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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.02.2015

Berlinde de Bruyckere, herausgegeben von Angela Mengoni
Teresa Lunz

Historische Bez├╝ge, Darstellungen des menschlichen Befindens, der Verzweiflung an der Gesellschaft und sich selbst ÔÇô und dann doch Hoffnung auf den Neubeginn. Berlinde de Bruyckeres Werk ist...



... Herausforderung und Fundgrube zugleich f├╝r Kunstlieberhaber_innen.

Facettenreichtum eines Gesamtwerks

Der Band vereinigt Aquarelle, Bleistiftzeichnungen, Fotografien und Skulpturen, zu deren Herstellung beispielsweise Wachs, Holz, Stoff, Polyester, Harz, Eisen und Leinen verwendet wurden. Die dargebotene Thematik ist so vielseitig und ambitioniert, dass eine Rezension sie nur schlaglichtartig beleuchten kann. Viele Skulpturen der belgischen K├╝nstlerin besitzen durch die Reinheit ihrer Formen Ankl├Ąnge an die Kunst der Renaissance und Antike. Die Zeichnungen wiederum versuchen, menschliche Zust├Ąnde sichtbar zu machen, die im realen Alltagsgeschehen unwahrnehmbar bleiben ÔÇô au├čer von den Betroffenen.

"Um etwas wahrzunehmen, das in Echtzeit unsichtbar ist, wird die individuelle Zeichnung zum Bild eines in einem bestimmten Moment eingefrorenen emotionalen Ereignisses."

Die Bilder und Plastiken offenbaren immer wieder die starke Faszination der K├╝nstlerin f├╝r den menschlichen K├Ârper und die menschlichen Organe. Die Menschen werden anonymisiert dargestellt, nicht als Pers├Ânlichkeiten, oft verh├╝llt oder in sich zusammengefallen. Ihnen fehlen typische Attribute, die zur Wiedererkennung f├╝hren.

Dem Werk von Berlinde de Bruyckere wohnt eine Idee des K├Ârpers inne, der es gelingt, seine Bedingung der Verwundbarkeit und sein Gewaltpotenzial zusammenzuhalten. Die Darstellungen deuten das menschliche Potenzial, Gewalt zuzuf├╝gen an, aber auch die dem Menschen st├Ąndig lauernde Gefahr der Verwundung. Vielfach begegnen den Betrachter_innen bandagierte K├Âper, die die Frage aufwerfen: Ist die Bandage als Zusammenhalt oder als Fessel zu verstehen? Alle Einzelbilder lassen sich als Teil einer Serie begreifen, zeigen keinen abgeschlossenen Prozess, keinen Seinszustand. Sie sind kein Todessymbol, sondern Metamorphosen.
"Die Naturgeschichte hat ihre Katastrophen, doch das Genre der Trag├Âdie ist ihr fremd. Schlie├člich geht es um die M├Âglichkeit, sich neuen Wirklichkeiten wieder zu ├Âffnen", selbst noch im Moment des Zusammenbruchs.
Eine weitere wiederkehrende Thematik ist die Figur Christi, zentral die Momente der Kreuzigung, wie in Jelle Luipaard (2004), und die Darstellung der Pietà.

Umgang mit dem historischen Erbe

De Bruyckere entscheidet sich f├╝r eine Kunstrichtung, die sich bem├╝ht, das Unsagbare und Undarstellbare zumindest anzudeuten, im Ansatz erfahrbar zu machen. Demgem├Ą├č portr├Ątiert sie auch die Frau, so in den Arbeiten C. Rybroeck (1997) und V. Eeman (1999): Von Decken gro├čteils verh├╝llt, als ein nicht festgeschriebenes Wesen. Ebenso durch Decken vor allzu offener Sicht gesch├╝tzt sind ein unterern├Ąhrtes dunkelh├Ąutiges Kind, die H├╝tten einer Fl├╝chtlingsunterkunft, eine mit der Burka Verh├╝llte und ein von Trauernden umgebener Leichnam.

