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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.07.2014

Rengha Rodewill - Hoheneck. Das DDR-Frauenzuchthaus. Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeugenberichten und einem Vorwort von Katrin Göring-Eckardt
Dorothee Kröger, Sharon Adler

Jail house feeling? Nach einer solch geschmacklosen Missachtung der Opfer Hohenecks ist Rodewills respektvolle ZusammenfĂŒhrung von Wort und Fotografie umso bedeutender. ErdrĂŒckend klar gedenkt ...



... ihr Projekt der Haftbedingungen politisch gefangen genommener Frauen. Die Fotografin setzt den mit "Bautzen II" begonnenen Beitrag zur Erinnerungskultur fort.

Der Erfahrung von Menschenrechtsverletzung gibt die Fotografin, Malerin und TÀnzerin Rengha Rodewill einen fotografischen ErzÀhlraum. Ihren Aufnahmen zur Seite stehen Zeitzeuginnenberichte damals inhaftierter Frauen.
Im Ansatz beschreibt dies ihre Motivation der im Mai 2014 erschienen fotografischen Dokumentation. Ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Bautzen II. Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeugenberichten mit einem Vorwort von Gesine Schwan" ist ein neuer Bildband erschienen, der das Vergessen zu ĂŒberwinden sucht. Schwarz-Weiß Fotografien und Zeitzeuginnenberichte schließt Rodewill darin zusammen. Sie möchte die LeserInnen mit dieser 2012 begonnen Arbeit zur einer Abkehr von der "behaglichen Betrachterrolle" anregen, wie Katrin Göring-Eckardt in ihrem Vorwort schreibt. Hoheneck, exemplarischer Ort des Unrechtsystems der DDR, wird mit diesem Band noch einmal zum Schauplatz. An ihm lĂ€sst sich heute lediglich Leere einfangen, die einen Eindruck der lange vorherrschenden Gewalt in sich trĂ€gt. Eine BedrĂ€ngnis entsteht beim Betrachten der Dokumentation. Hier zeigt sich eine Erfahrung von Gewalt, dessen historische Distanz mit diesem Projekt der eindrucksvoll ĂŒberwunden wird.

Ein Ort, an dem Frauen zu gezĂ€hlten Objekten von Rechtslosigkeit, Psychoterror und WillkĂŒr wurden

Das seit 2001 geschlossene FoltergefĂ€ngnis Schloss Hoheneck blickt historisch bis ins Mittelalter zurĂŒck. Angaben ĂŒber die Nutzung im Zeitraum 1933-1945 variieren. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Rezension hat die AVIVA-Redaktion jedoch keine RĂŒckmeldung von der entsprechenden Kontaktstelle erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg von der Sowjetischen MilitĂ€radministration in Deutschland (SMAD) ĂŒbernommen, zeichnete sich die Hölle der Frauen besonders stark durch Überbelegung der Zellen und die dadurch bedingten drakonischen HierarchieverhĂ€ltnisse aus. Ein fĂŒr 600 HĂ€ftlinge angelegtes GefĂ€ngnis wurde in den 1970er Jahren mit bis zu 1600 Insassinnen belegt.

Grund fĂŒr eine Inhaftierung war nach 1970 in den meisten FĂ€llen das Streben nach Freiheit: Geplante Republikflucht, Kontakte mit Personen im Westen, aber auch bereits der Anspruch, sich frei zu Ă€ußern. Diesen "Taten" bezichtigte Frauen wurden zusammen mit nichtpolitischen Schwerverbrecherinnen inhaftiert, deren Machtspielen und Vergewaltigungen sie damit ausgesetzt waren - eine "problematische Mischung der Gefangenen", wie es die ehemals Inhaftierte Heidrun Breuer beschreibt. Permanent der UnterdrĂŒckung ausgesetzt, wurden die politisch Gefangenen zu zĂ€hlbaren Objekten. Unterstrichen wird diese Form der Erniedrigung durch die zwischen 1963 bis 1989 getĂ€tigten DevisengeschĂ€fte zwischen DDR und BRD: Es bestand die Möglichkeit, Insassinnen von der BRD freikaufen zu lassen. Ein GeschĂ€ft, mit dem die DDR circa 34.000 HĂ€ftlinge fĂŒr 3,5 Milliarden D-Mark verkaufte.

Die dokumentarischen Schwarz-Weiß-Erkundungen zeigen triste GĂ€nge, meist geschlossene TĂŒren, Metall und Rohre, verwitterte WĂ€nde, und den Blick durch Fenster nach draußen. Dieses Draußen war fĂŒr die inhaftierten Frauen unzugĂ€nglich. Die Perspektive der KĂŒnstlerin hingegen ist die einer Beobachterin. In der dokumentarischen Erkundung vereint Rodewill diese zwei Blickwinkel.
Die ErzĂ€hlungen der Zeitzeuginnen stehen nicht nur neben den Fotografien. Durch den Einblick in das Erfahrene der Frauen werden die kargen RĂ€ume der Fotografien mit deren Erinnerungen verschrĂ€nkt. Berichtet wird von Haftbedingungen, Gewalt und Indifferenz der WĂ€chterinnen, FamilienverhĂ€ltnissen und Verlust, aber auch von der unterschiedlichen Darstellung politischer RealitĂ€t: Eine der Fotografien Rodewills zeigt ein Propagandaplakat mit der Aufschrift "FĂŒr unsere Sicherheit".

Den Zeitzeuginnen ist es ein Anliegen, mit ihren Worten beschönigende Haftdarstellungen zu entlarven, welche sie auch heute noch in der "Ostalgie" wiederfinden. Aus ihren Berichten spricht der Mut, sich fĂŒr das Recht auf Freiheit einzusetzen. Es geht ihnen darum, sich aus dem Objekt-Status, der ihnen durch das DDR-System auferlegt wurde, zu lösen und als Subjekt ihre persönliche Geschichte zu erzĂ€hlen.

Seit Anfang 2014 ist das GefĂ€ngnis Hoheneck eine GedenkstĂ€tte. Das Recht auf Achtung und WĂŒrde wurde 2004 verletzt durch das ökonomisierende Vorhaben der Artemis GmbH, einen Erlebnistourismus im ehemaligen Frauenzuchthaus Hoheneck einzurichten. Ziel war es, "einzigartige Übernachtungsangebote in ehemaligen Zellen, Nachtprogramm mit Musik und Show und KnastfrĂŒhstĂŒck" anzubieten. Ein solch geschmackloses, provozierendes und trivialisierendes Vorhaben wurde durch OpferverbĂ€nde und der Internationalen Gemeinschaft fĂŒr Menschenrechte (IGFM) vehement kritisiert und verhindert. Karl Hafen, Mitglied des vertretungsberechtigten Vorstandes des IGFM, betonte: "Wir können von den heute noch lebenden ehemaligen politischen HĂ€ftlingen nicht verlangen, sich allein gegen diese UnverschĂ€mtheit mit der ihnen zur VerfĂŒgung stehenden Macht zu wehren. Darum mĂŒssen wir uns vor sie, zumindest an ihre Seite stellen."

Das dokumentarische Projekt Rodewills ist ein solcher Beistand, eine Möglichkeit der Äußerung und berechtigter Aufmerksamkeit: Die Fotografien und Zeitzeuginnenberichte zeigen ein ungemĂŒtliches, distanziert-ergreifendes und notwendiges Bild eines Unrechtsystems, welches danach strebt, sich der Gefahr des Vergessens zu verweigern.

Das Vorwort Katrin Göring-Eckardts, der derzeitigen Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion von BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen weist auf die AktualitĂ€t des Bandes hin: "Die Gefangenen von Hoheneck, ĂŒber die wir in diesem Buch eindringliche PortrĂ€ts lesen können, wollten nichts anderes als frei sein. (...) FĂŒr die heutige Generation der Erasmus-Studenten und Easyjet-Touristen muss das klingen wie aus dem Mittelalter. Auch weil die Fotografien schwarzweiß sind, kann der – psychologisch entlastende – Eindruck entstehen, das alles sei ja schon ewig her."

AVIVA-Tipp: Rengha Rodewills dokumentarische Fotografie knĂŒpft nach Bautzen II an ihren Beitrag zur Erinnerungskultur an. Auch diese Arbeit der Fotografin regt dazu an, das eigene FreiheitsverstĂ€ndnis zu ĂŒberdenken. Die Aufnahmen aus Hoheneckgeben vielmehr einen Eindruck als konkret greifbare ErklĂ€rungen. Rodewills fotografische Beobachtungen verweisen somit auf eine RealitĂ€t, die durch die Zeuginnenberichte textuell greifbarer wird. Es entsteht ein der Vergangenheit zugehöriges Bild, das jedoch hoch aktuell ist. Gerade im Kontext der politischen Ereignisse und Debatten bezĂŒglich GeflĂŒchteter in Berlin, Deutschland und Europa ist Rodewills Beitrag nicht nur der vergangener MissstĂ€nde.

Zur Fotografin: Rengha Rodewill wurde in Hagen/Westfalen geboren, absolvierte eine Ausbildung im klassischen Ballett und reiste nach ihrem Grafik- und Malereistudium zwecks Studienaufenthalten nach Italien und Spanien. 1978 zog sie von Hagen nach Berlin und arbeitet hier als Fotografin, Malerin und TĂ€nzerin. Seit 1987 betreibt die KĂŒnstlerin ein Atelier, das sie 1998 nach Potsdam-Babelsberg verlegte. Das Mitglied des Berufsverbands Bildender KĂŒnste Berlin (BBK) hat ihre Werke mehrfach ausgestellt. 1997 erfand sie mit der Kunsthistorikerin Renate Bergerhoff den Begriff des "Dance Painting". Von 2000-2011 stand sie im kĂŒnstlerischen Austausch mit der Lyrikerin Eva Strittmatter.
Ihre fotografische Arbeit zeichnet sich durch ein Miteinander von Bild, Konzept und Botschaft aus. Ihre Werke werden im In-und Ausland ausgestellt. Sie befinden sich im Privatbesitz und Sammlungen.
Mehr Infos und Kontakt: www.rengha-rodewill.com
(Quelle: Verlagsinformation)

Rengha Rodewill
Hoheneck. Das DDR-Frauenzuchthaus. Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeigenberichten und einem Vorwort von Katrin Göring-Eckardt

Vergangenheits Verlag, erschienen Mai 2014
Hardcover, 200 Seiten
ISBN: 978-3-86408-162-0
22,90 Euro
www.vergangenheitsverlag.de

Weitere Informationen unter:

GefÀngnis Schloss Hoheneck www.hoheneck.com

DDR FrauengefÀngnis Hoheneck. "Wir wurden wie Abschaum behandelt", ein Radiobeitrag auf WDR 3.

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Literatur Beitrag vom 11.07.2014 AVIVA-Redaktion 





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