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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.11.2013

Laura von Wangenheim - In den F├Ąngen der Geschichte. Inge von Wangenheim, Fotografien aus dem sowjetischen Exil 1933 - 1945
B├Ąrbel Gerdes

Auf der Spurensuche nach ihrer Gro├čmutter, der DDR-Schriftstellerin und Schauspielerin Inge von Wangenheim macht die Enkelin eine sensationelle Entdeckung: Hunderte Fotos aus deren Zeit in der UDSSR



Mein Leben lang versuchte ich eine Erkl├Ąrung daf├╝r zu finden, warum sie nicht meine Gro├čmutter sein wollte.

Laura von Wangenheim, 1968 in Berlin geboren, Theatermalerin, Ausstatterin und Designerin, ist die Enkelin von Gustav und Inge von Wangenheim. 25 Jahre alt war sie, als ihre ber├╝hmte Gro├čmutter, die linke Bestsellerautorin und Schauspielerin, starb, doch begegnet ist sie ihr nur wenige Male. Die Kommunikation beschr├Ąnkte sich haupts├Ąchlich auf mit Schreibmaschine geschrieben Briefen, die mit sozialistischen Gr├╝├čen endeten, und auch in der pers├Ânlichen Begegnung blieb Inge von Wangenheim f├╝r die Enkelin eine fremde, unnahbare Figur.

W├Ąhrend die Autorin ab den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bereits zur Machtelite der DDR geh├Ârte und Orden und Preise einheimste, entschieden sich Laura von Wangenheim und ihre Mutter 1982 zur Ausreise aus der DDR ÔÇô ein Schritt, der den Bruch mit der Gro├čmutter besiegelte. Bis zu ihrem Lebensende im Jahre 1993 verweigerte sie den Kontakt zu ihren Kindern und Kindeskindern.

Laura von Wangenheim wusste nur wenig ├╝ber das Leben ihrer Gro├čmutter. Lediglich kleine fl├╝chtige Fetzen der Familiengeschichte waren ihr bekannt: dass die Gro├čeltern das nationalsozialistische Deutschland schon fr├╝h verlassen hatten, dass sie in die Sowjetunion emigrieren und 1941 kreuz und quer vor den Deutschen durch Zentralasien fl├╝chten mussten. Was genau in diesen Jahren geschah, dar├╝ber verharrte Inge von Wangenheim in Schweigen, diesem dr├Âhnenden Schweigen, das die Kindheit meiner Mutter und ihrer Kinder bestimmte.

2010 beginnt die Enkelin mit der Spurensuche. Ausgehend vom Nachlass ihres Gro├čvaters, dem Regisseur und Drehbuchautor Gustav von Wangenheim im Archiv der Akademie der K├╝nste in Berlin, forscht sie weiter und macht im pers├Ânlichen Nachlass ihrer Gro├čmutter im Th├╝ringischen Staatsarchiv Rudolstadt einen atemberaubenden Fund. In einem unscheinbaren Pappkarton findet sie Dutzende unentwickelter, ordentlich beschrifteter Filmrollen.

Sie zeigen auf 1050 Fotos den Alltag in Moskau und auf der privaten Datscha der von Wangenheims in den drei├čiger und vierziger Jahren. Leute vom Land, die Gemeinschaftswohnung, Gartenszenen in Bolschewo, Fotos des Ehepaares, vor allem aber auch Bilder von Moskau, die es in seinem Aufbruch zeigen. Die beiden Jahrzehnte sind in die Geschichte der Sowjetunion als Zeiten des Gro├čen Terrors eingegangen. Die Stalinistischen S├Ąuberungen begannen, zeitgleich explodierte die Stadt. W├Ąhrend Hunger und Armut das Land in die Knie zwangen, ver├Ąnderte sich das Moskauer Stadtbild radikal. Die Metro wurde gebaut, Prachtboulevards entstanden, die Industrialisierung wurde vorangetrieben, der gesamte Innenstadtbereich [wurde] in atemberaubend kurzer Zeit umgepfl├╝gt.