Es sind Bilder, die die ├ťberzeugung verdeutlichen, Kunst k├Ânne menschliches Leid, kulturell bedingte und pers├Ânliche Extremsituationen, kurz gesagt, das Grauen auf der Welt intensiver erfahrbar machen als Medienberichte. Diese werden doch immer nur fl├╝chtig rezipiert, im Alltag laufen sie Gefahr unterzugehen. Ein Kunstwerk zwingt zur dezidierten Betrachtung und fordert eigene ├ťberlegungen heraus.
"Die Arbeit an der Form, die Preisgabe der Figur erschlie├čen Bereiche des Potenziellen als einem Spannungsfeld, das mit dem Unsagbaren, dem Unzeigbaren in dieser Erfahrung aufladbar ist. Darin- und nicht in der blo├čen thematischen Bezugnahme ÔÇô ist ihr Ansatz zutiefst politisch und genuin historisch."

├ťber die Kunst n├Ąhert sich de Bruyckere der Frage, auf welchem Weg solches Leid darzustellen ist, wie es etwa in Hiroshima erlebt wurde, ohne ├╝berhaupt vor Ort gewesen zu sein. Immer liegt die ├ťberlegung nahe, ob es nicht vermessen ist, eine Vorstellung, die sich auf reine Imagination und Berichte aus dritter Hand st├╝tzt, entwickeln zu wollen. Daher geben de Bruyckeres Bilder und Skulpturen nicht vor , unmittelbares Zeugnis zu sein, das Geschehen zu dokumentieren. Sie verstehen sich als Anregung, weiterzudenken. Eine plastische Pr├Ąsentation von verrenkt liegenden Pferdekadavern wird dabei etwa zur Metapher auf das Kriegselend. So gelingt eine unerschrockene und dennoch verantwortungsbewusste historische und kulturelle Zeugenschaft.

Einladung zum Weiterdenken

Der Band wird komplettiert durch f├╝nf kommentierende Beitr├Ąge, denen die hier aufgef├╝hrten Zitate entstammen, darunter einen der Herausgeberin selbst. Au├čerdem umfasst er eine vollst├Ąndige Werkliste und ein Ausstellungsverzeichnis zu Berlinde de Bruyckere.

Das vielschichtige Werk, dessen Entstehung auf ein Vierteljahrhundert k├╝nstlerische T├Ątigkeit zur├╝ckgeht, verlangt von jedem_r Betrachter_in geduldige Einarbeitung und das Verm├Âgen, sich tief auf die Formen der Darstellung und Vorstellung einzulassen. Die Ann├Ąherung an de Bruyckeres Schaffen ist auch eine philosophische und assoziative Leistung, zumal die K├╝nstlerin ihre Bilder lediglich betitelt, sonst aber der freien Interpretation der Betrachter_innen ├╝berl├Ąsst.
2013 bespielte Berlinde de Bruyckere den belgischen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit ihrer Installation "Kreupelhout".
Vom 28. Februar bis zum 31. Mai 2015 ist ihr Werk nun im Gemeentemuseum in Den Haag ausgestellt. Mehr Infos unter: www.gemeentemuseum.nl

AVIVA-Tipp: Dieser Kunstband liefert ein ganzes Panorama an Ideen und Genres, alle aus der Hand einer einzigen Frau. Er ist eine Bereicherung f├╝r jede_n Kunstlieberhaber_in und alle, die das Spezielle und Sch├Âpferische in der modernen Kunst suchen.

Eine ├ťbersicht zu Biographie und Werk Berlinde de Bruyckeres unter: www.hauserwirth.com


Berlinde de Bruyckere
Herausgegeben von Angela Mengoni

Hirmerverlag, erschienen 2014
Gebunden, 304 Seiten
ISBN 978-3-7774-2252-7
69,00 Euro
www.hirmerverlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die fl├Ąmische Malerin Rita de Muynck




Literatur Beitrag vom 17.02.2015 Teresa Lunz 





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