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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.02.2015

Rita de Muynck - Under the Skin
Teresa Lunz

Sprichw√∂rtlich "unter die Haut" geht die erste Monographie zum Werk der fl√§mischen K√ľnstlerin Rita de Muynck, die den Betrachter_innen ein vielschichtiges Farb-, Formen- und Klangerlebnis bietet.



Zwei Ausstellungen wurden der Kunst Rita de Muyncks im Jahr 2014 gewidmet, eine in der St√§dtischen Galerie √úberlingen, die andere in der Galerie walz kunsthandel. Nun ist ihr umfangreiches Werk ‚Äď entstanden zwischen 1993 und heute ‚Äď endlich auch als Kunstband erschienen.

Vielfalt eines Lebenswerks

Den Betrachter_innen begegnen darin den farbintensiv gestalteten, sich jeder malerischen Tradition sperrenden Gro√üleinw√§nde de Muyncks, daneben aber auch Kleinformaten, wie etwa dem Zyklus der "Tag- und Nachtzeichnungen": Schwarze Linien auf wei√üem Grund dominieren, dar√ľber hinaus ist h√∂chstens ein Bruchteil des Blattes in einer expressiven Farbe grundiert. Fotos der von der K√ľnstlerin so in Ausstellungen vorgef√ľhrten Plastiken und Installationen komplettieren den Band.

"Malerei behandelt kein Thema. Bilder sind ein visuelles Ereignis oder sie sind keine Bilder",

so der Kurator Thomas Zacharias in seinem im Buch enthaltenen Essay √ľber die Arbeiten de Muyncks. In ihnen begibt sich die K√ľnstlerin auf die Suche nach syn√§sthetischer Erfahrung, der sie sich durch action painting n√§hert: Wesentlich ist die dem Werk innewohnende Dynamik. Das Wesen wird in seiner Grundsituation, vielfach konfrontiert mit seinen Ur√§ngsten dargestellt, dar√ľber hinaus h√§ufen sich Darstellungen von Traumgebilden und Gegenwartsreflektionen. Dabei geht es der K√ľnstlerin nicht um einen gesellschaftskritischen Ansatz, sondern darum, einen Seinszustand einzufangen. Rita de Muyncks Werk weist zwar expressionistische Tendenzen auf, ist aber letztlich durch den Individualismus und die Innenperspektive der in Belgien geborenen K√ľnstlerin gepr√§gt. Sie arbeitet mit einer viel mehr als nur die Naturfarben umfassenden Farbpalette, wobei immer wieder scheinbar beliebig verwendetes Flammendrot hervorsticht

Über Schönheit und Schrecken

"Autobiographisch sind nicht so sehr die Begebenheiten, sondern eher meine gef√ľhlsm√§√üigen Reaktionen darauf", so die K√ľnstlerin in einem Gespr√§ch mit der Herausgeberin.

Vielfach finden auf den Leinw√§nden Begegnungen zwischen Frauen und wilden Tieren statt, ohne die beiden Elemente in gleich ersichtlichen kausalen Zusammenhang zu stellen, wie bei "Les Belles et les B√™tes". Mensch und Tier kommunizieren auf metaphysischer Ebene, im indirekten Dialog. Eine Anspielung darauf, dass unweit des √Ąsthetischen auch immer das Schreckliche existiert und nur die Gegenwart des Einen zur Manifestierung des Anderen f√ľhrt. So malt die durch ihre augenscheinlich idyllische alpenl√§ndische Heimat gepr√§gte de Muynck einen "Bleeding Mountain" und betitelt ein D√ľsternis vermittelndes Bild des Kochelsees "Down with the Alpine Glow!". Die Betrachter_innen werden somit zu einer neuen Perspektivierung aufgefordert. Die "Innocent Cat" erinnert im Erscheinungsbild stark an die zuvor portr√§tierten rei√üenden W√∂lfe, was in jede(m/r) Leser_in eigene Fragenstellungen in Gang setzt.

Insbesondere bei der Ausstellung ihrer Plastiken r√ľckt die syn√§sthetische Erfahrung in den Vordergrund: So kombiniert de Muynck beispielsweise Farbe, Form und Ton, um anhand der "Rotk√§ppchen"-Vorlage die enge Beziehung zwischen "Verf√ľhrung und Zerfetzung" darzulegen.

Akzent auf der weiblichen Perspektive

Der K√ľnstlerin bleibt die weibliche Weltsicht zentraler Ausgangspunkt: Den traditionell mit m√§nnlichen Protagonisten besetzten Mythen verhilft sie zu einem weiblichen Pendant, etwa durch die Darstellung eines weiblichen, gebannt vor der Wasserquelle knienden Narziss. Sie versucht sich spielerisch in der matriarchalischen Uminterpretation des verankerten kulturellen Ged√§chtnisses. De Muynck hinterfragt die Omnipr√§senz des M√§nnlichen in allen gesellschaftlichen Sph√§ren und fordert in ihren Gem√§lden die Losl√∂sung vom Patriarchat: Beispielsweise wenn sie eine entspannt in der H√§ngematte liegende Dame zeigt, deren m√§nnliches Pendant ‚Äď Vater, Ehemann? - in einer Grube zu ihrer Rechten verscharrt liegt. Die S√§uglingsdarstellungen wiederum heben auf die Mutter als Bezugspunkt ab, gleichzeitig deren Bereitschaft, loszulassen und die Eigenst√§ndigkeit des Kindes zu akzeptieren: Das Gem√§lde "Unwrapped" stellt dem Wortlaut des Titels gem√§√ü dar, wie das Kind "fl√ľgge" wird.

Neben zahlreichen Fotografien der Kunstwerke enth√§lt das Buch pers√∂nliche Beitr√§ge verschiedener Autor_innen, die die Arbeiten aus eigener Perspektive betrachten und somit die Wahrnehmung der Leser_innen erweitern. Au√üerdem wird der Bildband erg√§nzt durch Ausz√ľge eines Interviews, das die Herausgeberin Andrea C. Theil mit der Malerin f√ľhrte.

AVIVA-Tipp: Eindrucksvoll zeigt der Band das vielf√§ltige Werk Rita de Munckys wie auch den Facettenreichtum deren k√ľnstlerischen Ausdrucks. Keine von Rita de Muynck behandelte Thematik, kein von ihr umgesetztes Experiment im Bereich von Farbe, Form und Dynamik bleibt au√üer Acht. Durch die Interviewausz√ľge und die kurzen Essays eignet sich das Buch auch f√ľr Laien auf dem Gebiet der modernen Kunst, denen sich ein Interpretationsansatz bietet, ohne sie in ihrer freien Ideenentwicklung zu behindern.

Rita de Muynck. Under the Skin/ Unter die Haut
Herausgegeben von Andrea C. Theil

Zweisprachig Deutsch/Englisch
Hirmerverlag, erschienen 2014, 1. Auflage
Softcover, 189 Seiten.
ISBN 9-78377-421827
Euro 29,90
www.hirmerverlag.de

Mehr Informationen auf der Website der K√ľnstlerin:
www.ritademuynck.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Dorothy Iannone - This Sweetness Outside of Time

Anita Rée. Der Zeit voraus

Die Malerin Hélène de Beauvoir




Literatur Beitrag vom 06.02.2015 Teresa Lunz 





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