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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.06.2013

Amos Oz - Unter Freunden
Susann S. Reck

Der renommierte israelische Schriftsteller Amos Oz portrĂ€tiert in seinem neuen ErzĂ€hlband ebenso nĂŒchtern wie einfĂŒhlsam die BewohnerInnen eines imaginĂ€ren Kibbuz der 50er Jahre im Schatten des...



... alles bestimmenden Kollektivs.

Zwar ist dieses neue Werk des Schriftstellers, der in seiner thematischen Vielfalt neben Romanen und ErzĂ€hlungen durch sein Engagement fĂŒr eine Zweistaatenlösung in Israel/PalĂ€stina bekannt wurde, nicht direkt ein StĂŒck persönlicher Lebensgeschichte wie etwa sein Ă€ußerst erfolgreicher Roman, die "Geschichte von Liebe und Finsternis". Dennoch fĂŒhrt auch der neue ErzĂ€hlband zurĂŒck zu den Wurzeln des Schriftstellers Amos Oz.

Kibbuz Hulda

Amos Oz, 1939 in Jerusalem geboren, verließ zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter, mit erst 15 Jahren seine Heimatstadt, um fĂŒr die nĂ€chsten 30 Jahre in einem Kibbuz, dem Kibbuz Hulda zu leben.
"Ich verbrachte 30 Jahre in unmittelbarer NĂ€he von 300 Menschen. Ich sah alles - sie, ihre Leben - und ich kannte all ihre Geheimnisse," Ă€ußerte sich Oz ĂŒber sein neues Buch auf der Leipziger Buchmesse diesen Jahres zu Hulda.
Zwar hatte Oz bereits in der "Geschichte von Liebe und Finsternis" ĂŒber den Kibbuz geschrieben. Standen in dem Roman jedoch menschliche Leidenschaften im Vordergrund, nimmt Oz in den acht ErzĂ€hlungen "Unter Freunden" die distanzierte und dennoch unaufdringlich liebevolle Perspektive eines genauen Beobachters ein, dessen Hauptinteresse verschiedenen Formen von Einsamkeit und Sehnsucht gilt.

In den ErzĂ€hlungen neigen OzÂŽ Figuren zu BerĂŒhrungsĂ€ngsten, sie sind anderen gegenĂŒber eher verschlossen und scheu. Ihre TrĂ€ume bleiben den anderen des Kollektivs verborgen. Auch stilistisch gesehen ist der Band ein Meisterwerk der Einfachheit, der Auslassungen und Pausen. Es gewinnt an Kraft, was nicht gesagt wird und auch der ĂŒbermĂ€chtige Schatten, der auf dem Israel der 50er Jahre liegt, die Shoa, bekommt sein Gewicht durch das Schweigen. Als wĂ€re dieses radikale Experiment des Kibbuz im Nahen Osten nur möglich gewesen weil der Schmerz außen vor blieb.
Auch das eigene VerhÀltnis zum Vater bevor er selbst ins Kibbuz ging, beschreibt Amos Oz in der amerikanischen Zeitschrift The New Yorker als ein Schweigendes:

"Nachdem meine Mutter tot war, haben mein Vater und ich nie ĂŒber sie gesprochen. Wir haben nicht einmal ihren Namen erwĂ€hnt. Wenn wir uns auf sie bezogen haben, dann nur mit "sie" oder "ihr". Wie hatten viele Diskussionen, politische Diskussionen - er glaubte ich wĂ€re ein Roter - aber nie welche ĂŒber sie."

Es verwundert nicht, dass es gerade unter den BewohnerInnen eines politisch motivierten Kollektivs eine nicht unerhebliche Zahl an WeltverbessererInnen gab. Und so beschreibt Oz in seinem ErzÀhlband mit leiser Ironie Menschen, die meinen, es reiche aus, sich die Schuhe ordentlich zu binden, um die Welt nachhaltig verÀndern zu können.

Ein kleiner Junge

Besonders eindrucksvoll jedoch kommen Ideologie und Entfremdung in der ErzÀhlung Ein kleiner Junge zum Ausdruck.
Ein Vater versucht darin seinen kleinen Sohn vor den HĂ€nseleien Gleichaltriger zu schĂŒtzen. Da die Kinder des Kibbuz jedoch getrennt von ihren Eltern im Kinderhaus ĂŒbernachten und die Eltern des kleinen Jungen sich in Fragen Erziehung ohnehin nicht einigen können, bleibt jeder Schutz nur flĂŒchtig. Die beruflich bedingte Abwesenheit der Mutter bewirkt zwar, dass der wĂŒtende Vater seinen Sohn entgegen der Vorschrift mit nach Hause nimmt und ihn sogar bei sich ĂŒbernachten lĂ€sst.
Diese eine Nacht der Geborgenheit bleibt fĂŒr den kleinen, von seinen Altersgenossen gequĂ€lten Jungen jedoch die Ausnahme. Nicht nur wird der Vater am nĂ€chsten Tag vor den Kibbuzrat zitiert. Auch die von der Fortbildung abgezogene Mutter besteht darauf, den Sohn ins Kinderhaus zurĂŒck zu schicken damit er nicht verweichliche.

