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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.05.2015

Michèle Bernstein - Alle Pferde des Königs
Teresa Lunz

Ist Liebe ohne Treue einfacher als die klassische monogame Paarbeziehung? Die 24j√§hrige Genevi√®ve ist davon √ľberzeugt. Sie genie√üt die Unverbindlichkeiten in ihrem Leben ‚Äď vor allem mit Gilles. Bis..



... zu dem zu dritt mit Carole verbrachten Sommer, der ihre √úberzeugungen ins Wanken bringt.

Gilles und Genevi√®ve, ein junges Paar in Paris um 1950. Beide sind gebildet, k√ľnstlerisch begabt, jedoch zu tr√§ge, um ihr Talent zu nutzen, treiben zwischen fl√ľchtigen Aff√§ren, Partys und Spontanreisen in den warmen S√ľden dahin, und leben vom Geld der Familie. Die gemeinsame Clique besteht aus M√∂chtegern-K√ľnstler_innen: Hauptsache, es l√§sst sich in weinseliger Gesellschaft mit Ambitionen prahlen, ob nun im Gitarrenspiel oder im Verfassen melancholischer Gedichte. Eifersucht ist ‚Äď zumindest nach Au√üen hin ‚Äď kein Thema, Seitenspr√ľnge werden stillschweigend toleriert, auch Kritik wird nicht ge√ľbt und als Genevi√®ve "versehentlich" eine gereizte Nachfrage herausrutscht, sch√§mt sie sich dieses kindischen Fauxpas¬ī.

"Ich hatte Gilles nicht daran gew√∂hnt, solche Launen von mir zu erwarten. Die weibliche Schw√§che hatte ich immer den anderen √ľberlassen. Ich bem√ľhte mich, wieder in meine geordnete Welt zur√ľckzufinden, in der ich niemals ungem√ľtlich wurde, es sei denn aus gutem Grund und ohne es wirklich ernst zu meinen. Gilles gegen√ľber nie."

Mich√®le Bernstein, Mitbegr√ľnderin des Situationismus, bietet den Leser_innen gen√ľsslich auf die Spitze getriebene Negierung irgendeiner Form von Besitzanspruch auf den oder die Partner_in: Genevi√®ve gibt vor, Gilles¬ī neue, knapp 18j√§hrige Eroberung Carole ebenfalls zu lieben, um an dem unbefangenen Zusammensein der beiden teilzuhaben. Die Frage, ob Gilles mit Carole schl√§ft, erlaubt sie sich nicht ‚Äď in den Leser_innen kommt sie zwangsl√§ufig auf. Als Genevi√®ve bemerkt, dass Carole eine wichtigere Rolle spielt als die naiven Sch√∂nheiten vor ihr, droht sie, die Haltung zu verlieren. Sie verst√§rkt prompt die Ma√ünahmen, um Gilles zu zeigen, dass sie sich an seinem Gl√ľck freut, und geht eine Aff√§re mit ihrer 19j√§hrigen blondlockigen Partybekanntschaft Bertrand ein. Im gemeinsamen Strandurlaub mit Gilles und Carole spendet diese Tatsache indessen keinen Trost: Genevi√®ve f√ľhlt sich deplaziert. Die Situation wird f√ľr sie unertr√§glich, als Gilles und Carole von Saint-Paul aus allein weiterreisen und sie nur beil√§ufig informiert wird, als sie das Kofferpacken bemerkt. Genevi√®ve schl√§gt mit demonstrativem Enthusiasmus vor, den letzten Abend mit einer ausgiebigen Cocktailrunde zu feiern. √Ąu√üerlich genie√üt sie die improvisierte M√©nage √† trois mit dem nachgereisten Bertrand und dessen Gastgeberin H√©l√®ne. Alle scheinen sich leichthin in alle zu vergucken ohne weiter zu kategorisieren. Tiefe, ausschlie√üliche Liebe empf√§ngt und vergibt niemand, daf√ľr bleiben alle sorglos und frei in ihren Neigungen. Doch in Genevi√®ve keimt das uneingestandene Gef√ľhl der Verlorenheit: Woran soll sie noch ermessen, was sie ‚Äď und nur sie ‚Äď dem Liebhaber ist? Oder: Was er ihr sein darf? Sie erleidet f√∂rmlich den Zwang, st√§ndig wechselnde Aff√§ren eingehen zu m√ľssen, um f√ľr den Bohemien Gilles interessant zu bleiben.

