Sarah Hildebrand - Chez soi / Zuhause. Texte und Zeichnungen / Texte et dessins - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 08.03.2015


Sarah Hildebrand - Chez soi / Zuhause. Texte und Zeichnungen / Texte et dessins
Jenny Oliveira

Die "Forscher-Sammlerin" dringt in ihrem künstlerischen Werk kreativ und verspielt in die Intimsphäre unserer vier Wände ein. In kleinen Geschichten beschreibt sie, was ein Zuhause ist und was das...




... alles mit uns selbst und unserer Identität zu tun hat.

"Chez-soi / Zuhause" stellt eine Sammlung von Kurzgeschichten dar, die ihrer Form oder ihrer Titel wegen an Gedichte erinnern. Denn die Texte tragen simple und unprätentiöse Titel, die zum Nachdenken einladen, Titel wie: "die Stadt", "das Zimmer l" und "das Zimmer ll". Diese unpersönlichen Benennungen stehen im starken Kontrast zu den kurzen Texten, die durch intime Details und ungewöhnliche Bekenntnisse überzeugen. Die Erzählungen und Gedanken nehmen oft nur ein halbe Seite ein und wie Gedichte stellen sie Denkanstösse dar.

Ein künstlerisches Werk

Das Buch wurde durch organische Zeichnungen in zwei Hälften, beziehungsweise in eine deutsche und eine französische, geteilt. Dadurch, dass eine Hälfte auf dem Kopf steht, ist es möglich, von beiden Seiten zu beginnen oder in der Mitte des Buches mit der eigentlich letzten Geschichte anzufangen. Diese künstlerische Form des Werkes spiegelt sich auch in den kreativen, originellen und privaten Details ihrer Charaktere wider. So auch in der Geschichte "Rebeccas-Listen". Diese beschreibt eine Person, die alle ihre Kleidungsstücke benennt: "Sie wusste, dass das Baum - T-Shirt in Form, Farbe und auch mit seinem Namen perfekt zu der Landschafts – Hose passte und der Ozean – Pulli nicht mit dem Zug – Rock harmonierte." Ein anderer Charakter schläft am liebsten nur in gelber Bettwäsche "Diese Farbe gab ihm Wärme, Ruhe und ein Sicherheitsgefühl, während Grün und Weiß ihm einen Eindruck von Leere vermittelten."

Was ist ein Zuhause?

Die Wohnung wird als ein Ort beschrieben, in dem geheime Schätze aufbewahrt werden, als Supermarkt oder als etwas, das ortsunabhängig ist und ein soziales Netz bedingt, wie sie das bei Roma-Familien beobachtet. Ein Atelier beschreibt sie als einen Raum, der der Kreativität, die in einem ist Platz macht raus zu kommen und sich zu entfalten. Der Körper hingegen bietet dem ganzen Selbst Möglichkeit in ihm zu wachsen und sich zu entwickeln:

"Mein Körper ist mein Haus und ich bewohne jetzt alle seine Räume". Dieses Verständnis wird durch die Zeichnungen illustriert, die das Buch in zwei Hälften teilen: Ein roter Faden umwickelt Organe und Zellstrukturen und gibt ihnen damit verschiedene Formen, die der freien Interpretation der LeserInnen unterliegen. Wichtig erscheint, dass der rote Faden mit jedem Bild mehr Organe und Zellstrukturen, also Teile des Körpers, zu umwickeln beziehungweise zu bewohnen scheint, bis schlussendlich der Faden weiter ins Nichts läuft.

Intimität und Identität

So dringt Sarah Hildebrand "wie eine Diebin in die Intimsphäre eines Unbekannten" ein. Das Zuhause, ein sehr persönlicher Raum, wird von ihr spielerisch gedeutet und hinterfragt: Wie tief darf frau/man in die Intimsphäre eines Verstorbenen eindringen oder darf frau/man gar seine Räumlichkeiten fotografieren? "Kann man einen Verstorbenen bestehlen?"