"Die ursprĂŒnglichen Wertevorstellungen des Kibbuz waren hart: sie wollten die menschliche Natur von heute auf morgen verĂ€ndern", erlĂ€utert Oz wĂ€hrend seines Interviews auf der Leipziger Buchmesse die Gepflogenheiten im Kibbuz. "Die erste Generation der Frauen und MĂ€nner wollte nicht nur Klassen beseitigen. Sie glaubten, dass es ausreicht die gleiche Kleidung zu tragen um Neid, Eifersucht und Gier zu besiegen. Anstatt dessen fĂŒhrte diese Ideologie zu Vereinsamung inmitten einer Gesellschaft, die fundamental auf dem menschlichen Miteinander beruhte. Sie fĂŒhrte zu Spannungen und Ironien des UnglĂŒcklichseins in einer Gesellschaft, in der alle scheinbar gleich sind."

Alternativen zum Kapitalismus

Warum hat Amos Oz die ErzÀhlungen Unter Freunden gerade jetzt geschrieben?
Einen möglichen Bezug zur augenblicklichen politischen Lage in Israel lĂ€sst sich in dem ErzĂ€hlband nicht finden. Und danach gefragt, antwortet Amos Oz eher ausweichend. Oz, der als MitbegrĂŒnder der Friedensbewegung Peace Now die Zweistaatenlösung fĂŒr die einzig Mögliche im Konflikt zwischen Israelis und PalĂ€stinensern hĂ€lt betont, er blicke auf seine Jahre im Kibbuz ohne Wehmut zurĂŒck. TatsĂ€chlich ist Unter Freunden weder eine Hommage noch eine Abrechnung. Das Fazit, das er aus jenen Jahren gezogen haben mag, lĂ€sst sich jedoch zwischen den Zeilen dieser acht ErzĂ€hlungen herauslesen:
Die menschliche Natur lÀsst sich durch keine, auch noch so rigide Ideologie Àndern.
Allerdings sehnten sich die Menschen, so Amos Oz auf der Leipziger Buchmesse, ĂŒberall nach neuen Gesellschaftsformen:

"Wir brauchen den humorvollen, liberalen, toleranten Kibbuz, der Kinder bei den Eltern lÀsst. Wir brauchen Alternativen zum herrschenden Kapitalismus."

Amos Oz verließ den Kibbuz Hulda ĂŒbrigens nicht aus ideologischen GrĂŒnden. Sein Sohn bekam Asthma. Deshalb zog die Familie nach Arad, an den Rand der WĂŒste.

AVIVA-Tipp: Der ErzĂ€hlband vereint alles, was zu einem guten Buch gehört: er ist wunderbar geschrieben, kurzweilig und voller spannender Figuren, an die man sich auch Tage nach dem Lesen noch erinnert. Zudem ist "Unter Freunden" Ă€ußerst informativ. Das Buch eröffnet eine Welt, die viele so nicht kennen.

Zum Autor: Amoz Oz gehört zu den bekanntesten SchriftstellerInnen Israels. Er wurde 1939 als Sohn einer ukrainischen Mutter und eines litauischen Vaters im Jerusalemer Stadtviertel Kerem Avraham unter dem Namen Amos Klausner geboren. Nach dem Selbstmord seiner Mutter zog der 15jĂ€hrige in das Kibbuz Hulda, benannte sich in Amos Oz um - was im HebrĂ€ischen soviel wie Kraft heißt- und verbrachte dort fast 30 Jahre. Danach zog er in die israelische Stadt Arad in der Negev-WĂŒste, wo Oz bis heute lebt.

Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt Amos Oz den Franz-Kafka-Literaturpreis (2013), den Ehrendoktor der UniversitĂ€t Antwerpen (2008), den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt a.M. (2005), den Israel-Preis fĂŒr Literatur (1998), den Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1992) und den Ehrendoktor der UniversitĂ€t Tel Aviv (1992).

Zu seinen wichtigsten Buchveröffentlichungen zÀhlen:

"Eine Geschichte ĂŒber Liebe und Finsternis", Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2004
"Der dritte Zustand", Insel, Frankfurt a. M.1992
"Black Box", Insel, Frankfurt a. M.1989
"Mein Michael", Claassen, DĂŒsseldorf 1979
"Geschichten aus Tel Ilan", Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009
"Herr Levi. ErzÀhlungen", Suhrkamp, Frankfurt a.M.1996

Amos Oz ist MitbegrĂŒnder der Friedensbewegung Peace Now. Zu seinen veröffentlichten politischen VortrĂ€gen und Essays gehören:

"Israel und Deutschland. Vierzig Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen", Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2005
"Wie man Fanatiker kuriert", Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2004
"Israel und PalÀstina: Ein Zweifamilienhaus?", Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2001


Amos Oz
Unter Freunden

Originaltitel: Bejn Chaverim
Aus dem HebrÀischen von Mirjam Pressler
Suhrkamp Verlag, erschienen 11.3.2013
Gebunden, 215 Seiten
18,95 Euro
ISBN: 978-3-518-42364-6


Weitere Informationen finden Sie unter

Amos Oz, the official website: www.amos-oz.com

Der Kibbuz Hulda auf Facebook

Amos Oz auf der Leipziger Buchmesse

The New Yorker ĂŒber Amos Oz: www.newyorker.com


Literatur Beitrag vom 26.06.2013 Susann S. Reck 





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