"Ich mag keine traurigen, bewegenden Theaterst√ľcke. Ich mag fr√∂hliche Menschen, die keine Schwierigkeiten machen." Ist diese entspannte Lebenshaltung Genevi√®ves auf Dauer als Formel zum Gl√ľck tauglich?

Als jede vermeintliche Logik und jede menschliche Weisheit bezweifelnde Situationistin liefert Mich√®le Bernstein keinen klassischen Beitrag zum Genre Roman ‚Äď sie persifliert diesen. Ihre "Opfer" sind dabei vor allem Choderlos Laclos, der in "Liaisons dangereuses" schon 200 Jahre zuvor √ľber das F√ľr und Wider der freien Liebe nachsann, und die der eigenen Generation entstammende Erfolgsautorin Francoise Sagan. Bernsteins Romanfiguren sind sich der Tatsache bewusst, Romanfiguren zu sein und thematisieren dieses Wissen ‚Äď das allein bewirkt den Illusionsbruch der Leser_innen. "Alle Pferde des K√∂nigs" gibt keine Wahrheit, keine gelebte Erfahrung wider, es ist ein Spiel mit M√∂glichkeiten und Rollenmustern. Im ein Jahr sp√§ter publizierten "Die Nacht" geht Mich√®le Bernstein noch weiter: Sie beschr√§nkt sich darauf, die bekannte Handlung um Genevi√®ve und Gilles ins Futur zu setzen. Es wird klar: Der Roman ist ein gewolltes Konstrukt. Er enth√§lt ausschlie√ülich das, was die Autorin ihrer Laune folgend hineinschreiben m√∂chte, sein k√ľnstlerischer oder gar philosophischer Anspruch ist relativ. Und sein Verlauf allzu oft vorhersehbar.

Zur Autorin: Michèle Bernstein wurde 1932 in Paris geboren, studierte an der Sorbonne und traf ab 1952 in der Bar "Moineau" auf die Mitglieder der Lettristen und späteren Situationisten. 1954 heiratete sie Guy Debord und veröffentlichte Texte in Potlatch und Internationale Situationniste. 1960 publizierte sie, um, wie sie selbst berichtet, "Butter auf unseren Spinat zu kriegen", den Roman "Alle Pferde des Königs", ein Jahr später gefolgt von "La Nuit". Im Sinne der sie umgebenden Avantgarde verfolgte sie nicht das Ziel, ihr Publikum zu begeistern, sondern wollte den Zeitgeschmack parodieren. Offiziell trat Bernstein 1967 aus der Situationniste Internationale (SI) aus. Die Ehe zwischen ihr und Guy Debord wurde 1972 geschieden, dieser heiratete noch im selben Jahr Alice Becker-Ho. Michèle Bernstein heiratete einige Jahre später den englischen Situationisten Ralph Rumney und lebte selbst ab 1982 in England, heute wieder in Paris.
Mich√®le Bernstein liest am 14. Juni 2015 in der "Golem"-Bar in Hamburg aus "Alle Pferde des K√∂nigs", Monique Schwitter √ľbernimmt die Lesung deutscher Passagen.
(Quelle: Nachwort von Roberto Ohrt, Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Allein der innovative Ansatz macht "Alle Pferde des K√∂nigs" lesenswert. Die Charaktere sind nur fl√ľchtig gezeichnet, wirken unfertig, unausgepr√§gt. Ihre Geschichte will nicht r√ľhren oder mitrei√üen, schon gar keine Identifikation bewirken, sondern eher kritische Beurteilung von Au√üen herausfordern. Zumeist wird √ľberzogen-ironisch beschrieben, bis hin zu Caroles Art, wie ein Welpe zu tollen, wenn sie sich an der Sch√∂nheit des Strandes freut. Eher als ein Roman mit Tragkraft und Substanz gelingt letztlich ein interessantes literarisches Experiment, und genau dies lag in Mich√®le Bernsteins Absicht.

Michèle Bernstein
Alle Pferde des Königs

Originaltitel: "Tous les chevaux du roi"
Aus dem Französischen von Dino Beck und Anatol Vitouch
Mit einem Nachwort von Roberto Ohrt
Edition Nautilus Verlag, erschienen im Februar 2015
Gebunden mit Schutzumschlag, 125 Seiten
ISBN 978-3-89401-811-5
19,90 Euro
www.edition-nautilus.de

Interview mit Michèle Bernstein im Frieze Magazin (September 2013)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Francoise Sagan - Ein bisschen Sonne im kalten Wasser

Francoise Sagan - Ich glaube, ich liebe niemanden mehr

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Literatur Beitrag vom 05.05.2015 Teresa Lunz 





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