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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.04.2013

Rakefet Zalashik - Das unselige Erbe. Die Geschichte der Psychiatrie in Pal├Ąstina und Israel
Susann S. Reck

Die Professorin f├╝r j├╝dische Studien, die in Beersheba, New York und Heidelberg lehrt, entwirft in ihrer hochbrisanten Untersuchung ein schockierendes Bild von der fachlich vernachl├Ąssigten...



... Auseinandersetzung mit psychisch Kranken und traumatisierten Shoa - ├ťberlebenden in Israel.

Vor allem anderen zeigt die Studie, die sich ├╝berwiegend auf eine Zeitspanne zwischen 1920-1960 konzentriert, dass weder medizinisch-psychiatrische Forschung, noch ihre Praxis Objektivit├Ąt kennt, dass beides von unterschiedlichsten politischen und wirtschaftlichen Interessen gepr├Ągt wird. Sie legt dar, dass sowohl Stellenwert und Bewertung psychischer Krankheiten, als auch das Wohl beziehungsweise Leid der PatientInnen von der gesellschaftlichen Ordnung eines Staates abh├Ąngen. Die Lekt├╝re macht schmerzlich bewusst, dass psychisch Kranke ein Paradebeispiel f├╝r Menschen sind, die, weil sie sich nur selten artikulieren k├Ânnen, kaum eine Lobby besitzen und mehr als jede andere Gruppe der Willk├╝r anderer ausgesetzt sind.

In seinem bahnbrechenden Werk "Wahnsinn und Gesellschaft", stellt Michel Foucault die These auf, dass erst die von Machtanspr├╝chen geleitete Vernunft in Akten der Ab- und Ausgrenzung psychische Krankheit begr├╝ndet - um sich selbst zu legitimieren.
Dieser Ansatz, der herausarbeitet, dass sich die Vernunft (stets im Verbund mit Machtinteressen) ├╝ber den Ausschluss anderer definiert, hilft ein St├╝ck weit die Ergebnisse von Zalashiks Studie nachzuvollziehen, die unmissverst├Ąndlich verdeutlicht, dass es in Israel im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen und Shoa-├ťberlebenden ein unl├Âsbares Spannungsverh├Ąltnis staatlicher (Gr├╝ndungs-) Interessen einerseits und individuellem Schicksal andererseits gab.
Wie sonst erkl├Ąrt es sich, dass seit den 30er Jahren PsychiaterInnen im "gelobten Land" ihre Hauptaufgabe darin sahen, der Verbesserung des genetischen Pools zu dienen, ein Umstand der gerade im j├╝dischen Staat ├╝berrascht. Auch dass nahezu alle MedizinerInnen nach der Staatsgr├╝ndung Israels 1948 den Zusammenhang von Traumatisierung und psychischer Verfassung bei Shoa-├ťberlebenden leugneten, ist nicht einfach zu verstehen.

Laut Zalashik werden die Vers├Ąumnisse in der israelischen Psychiatrie-Literatur heute bedauert. Wie aber erkl├Ąrt sich dieses Ph├Ąnomen der Vernachl├Ąssigung und Verleugnung? Wie das Festhalten israelischer PsychiaterInnen an einer durch Rassenideologie und Selektion definierten Eugenetik, welche die NationalsozialistInnen ihrer Einsch├Ątzung nach nur missbraucht hatten?

In ihrer wissenschaftlichen Studie "Das unselige Erbe" nennt Rakefet Zalashik daf├╝r mehrere Gr├╝nde, darunter das schlechte Ansehen des Lebens in der Diaspora in den Augen der ZionistInnen. Auch die ├ťberzeugung, die Menschen m├╝ssten dem Staat dienen und nicht umgekehrt, spielte eine nicht unerhebliche Rolle. Hinzu kommt laut Zalashik, dass es im 20. Jahrhundert eine weltweite Neigung zu biologistischen Theorien gab, die sich au├čer in Deutschland insbesondere in den skandinavischen L├Ąndern und den USA verbreiteten, an dem sich Israel nach der Staatsgr├╝ndung in medizinischer Hinsicht orientierte.