1933 bereits hatte Gustav von Wangenheim eine Einladung erhalten, in Moskau ein deutsches Theater f├╝r emigrierte K├╝nstlerInnen zu gr├╝nden. 1934 sollte er an der Realisierung des Films K├Ąmpfer mitwirken, ein heroisierendes Werk, das den Widerstand der ArbeiterInnen gegen den Faschismus darstellt. Doch als Mitte der drei├čiger Jahre Stalins Schwerpunkte auf die Errichtung der Schwerindustrie und die Kollektivierung der Landwirtschaft wechselten, ├Ąnderte sich auch das kulturelle und politische Leben. Die fl├╝chtende Landbev├Âlkerung prallte auf ausl├Ąndische Intellektuelle, die schnell zu Volksfeinden und Sch├Ądlingen mutierten.

1936 stellten die Wangenheims einen Ausreiseantrag, dem nicht stattgegeben wurde. Sie zogen sich auf ihre Datscha zur├╝ck, bis sie 1941 aufgrund des Einmarsches der Deutschen in die Sowjetunion nach Zentralasien evakuiert wurden. 1945 kehrten sie nach Deutschland zur├╝ck.

Inge von Wangenheim sprach Zeit ihres Lebens nicht ├╝ber diese Jahre. ÔÇŽ man bl├Ąst nicht in einen Daunenhaufen, um zu einer einzigen Daune zu gelangen. ÔÇŽ Ich empfehle also, nicht daran zu r├╝hren, schrieb sie dem Exilforscher Peter Diezel.
Laura von Wangenheim vermutet, dass sie bef├╝rchtete, dass mit der Auseinandersetzung ihrer eigenen Geschichte ihr politisches Weltbild in sich zusammenbrechen w├╝rde.

Der Bildband h├Ątte ein gro├čartiger Auftakt zu einer Biographie ├╝ber Inge von Wangenheim werden k├Ânnen. Leider wird diese Chance vertan. Nur fragmentarisch beleuchtet die Enkelin das Leben ihrer Gro├čmutter, wobei ihre Verletzungen aufgrund deren Ablehnung zwischen den Zeilen hervortreten. Gerne h├Ątten wir mehr erfahren ├╝ber die Frau, die als Schauspielerin begann, eine stramme Genossin wurde, sich in den vierziger Jahren dem Schreiben zuwandte und in den sechziger Jahren ihren Mann verlie├č, um mit seiner Sekret├Ąrin eine Lebenspartnerschaft einzugehen.
So jedoch hinterl├Ąsst uns das Buch mit dem Gef├╝hl, dass noch allzu viel unterbelichtet blieb.

AVIVA-Tipp: Der sensationelle Fotofund mit Alltagsszenen aus der Zeit des Moskauer Exils von Inge und Gustav Wangenheim k├Ânnte Auftakt zu einer Biographie ├╝ber die Schriftstellerin und Schauspielerin sein.

Zur Autorin: Laura von Wangenheim, geboren 1968 in Berlin, ist Theatermalerin und Ausstatterin. Sie arbeitet als Grafikdesignerin in Berlin.

Inge von Wangenheim (1912-1993) absolvierte in Berlin eine Schauspielausbildung und spielte kleinere Rollen an unterschiedlichen Theatern. 1931 trat sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Gustav von Wangenheim, der KPD bei. 1933 Emigration in die Sowjetunion, 1941 Evakuierung nach Kasan und Taschkent. 1945 kehrte sie nach Deutschland zur├╝ck und begann zu schreiben, 1946 wurde sie Mitglied der SED. Ihr umfangreiches literarisches Werk umfasste u.a. Romane und Memoiren, in denen sie die Schattenseiten ihres Exils stets verschwieg. Inge von Wangenheim wurde mit zahlreichen Preisen und Medaillen der DDR geehrt. Sie starb 1993 in Weimar.

Laura von Wangenheim
In den F├Ąngen der Geschichte. Inge von Wangenheim. Fotografien aus dem sowjetischen Exil 1933-1945

Rotbuch-Verlag, erschienen 2013
111 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-86789-190-5
25,00 Euro

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Literatur Beitrag vom 08.11.2013 B├Ąrbel Gerdes 





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