Mit der Frage, wie es denn möglich ist, Abwesenheit darzustellen, hat die Künstlerin sich bereits in ihrer Serie von Fotografien "Verlassene Orte / Lieux Delaisses" auseinander gesetzt. Sie befasst sich auch in "Zuhause / Chez soi" weiter mit der Frage, wann oder wie die Grenze der Intimsphäre überschritten wird. Eine solche Grenzüberschreitung beschreibt sie in "Zuhause / Chez soi" in "der Wandnachbar". Die darauffolgende Reaktion des Gegenübers ist die Stille als eine Art des Informationsentzuges und als eine Zurückweisung in die eigenen Schranken.

Es ist spannend, wie ähnliche Themen in diesen beiden Werken unterschiedlich behandelt werden. Anders als in "Verlassene Orte / Lieux Delaisses", wo sie mit Fotografien arbeitet, verwendet sie in "Zuhause / Chez soi" zwei unterschiedliche Medien: Texte und Zeichnungen. Damit ermöglicht sie eine andere Perspektive und Wahrnehmungsmöglichkeit.
Die verschiedenen Kurzgeschichten stellen das Zuhause als eine Metapher für einen Teil der Identität dar.

AVIVA-Tipp: Wie ist es, in der Haut der oder des Anderen zu sein, was sagen die Räumlichkeiten über eine Person aus, wie ist es, eine Nacht in ihrer / seiner Haut zu leben, in seinem / ihrem Bett zu schlafen und auf ihrem oder seinem Stuhl Kaffee zu trinken und wie viel verbirgt sich in diesen Dingen, wirklich von einem selbst? All diesen Fragen geht Sarah Hildebrand in "Zuhause / Chez soi" nach und hinterfragt dabei selbstkritisch stets ihre eigene Vorgehensweise. Wer "Verlassene Orte / Lieux Delaisses" bereits kennt, wird dieses Werk als wunderbare Erweiterung oder Ergänzung verstehen können.

Zur Künstlerin: Sarah Hildebrand wurde 1978 in der Schweiz geboren, hat ihre Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg abgeschlossen, wo auch ihr Atelier ist. Sie bezeichnet sich selbst als "mehrsprachige Künstlerin, als Forscher-Sammlerin", die sich vor allem dafür interessiert, wie Identität gebildet wird. Dafür benutzt sie kein bestimmtes Medium, sondern arbeitet mit Zeichnungen, Fotografien und Texten. Diverse Stipendien, Ausstellungen und Publikationen.
Die Künstlerin im Netz unter: www.sarah-hildebrand.com

Sarah Hildebrand
Chez soi / Zuhause

Texte und Zeichnungen / Texte et dessins
19 farbige Abbildungen, broschiert, 23 x 17 cm, 104 Seiten / pages
Christoph Merian Verlag, erschienen Januar 2014
ISBN 978-3-85616-628-1 (Deutschschweiz, Deutschland, Österreich)
ISBN 978-940377-61-9 (Romandie, Frankreich)
29 Euro
Weitere Infos:
merianverlag.ch

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Verlassene Orte / Lieux Délaissés . Fotografien von Sarah Hildebrand




Literatur

Beitrag vom 08.03.2015

AVIVA-Redaktion 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Rebekka Reinhard - Wach denken

. . . . PR . . . .

Wach denken von Rebekka Reinhards
Entschlossen sollen wir sein, lösungsorientiert, erfolgreich. Aber immer nur Erwartungen zu erfüllen, macht unfrei und unglücklich. Rebekka Reinhard gelingt ein philosophischer Befreiungsschlag: Leidenschaftlich, pointiert und schlau argumentiert sie für ein waches Denken.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-koerber.de

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer

. . . . PR . . . .

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer
Amelies fester Vorsatz, sich von der Liebe fernzuhalten, gerät ins Wanken, als sie auf einer Zugfahrt der zauberhaften Zazou begegnet … Ein Buch, das die komplizierte Krankheit Bipolarität nicht beschönigt, aber Hoffnung macht. Und uns manches Mal befreiend lachen lässt.
Mehr zum Buch und Bestellinfos: www.krugschadenberg.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur