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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 28.07.2014


Louise Erdrich - Das Haus des Windes
Bärbel Gerdes

Was sich wie ein spannender Krimi liest, ist ein Roman über das Erwachsenwerden eines Jungen und über die brutale Lebenswirklichkeit indianischer Frauen in nordamerikanischen Reservaten.




1988 - ein Sonntag in einem indianischen Reservat in North Dakota. Joe Coutts, ein dreizehnjähriger Junge, arbeitet im Garten mit seinem Vater, während die Mutter, "Spezialistin für Fragen der Stammeszugehörigkeit" noch einmal ins Büro fährt, um Akten zu holen. Ihr Ausbleiben beunruhigt die beiden nicht, vielleicht hatte sie vergessen, dass Sonntag ist, und ist zum Einkaufen gefahren. Doch als sie zurück kommt, ist nichts mehr wie bisher.

40% aller indianischen Frauen in den USA, so die Schätzung, werden in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung. Viele dieser Frauen leben in einer der mehr als 500 Indianernationen, die es auf nordamerikanischem Boden gibt. Sie gelten als unabhängig, mit eigener Polizei, Justiz und Regierung. Ihre Gerichtsbarkeit bezieht sich jedoch nur auf indianische Menschen, nicht auf nichtindianische, die sich in ihren Territorien aufhalten.
Erst 2013 wurde dies durch ein Gesetz, das zunächst drei Indianernationen Rechtsgewalt auch über nichtindianische Personen gibt, revidiert – eine bahnbrechende Entscheidung. Denn 80 % der Täter sind nichtindianischer Herkunft.

Auch Joes Mutter Geraldine ist Opfer einer Vergewaltigung geworden. Sie schweigt über das Geschehen, auf Joe macht es den Eindruck "dass sie einem Ort der äußersten Einsamkeit entgegenging, von wo sie vielleicht nie mehr zurückkommen würde."

Von entscheidender Bedeutung ist, wo das Verbrechen stattfand, "Stammesland, staatliches Land [oder] Privateigentum." Denn davon ist abhängig, wer ermittelt, wie ermittelt wird und welche Bedeutung dieser Untersuchung gegeben wird.

Louise Erdrich, die 2012 für diesen Roman den National Book Award für den besten Roman des Jahres erhielt, erzählt die Geschichte aus der Perspektive des 13-Jährigen, den die Veränderungen in seiner Familie ängstigt, der zugleich aber den Täter finden möchte.

Erdrich versteht es, uns ganz en passant die Lebenswelten der indianischen Bevölkerung vorzustellen, etwa, wenn Joe in der Notaufnahme der Klinik, in die seine Mutter gerade eingeliefert wurde, gefragt wird: "Habt ihr Indianer nicht ein eigenes Krankenhaus?" Oder wenn er erklärt, wie mühsam es ist, überhaupt als IndianerIn anerkannt zu werden: "Und dann wird der Verwandtschaftsgrad untersucht, wie viel Blut aus einem bestimmten Stamm in ihren Adern fließt. Meistens erkennt die Regierung einen Indianer an, wenn er zu einem Viertel indianisches Blut in den Adern hat – möglichst von nur einem Stamm. Und dieser Stamm muss wiederum gesetzlich anerkannt sein."

Die Übersetzerin Gesine Schröder hat diesem wichtigen Roman den Tonfall eines pubertierenden Jungen gegeben, der einerseits auf Rache sinnt, anderseits aber auch beschäftigt ist mit überschießenden Hormonen, mit "Star Trek"-Fantasien und den beunruhigenden Brüsten von Tante Sonja.

AVIVA-Tipp: Louise Erdrich gelingt es, trotz des verstörenden Themas ihres Romans, Amüsement und Vergnügen nicht zu kurz kommen zu lassen.

Zur Autorin: Louise Erdrich, wurde 1954 in Minnesota als Tochter einer Indianerin und eines Deutsch-Amerikaners geboren. Sie schreibt Kinderbücher, Lyrik und Romane, die schon mehrfach ausgezeichnet wurden. In Minneapolis ist sie Inhaberin einer unabhängigen Buchhandlung.
Mehr Infos auf ihrem Blog: birchbarkbooks.com/blog

Zur Übersetzerin: Gesine Schröder, 1976 geboren, studierte Literaturwissenschaften in Kiel und Berlin. Heute lebt sie als freie Übersetzerin in Berlin.

Louise Erdrich
Das Haus des Windes

Originaltitel: The Round House
Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder
Aufbau-Verlag, 2. Auflage erschienen 2014
Gebunden, 384 Seiten
ISBN 978-3-351-03579-2
19,99 Euro
www.aufbau-verlag.de

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Literatur

Beitrag vom 28.07.2014

Bärbel Gerdes 






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