Politische Grundlagen
Zu den Voraussetzungen f├╝r den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen geh├Ârt laut Zalashik die zweite Alija (1903-1914), die ├╝berwiegend junge Menschen nach Pal├Ąstina brachte, welche von sozialistischen Ideen und der Utopie einer klassenlosen Gesellschaft geleitet wurden. Ausschlaggebend f├╝r die sp├Ątere Behandlung psychisch kranker Menschen war in diesem Zusammenhang, dass sie das Land nicht nur nach ihren Vorstellungen aufbauen, sondern sich im Zuge dessen auch selbst ver├Ąndern wollten, "indem sie eine Revolution des Charakters des gesamten j├╝dischen Volkes zum Ziel hatten" - wie Benjamin Bloch auf der Internetseite der Zentralen Wohlfahrtstelle f├╝r Juden in Deutschland feststellt.
Dieses in jener Zeit verinnerlichte Ideal eines "neuen Juden", der psychisch "gesund" und physisch stark den Unw├Ągbarkeiten Pal├Ąstinas trotzen konnte, beeinflusste seit den 30er Jahren auch den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen.
Zum einen, so f├╝hrt Zalashik aus, bildete sich schnell ein Tabu das besagte, dass das Land, dem Ideal des Zionismus folgend, per se nur eine positive Wirkung haben konnte. Zum anderen begegneten EinwandererInnen dieser fr├╝hen Alija all jenen Juden mit Misstrauen, die das Leben als auch das politische System in der Diaspora prinzipiell bejaht hatten. Sie hatten wenig Verst├Ąndnis f├╝r die psychischen Auswirkungen, die der Verlust von "Heimat" m├Âglicherweise nach sich zog. F├╝r sie gab es nur eine Heimat und das war Erez Israel.

Fachliche Grundlagen
Die fachliche Grundlage f├╝r die pal├Ąstinensisch- israelische Psychiatrie wurde, laut Zalashik w├Ąhrend der f├╝nften Alija (1931 bis 1939) gelegt.
In dieser Zeit stieg die Zahl der PsychiaterInnen von drei im Jahr 1933 auf siebzig im Jahr 1945. Ein Gro├čteil von ihnen kam als vom Nazi-Regime verfolgt aus Deutschland und ├ľsterreich und obwohl sie dort selbst Opfer von Eugenetik und Rassenideologie geworden waren, hielten viele daran fest. Seit den 30erJahren hatte es Diskussionen ├╝ber nationale Sterilisationsprogramme und Datenbanken gegeben und noch 1944 sprachen sich PsychiaterInnen in Pal├Ąstina f├╝r ein generelles Nachwuchsverbot psychisch kranker Menschen aus.
"Wie konnten Opfer arischer Eugenetik - Theorien diese in Pal├Ąstina und sp├Ąter in Israel vertreten?", kommentiert Zalashik an dieser Stelle ihrer Studie.

Psychohygiene
Im flie├čenden ├ťbergang stellte sich nach 1945 bei israelischen PsychiaterInnen die ├ťberzeugung ein, die menschliche Vererbung k├Ânne als Schl├╝sselfunktion bei der Entwicklung der Menschheit durch "Psychohygiene" gelenkt werden. Die Umwelt als Krankheitserreger geriet damit in den Vordergrund. Psychische St├Ârungen, so glaubte die Fachwelt nun vermehrt, k├Ânnten durch eine ├änderung sozialer Bedingungen geheilt, Kriminalit├Ąt und Armut wirkungsvoll verhindert werden. Die Forderungen galten der Pr├Ąvention und offenen psychiatrischen Abteilungen.
Der "psychohygienische" Ansatz setzte sich in Israel jedoch nicht durch. Die Zuwandererstr├Âme der 50er und 60er Jahre sorgten f├╝r akuten Bettenmangel, aber die Aufnahme in eine staatliche oder private Anstalt blieb alternativlos. Wer keinen Platz bekam, blieb- laut Zalashik - sich selbst ├╝berlassen.

Traumatisierte Shoa-├ťberlebende in Israel
Der Studie nach war das Leben f├╝r diejenigen, die durch Folgen von Traumatisierung beeintr├Ąchtigt waren, im Israel nach der Shoa erb├Ąrmlich. Es liest sich grotesk, dass, laut Zalashik, das israelische Gesundheitsministerium traumatisierten Opfern im Rahmen zu fordernder Entsch├Ądigungszahlungen aus Deutschland Betrug unterstellte und ihnen im gro├čen Stil Kompensations- und Zweckneurosen andichtete. Mit steigendem Unbehagen erfahren wir weiter von einer Untersuchung aus dem Jahr 1989, die best├Ątigte, dass es 50 Jahre nach der Shoa noch psychische Sp├Ątfolgen gab. Auch ist es schwer zu glauben, dass weder eine ├Âffentliche Debatte ├╝ber die aus Deutschland zu leistenden Entsch├Ądigungszahlungen stattfand, noch dar├╝ber, dass sich das Verhalten von Staat und ├ärztInneneschaft m├Âglicherweise re-traumatisierend auf die Opfer auswirkte.
Die Kriterien f├╝r den Umgang mit psychisch Kranken und traumatisierten Shoa-├ťberlebenden im neu gegr├╝ndeten Israel hatten sich demnach ausschlie├člich an den Bed├╝rfnissen des Staates gemessen. Michel Foucaults These, nach der sich Vernunft gepaart mit Machtinteressen durch Ausgrenzung definiert, schien sich einmal mehr zu bewahrheiten.

