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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 23.02.2015


Francoise Sagan - Ein bisschen Sonne im kalten Wasser
Claire Horst

Zum ersten Mal stellte Sagan in ihrem achten, 1969 erschienenen Roman einen Mann in den Mittelpunkt. Gilles befindet sich mitten in einer Depression – was er sich nur ungern eingesteht. Denn wer...




... will schon an einer Modekrankheit leiden?

Wir befinden uns in den sechziger Jahren, Gilles ist Sportredakteur einer liberalen Tageszeitung und lebt mit seiner Freundin zusammen, einem Fotomodell. Auch auf die Beziehung wirkt seine Depression sich aus: Viel mehr als die körperliche Liebe scheint Gilles an "der schönen Eloise" nicht zu interessieren, und dazu ist er jetzt nicht mehr in der Lage. Sein Alltag besteht aus Kneipenabenden, regelmäßigem Betrinken und hin und wieder einem Besuch bei einer Prostituierten. Dass er plötzlich ein Seelenleiden hat, kann er kaum glauben. Denn er gehört nicht zu diesen merkwürdigen Intellektuellen, die ständig Innenschau betreiben: "Seit seiner Jugend hatte er sich nie mehr viel mit sich selbst beschäftigt, das Leben, das er führte, hatte ihm genügt. Dass er sich nun plötzlich mit diesem kränklichen, blassen und gereizten Wesen auseinandersetzen sollte, erfüllte ihn mit Entsetzen."

Einen derart unsympathischen Protagonisten zu schaffen, der dennoch LeserInnen fesselt, erfordert Mut und Talent. Sagan lädt keineswegs zur Identifikation mit ihrem Antihelden ein – und trotzdem fasziniert er, ein Charakter, den auch die Erkrankung nicht an Tiefe gewinnen lässt. Auf Anraten seines Arztes fährt er aufs Land, wo er sich bei seiner Schwester und deren Mann entspannen will. Die ersten Tage verbringt er zwischen soziopathischen Anfällen auf dem häuslichen Sofa und Ausbrüchen der Verachtung gegenüber den Landeiern, unter die er sich geworfen fühlt. Und dann trifft er auf einer Veranstaltung auf Nathalie, eine verheiratete Frau, in die er sich verliebt. Seine Depression ist von da an wie weggeblasen.

Nathalie ist zwar verheiratet, lebt aber vollkommen frei von den konservativen Konventionen ihrer Gesellschaft. Sie ist es, die Gilles ihre Liebe mitteilt, die ihn auffordert, mit ihr zu schlafen, die schließlich ihren Mann verlässt und zu ihm nach Paris kommt.

Gilles zeichnet sich in jedem Moment als unerwachsener Mensch aus, der nicht für seine Handlungen geradesteht. Zwar möchte er sein Leben ohne Verpflichtungen weiterleben, vermisst die Freiheit, die die Tage zwischen Kneipe und Redaktion bedeutet haben. Zugleich fühlt er sich von der intellektuellen und kulturell interessierten Nathalie herausgefordert und unter Druck gesetzt. Dass er sein altes Leben samt Gang zu Prostituierten wieder aufnimmt, verletzt Nathalie nicht aus moralischen Gründen, sondern weil er nicht ehrlich damit umgeht. Diesen Unterschied zu begreifen, ist Gilles nicht in der Lage.

Es ist Nathalie, der die Sympathien der Autorin gelten und die eigentlich zur Sympathieträgerin auch der Leserin werden sollte. Denn sie ist vollkommen integer, steht für ihre Gefühle und Werte ein. Überzeugend ist das vor allem dann, wenn Sagan mit eindeutigen Zuordnungen bricht. So ist es nicht der Hauptstadtjournalist, der sich als besonders weltoffen oder gebildet entpuppen würde, sondern die vermeintlich so hinterwäldlerische Ehefrau eines wohlhabenden Mannes auf dem Dorf. Anders als Gilles kennt Nathalie nach wenigen Wochen viele Museen der Stadt, sehr bald nimmt sie eine Arbeit auf.

Sprachlich überzeugt der Roman: Gilles als gefühlskalter und vollkommen unreflektierte Person versucht sich immer wieder an einer Gemütswandlung, wird von Schuldgefühlen übermannt, die er dann schnell zur Aufwertung des eigenen Selbstbilds nutzt. Mit ebendieser Kälte und Bildlosigkeit stimmt auch die klare und metaphernlose Sprache des Romans überein.

Trotzdem hat er ein inhaltliches Manko. Dass eine derart kluge und selbstbewusste Frau wie Nathalie sich in einen so oberflächlichen Mann verlieben soll wie diesen Gilles und dann an ihrer Liebe auch noch zugrunde geht, ist kaum zu fassen. Zudem bleibt ein etwas unguter Beigeschmack angesichts dieser doch ziemlich konventionellen Beurteilung des Partygängers Gilles. Wer Sagan kennt, kann ihre lakonische und ernüchterte Beschreibung des ewigen Trinkens und Tanzens als Reflektion der eigenen Geschichte einordnen. Und trotzdem – klingt da nicht auch ein wenig konservative Kritik des Müßiggangs nach?

AVIVA-Tipp: So hinreißend wie der Erstling "Bonjour tristesse" ist der Roman nicht – und vielleicht sind seine weniger überzeugenden Elemente auch dem Druck geschuldet, der auf Sagan lag. Als Erfolgsautorin musste sie schließlich hohen Erwartungen von Verlag und Publikum gerecht werden und schrieb in relativ kurzen Abständen zahlreiche Romane.

Zur Autorin: Francoise Sagan schrieb mit 18 Jahren den Welterfolg Bonjour Tristesse, kaufte sich einen Jaguar, spielte, trank, nahm Kokain und galt fortan als Protagonistin des französischen Existenzialismus. Sie verfasste Theaterstücke, Filmdrehbücher, Musiktexte und mehr als 40 Romane, die immer wieder auf den Bestsellerlisten standen. (Verlagsinformationen)

Francoise Sagan
Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Originaltitel: Un peu de soleil dans l`eau froide
Aus dem Französischen in neuer Übersetzung von Sophia Sonntag
Verlag ebersbach & simon, erschienen September 2014
Gebunden, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86915-092-5
24,00 Euro
www.ebersbach-simon.de


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Literatur

Beitrag vom 23.02.2015

Claire Horst 






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