred, inzwischen 15, sparte auf ein Rennrad ("Doniselli", mit Acht-Gang-Schaltung und Brooks-Sattel) und verliebte sich in Juliette und anschlie√üend in Carla. Aus der Wurlitzer dudelten Schlager, man wusch mit Persil, fuhr DKW ‚Äď nur nicht Alfred, der fuhr auf Machane nach Wembach und sollte zionistische Lieder lernen und die Theatergruppe in der J√ľdischen Gemeinde leiten, w√§hrend sein Bruder bereits studierte. Im Arbeiter- und Bauernstaat nebenan ging man auf die Barrikade ("Oj, Kelbassa, is er a schmock! Er wei√ü vom Sozialismus wie a Hahn vom Eierlegen"), und im Westen liefen die Wiedergutmachungsdebatten und wurde Onkel Davids Freund Robert Fr√§nkel, vor dem Krieg ein bekannter Conferencier in Berliner Variet√©s, von der CIA vorgeladen, weil die ihn verd√§chtigte, mit den Nazis kollaboriert zu haben...

Michel Bergmann ist Regisseur und Drehbuchautor und jongliert routiniert mit Plots und Pointen. Bei all den grausamen Details, die er zu erz√§hlen hat, gelingt ihm eine selbstironische Lakonie und Leichtigkeit, die Lesespa√ü bereitet. Und er kennt seinen Stoff bis ins Detail. Kein Wunder, das Umfeld, in dem seine Romane spielen, ist das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist. Bergmann ist als Kind j√ľdischer Eltern 1945 in einem Schweizer Internierungslager geboren und zwischen Menschen, wie er sie beschreibt, gro√ü geworden. Sein Jiddisch wirkt so authentisch wie die gro√üe Sympathie zu seinen Figuren. Wenn Bergmann √ľber die Kinder seiner Generation schreibt: "Waren sie aus dem Massengrab entkommen, so wuchsen sie doch am Rande eines solchen auf", liegt darin zugleich einer der Gr√ľnde f√ľr Befindlichkeiten und Reaktionen j√ľdisch-deutscher Erwachsener heute.

Und im Heute sind auch die Br√ľder Alfred und Moritz, inzwischen 75 und 78 Jahre alt, im gerade erschienenen Abschluss der Triologie "Herr Klee und Herr Feld" angekommen ‚Äď bei iPhone und iPad, bei Finanzkrise, Hurrican Sandy und selbstgef√§lligen Studenten mit "Pali-Lumpen" um den Hals, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte f√ľhlen. Die Br√ľder wohnen nun zusammen, nachdem sich Alfred (K√ľnstlername "Freddy Clay") einen Namen als Mumie in Horrorfilmen und sein Bruder als Psychologieprofessor gemacht hatte. Ihr Zusammenleben gestaltet sich allerdings reichlich nervenaufreibend. Professor Moritz, der ehemalige Linke mit Herzinfarkt, kocht zur Entspannung Marmelade, f√ľhrt einen "Koscher-light"-Haushalt, schleppt sein eigenes Geschirr mit ins Restaurant und geht seinem Laissez-faire-Bruder mit seinen Ticks gewaltig auf den Geist. Hypochonder sind beide, und eines Tages hat auch die langj√§hrige Hausdame die Nase voll und k√ľndigt. Unter den Bewerberinnen, die sich auf die Stellenanzeige melden, wird eine junge glut√§ugige Sch√∂nheit ausgesucht. Die Sache hat nur einen Haken: die gute Zamira ist aus Hebron und Pal√§stinenserin.
Der Argwohn der beiden ‚Äď eine arabische Mata Hari, eine Bombenbastlerin? ‚Äď weicht jedoch schnell, denn Zamira zeigt Verst√§ndnis f√ľr all die Macken der Herren Klee und Feld, bekocht die beiden alten Zausel mit Lokschensuppe, w√§hrend die sich weiter kabbeln und jeder auf seine Weise um die sch√∂ne Zamira herumschw√§nzeln.

Zwischen den R√ľckblenden ‚Äď Alfred als Pizza-Ausfahrer in den 50ern (es ist die Zeit von Bols Gr√ľn und Dave Brubeck), seine Schauspielkarriere in Rom, der Suizid der Mutter ‚Äď ist nun Zeit f√ľr einen Ritt durch die Verschr√§nkungen der arabischen und j√ľdischen Geschichte im Nahen Osten, denn weder Zamira noch Alfred und Moritz schlucken alles, was die Gegenseite an "Tatsachen" und Vorw√ľrfen parat hat. Und w√§hrend Zamira "die Juden" mit anderen Augen zu sehen beginnt, sagt nun Moritz √ľber Alfred: "Er leidet immer wie ein Hund, wenn Israel sich schlecht benimmt". Und auch der Hausarzt der beiden wei√ü Zamiras Wirkung auf die Herrn Klee und Herr Feld zu sch√§tzen: "Wenn Sie nicht da sind, sind die beiden noch unertr√§glicher".

Als Zamira sich dann bei einem Besuch im fernen Beirut verliebt, jammert Alfred wie die sprichw√∂rtliche jiddische Mame: "Aber warum muss es ein Araber sein? H√§tte sie nicht hier einen netten j√ľdischen Arzt kennenlernen k√∂nnen?"
Keiner kann aus seiner Haut. Auch am Ende seines Lebens ist a jid a jid. Bergmann l√§sst Alfred in sein Tagebuch schreiben: "Ich bin und bleibe Jude. Ich habe eine Judennase. Ich spreche mit j√ľdischem Tonfall, den ich geschickt unterdr√ľcke. Mir fehlt es an Kultur, aber ich verdecke das durch zu viel Kultur. Ich bin r√ľckw√§rts gewandt, aber ich mache auf modern und progressiv. Ich bin gl√§ubig, aber tarne mich als Atheist. Ich bin Kapitalist, aber ich mache auf Sozialist. Ich entspreche dem Bild, das die Welt von Juden hat."

Und wir hoffen, dass Michel Bergmann bald einen neuen Roman beginnt, am besten eine Trilogie.

Zum Autor: Michel Bergmann, als Kind j√ľdischer Eltern in einem Internierungslager in der Schweiz geboren. Nach einigen Jahren in Paris ziehen die Eltern nach Frankfurt am Main. Bergmann absolvierte eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau, wird freier Journalist, sp√§ter Autor, Regisseur und Produzent, er verfasst Drehb√ľcher f√ľr Film und Fernsehen.
Mehr Infos unter: www.michelbergmann.de

Michel Bergmann
Herr Klee und Herr Feld

Arche Literaturverlag, erschienen März 2013
Gebunden, 400 Seiten
19,95 Euro
ISBN-13: 978-3-7160-2693-9

www.arche-verlag.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Michel Bergmann-Die Teilacher


Dieser Artikel von Judith Kessler ist unter dem Titel "Und dann ist man ja geblieben" in der Zeitschrift j√ľdisches berlin Ausgabe 153 - April 2013 erschienen und wurde AVIVA-Berlin von der Autorin freundlicherweise zur Verf√ľgung gestellt.

Literatur Beitrag vom 16.04.2013 AVIVA-Redaktion 





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