Aber sind Rakefet Zalashiks Ausf├╝hrungen in ihrer Ausschlie├člichkeit auch wirklich haltbar?
Die Studie l├Ąsst in ihrer umfangreichen, wissenschaftlich fundierten Aufarbeitung historischer Quellen diesen Schluss tats├Ąchlich zu - auch wenn Fragen offen bleiben, wie zum Beispiel, ob es keine alternativen Programme zur staatlichen Handhabe mit psychischen Erkrankungen gab. Auch inwieweit sich die Situation inzwischen ge├Ąndert hat, findet keine Erw├Ąhnung. Und nat├╝rlich ist das Ph├Ąnomen der Abwehr von psychischem Leid ein internationales, und weder an das Land vor oder nach der Staatsgr├╝ndung Israels gebunden.
Dennoch legt die Studie nahe, dass es unter den PsychiaterInnen selbst Opfer des Nazi-Regimes gegeben haben musste, die ihre eigenen Traumata leugneten und als Konsequenz auch die ihrer PatientInnen. Und es wird deutlich, dass sich dies katastrophal gegen jene wendete, die psychisch erkrankt, im Zuge der Shoa nicht nur ihres Verstandes, sondern h├Ąufig auch ihrer Familie beraubt worden waren, sodass sprichw├Ârtlich nichts mehr ├╝brig blieb, um sich zu wehren.
Die PsychiaterInnen Israels konnten ihre Aufgabe mehrheitlich nicht darin sehen, ein ├Âffentliches Bewusstsein im Sinne der Opfer zu schaffen, die Forschung in den Dienst der Betroffenen zu stellen und f├╝r ein Verst├Ąndnis zu werben, das psychisch erkrankte Menschen und traumatisierte Shoa - ├ťberlebende zweifelsfrei verdient haben.

AVIVA-Tipp: "Das unselige Erbe" ist ein wissenschaftliches Fachbuch, das schwer zu lesen und inhaltlich nicht leicht zu verkraften ist. Die Lekt├╝re regt jedoch zur kontroverser Diskussion an. Auch m├Âchte frau mehr ├╝ber die Situation psychisch erkrankter Menschen im heutigen Israel erfahren.

Zur Autorin: Dr. Rakefet Zalashik wurde im polnischen Lodz geboren. Sie spricht neben Polnisch, Hebr├Ąisch und Englisch auch Deutsch und Yiddisch. Ein st├Ąndiger Wohnsitz ist New York. Zalashik studierte in Tel Aviv und M├╝nchen Geschichte, Soziologie und Anthropologie. Seit 2000 hat sie zahlreiche wissenschaftliche Studien ver├Âffentlicht und Vortr├Ąge gehalten, die sich thematisch mit Psychiatrie und Pal├Ąstina, Psychiatrie und Kolonialismus sowie mit der Geschichte der deutschen Psychiatrie auseinandersetzen. "Das unselige Erbe" ist ihre Doktorarbeit. Rakefet Zalashik lehrt an den Universit├Ąten von Beersheba, Heidelberg und New York. Sie ist Inaugural Mirowski Fellow f├╝r Israeli Studies an der Temple University in Philadelphia. 2009 und 2010 war sie die erste Ben-Gurion- Gastprofessorin f├╝r Israel- und Nahoststudien an der Universit├Ąt und an der Hochschule f├╝r J├╝dische Studien in Heidelberg.
Mehr Informationen unter:
www.hfjs.eu
www.campus.de

Rakefet Zalashik
Das unselige Erbe. Die Geschichte der Psychiatrie in Pal├Ąstina und Israel

├ťbersetzung aus dem Hebr├Ąischen: David Ajchenrand
Campus Verlag, erschienen: 08.11.2012
214 Seiten, 6 SW Fotos, kartoniert
Euro 24,90
ISBN -13: 9783593393612

Weiterf├╝hrendes

Michel Foucault, [Wahnsinn und Gesellschaft]: www.aerzteblatt.de

Ilana Tsur: [The last transfer. Dokumentarfilm1997]: www.1worldfilms.com

Lizzie Doron - Das Schweigen meiner Mutter

Steven Spielberg: [The Shoa Foundation]: sfi.usc.edu

Hannah Arendt

Benjamin Bloch: Zentrale Wohlfartstelle f├╝r Juden in Deutschland: www.zwst4you.de






Literatur Beitrag vom 23.04.2013 Susann S. Reck 





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