María Inés Krimer - Sangre Kosher. Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 27.01.2015


María Inés Krimer - Sangre Kosher. Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal
Magdalena Herzog

Auf einer Beerdigung erhält die Ermittlerin Ruth Epelbaum den Auftrag, auf die Suche nach der verschwundenen jungen Frau Débora aus der Jüdischen Gemeinde von Buenos Aires zu gehen. Was ihr...




... während ihrer Recherche begegnet, sind Korruption und Zuhälterei.

Ruth Epelbaum erinnert sich im Laufe der Ermittlungen an den jüdischen Zuhälterring Zvi Migdal, der in den 1930er Jahren das einschlägige Geschäft im Land dominierte und Frauen aus ihrer eigenen Gemeinschaft ausbeutete. Was Epelbaum längst vermutet hatte, nämlich dass Zvi Migdal nach wie vor existiert und aktiv ist, erscheint mit dem aktuellen Fall keineswegs mehr absurd, sondern vielmehr eine Spur zu dessen Lösung zu sein.

Die Ermittlerin und Protagonistin

Ruth Epelbaum führt ein unaufgeregtes Leben, das lange in das der Jüdischen Gemeinde in Buenos Aires eingebettet war. Dort hatte sie sich als Archivarin etwas zu gut in die dunklen Seiten des Gemeindelebens oder besser, einiger Gemeindemitglieder – nämlich in die der Zvi Migdal - eingearbeitet, um für die entsprechenden Autoritäten noch tragbar zu sein. Nun, im frühzeitigen Ruhestand ist sie fortan als Privatermittlerin tätig und kann hier und da von ihrem bisher gesammelten Wissen und ihren Kontakten profitieren. Dies zahlt sich nun besonders gut aus, denn die Ermittlungen finden in ihrem Bekannt/Innenkreis statt und so stellt Epelbaum nach und nach fest, dass genau dieser Kreis in die Strukturen involviert zu sein scheint, die sie aufzudecken sucht.

Der Plot

Die verschwundene junge Frau Débora, die Epelbaum für deren Vater Chiquito Gold ausfindig machen soll, bietet dabei allein den Anlass und die Eckpunkte, denn den zentralen Bestandteil der Handlung. Epelbaum findet eine Frauenleiche, trifft auf korrupte und in Zuhälterei verwickelte Richter und Juweliere, doch viele der Handlungsstränge und gesellschaftliche Ebenen, welchen die Ermittlerin begegnet, werden nicht ausgeführt, sondern bleiben an den spannenden Punkten stecken. Die Entwicklung der Geschichte wird vielmehr dominiert von den kleinsten Geschehnissen und Vorgängen des Alltags von Ruth Epelbaum.

Den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, auf die die Ermittlerin während der Untersuchungen stößt, steht sie distanziert und desillusioniert gegenüber. Obwohl sie seit Jahren in der Gemeinde Vorträge zur organisierten Prostitution hält und dort auf den bereits erwähnten Gegenwind stößt, erfolgt keine tiefergehende Analyse oder Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Behandlung und dem Verhalten von Frauen und den Umgang damit in der Jüdischen Gemeinde. Ruth Epelbaum ist nicht die im Klapptext beschriebene passionierte Detektivin, die nichts stoppen kann, sie agiert eher aus einer Mischung zwischen Routine, eben dieser selbstverständlichen Entschiedenheit und Langeweile, als aus Leidenschaft heraus.

Die jüdische Ebene

Ein Dreh- und Angelpunkt, sowohl im Leben der Ermittlerin, als auch in der Handlung, spielt die Haushälterin Gladys. Sie kann von ihrem Ehemann, der Polizist ist, hilfreiche Informationen beschaffen und ist damit in die Entwicklung des Falls einbezogen, obgleich sie auch ein lästiges Gegenüber der spröden Epelbaum ist, da sie ihrer Arbeit als Haushälterin nicht mehr zufriedenstellend nachkommt. Was sich zu einer interessanten Arbeitsbeziehung hätte entwickeln können, bleibt jedoch in der Kommunikation einer plumpen Vertrautheit stecken. Gladys wird außerdem oft als meine Shikse bezeichnet – eine eher despektierliche Bezeichnung für eine nichtjüdische Frau, welche die Ebene eines jüdisch-nichtjüdischen Verhältnisses in den Roman bringt. Die bereits bestehende Distanz zwischen beiden Frauen, die einander doch so vertraut sind, wird durch diese Benennung nur verstärkt. Viele andere jiddische Worte, Bezeichnungen und Floskeln fließen in den schlichten Sprachstil der Autorin ein, die äußerst korrekt als Fremdworte in kursiv gesetzt sind. Das markiert diese Worte zwar als exotisch, doch werden sie weder im Text, noch in einem Glossar erklärt. Dies versichert den Leser/Innen zwar, dass die Protagonistin in irgendeiner Weise jüdisch lebt, denkt, fühlt, doch dabei bleibt es. Auch der Titel Sangre Kosher, zu Deutsch kosheres Blut, bleibt als solcher auf dem Titelblatt hängen und findet keinen textlichen oder handlungsbezogenen Widerhall, was bei einer so starken Formulierung und den engem Bezug zum Inhalt durchaus erstaunlich ist. Was wohl als selbstverständlicher Teil jüdischen Lebens erscheinen soll, liest sich bei Krimer hölzern. All die Floskeln entfalten schlussendlich doch nicht ihren Charme, mit dem sie die Geschichte hätten bereichern können.

Die historische Vorlage Zvi Migdal

Dem Zuhälterring der Zvi Migdal aus den 1930er Jahren, widmet sich Krimer beiläufig, ungeachtet der dazu bestehenden Veröffentlichungen in den letzten Jahren. Die Leser/Innen erfahren nur in Nebensätzen etwas über Zvi Migdal und deren Rolle in der Jüdischen Gemeinde. Die Vermutungen, dass diese Organisation nach wie vor existiert und mit dem Verschwinden von Débora zu tun hat, bleibt frei von einer tiefergehenden Einbettung in den sozialen Kontext und dem Leben in Buenos Aires. Trotz des hochinteressanten historischen Materials gelingt es der Autorin nicht, eine spannungsvolle Kriminalgeschichte zu erzählen.
Am ehesten erinnert frau/man sich an Ruth Epelbaum – sie ist zwar eine mutige Detektivin, die sich nicht einschüchtern lässt und unbeirrt dem nachgeht, was sie für richtig hält, doch ihre nüchterne Haltung lässt sie uninspiriert, wenn nicht sogar gelangweilt erscheinen. Gleichzeitig könnte das sogar ein Novum gegenüber Ermittler/Innen in anderen Kriminalgeschichten sein.

AVIVA-Fazit: Die Autorin schöpft nur annähernd das Potential aus, das die historische Vorlage und das jüdische Leben in Buenos Aires zu bieten haben. Gänzlich jedoch ist der Roman keine Enttäuschung, möchte frau/man eine unaufgeregte, nicht zu spannungsgeladene Kriminalgeschichte aus Südamerika lesen, in der sich stets an das jüdische Leben in Polen erinnert und im nun im warmen Klima fortgeführt wird.

Zur Autorin: María Inés Krimer wurde 1951 in der argentinischen Provinz Paraná (Entre Rios) geboren und war zunächst jahrelang als Anwältin tätig, bevor sie mit ihren Romanen bekannt wurde. Im argentinischen Spanisch sind bereits mehrere Romane und Erzählungen erschienen. Ihre Kriminalromane um Ruth Epelbaum erscheinen in der renommierten Reihe "Negro Absoluto", die von Juan Sasturáin herausgegeben wird. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Premio del Fondo Nacional de las Artes sowie dem Premio Emece. Zudem stand sie auf der Shortlist des Premio Clarín. "Sandre Kosher" ist ihr erstes ins Deutsche übersetztes Werk. María Inés Krimer lebt und arbeitet in Buenos Aires.
Quelle: Verlagsinformation

María Inés Krimer
Sangre Kosher. Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal

Originaltitel: Sangre Kosher
Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Peter Kultzen
Diaphanes Verlag, erschienen August 2014
200 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-03734-492-7
17,95 Euro
www.diaphanes.net

Mehr Informationen zur Zvi Migdal finden Sie unter:

gojka.blog.onet.pl

www.ynetnews.com

Weitere Literatur zum Thema

Irene Stratenwerth, Esther Sabelus, Simone Blaschka-Eick, Hermann Simon (Hrsg.): Der Gelbe Schein: Mädchenhandel 1860 bis 1930, Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven 2012, ISBN 978-3-00-038801-9.
Myrtha Schalom: La Polaca. Inmigración, rufianes y esclavas a comienzos del siglo XX. Grupo Editorial Norma, Buenos Aires, 2003, ISBN 987-545-113-4, Galerna, Buenos Aires, 2013, ISBN 978-950-556-588-7.
Nora Glickman: The Jewish White Slave Trade and the Untold Story of Raquel Liberman. Garland Publishing, London/ New York 2000, ISBN 0-8153-3300-5.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

MIND THE GAP - Arbeiten der Schweizer-Jüdischen Künstlerin Elianna Renner in der alpha nova-kulturwerkstatt & galerie futura bis 30.1.2015 mit dem interdisziplinären Projekt "Tracking the Traffic".

Gladys Ambort - Wenn die anderen verschwinden sind wir nichts

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Beitrag vom 27.01.2015

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