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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.07.2015

Edith Jacobson ‚Äď Gef√§ngnisaufzeichnungen. Herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold
Ramona Ambs

Ein Vierteljahrhundert lagen die Aufzeichnungen von Edith Jacobson bei Judith Kessler in der Schublade. Dann endlich fanden die Tagebuchnotizen, Gedichte und Analysen der j√ľdischen Psychoanalytikerin den Weg in die √Ėffentlichkeit. Sie erz√§hlen von ...



... der Angst, von Mut und der Hoffnung auf Freiheit.

1988 zum ersten, 1995 zum zweiten und 2005 zum dritten Mal hielt Judith Kessler ein schwarzes Heft aus dem Nachlass ihrer Mutter in den H√§nden und legte es wieder beiseite, ohne zu ahnen, dass die darin enthaltenen Aufzeichnungen von Edith Jacobson so bedeutsam waren. Texte und Gedichte aus dem Gef√§ngnis, in das Jacobson nach ihrer Verhaftung 1935 durch die Gestapo, wegen ihrer Mitarbeit in der sozialistischen Widerstandsgruppe "Neu Beginnen", gekommen war. Dreimal also hat Judith Kessler diese Aufzeichnungen wieder beiseite gelegt und nicht bemerkt, dass das Leben dieser Frau auch anderweitig mit ihrem verkn√ľpft war. Erst 2014, nach einem Gespr√§ch mit Roland Kaufhold, nachdem sie "Gott und die Welt" und dann eben auch Edith Jacobson, durch hatten, fiel Kessler das Heft wieder ein. Und diesmal sieht sie es durch: Es hat "64 Innenseiten, enth√§lt Gedichte mit vielen Korrekturen und Streichungen sowie einen kleinen Text und ist mit mindestens zwei verschiedenen Tinten und Stiften beschrieben. Zwischen den Seiten finden sich noch drei lose Bl√§tter und eine Art Aufsatz".

In den tagebuch√§hnlichen Aufzeichnungen geht es in den ersten Tagen der Haft vor allem um ein Gef√ľhl: Angst. Angst um sich und um die nahestehenden Menschen. Aber auch um den Erhalt der Widerstandskraft. Trotzige Tapferkeit spricht aus den Zeilen der Inhaftierten: "nun grade la√ü ich mich nicht unterkriegen. Innerer Schwur durchzuhalten um jeden Preis."
Später finden sich auch wissenschaftliche Analysen der eigenen Situation, Gedichte, Beschreibungen des Alltags, Kontakte mit der Zellengenossin Ilschen.

"Dass Schreiben eine rettende Kulturtechnik sein kann, ist gewiss nicht neu. Dennoch ber√ľhrt es mich, Wort f√ľr Wort zu entziffern, wie Edith Jacobson in ihren Notizen und Versen immer wieder quasi das eigene Ich des gestrigen Tages liest, mit ihm ¬Ľspricht¬ę und sich selbst und ihre Position dabei auch neu bestimmt." schreibt Judith Kessler dazu. Und dann forscht sie auch anderweitig zu Edith Jacobson, deren Nachlass sich andernorts ebenfalls aufzudr√§ngen scheint, denn weitere Gedichte aus dem Gef√§ngnis und lose Tagebuchnotizen liegen seit 1980 in der Washingtoner Congress Bibliothek. Und keine/r wei√ü, wie sie dahin gekommen sind. Auch von weiteren schwarzen Heften liest sie... und wie in einem spannenden Krimi erf√§hrt man nach und nach, was es mit diesen auf sich hat.

Im zweiten Teil des Buches gibt Roland Kaufhold einen biographischen √úberblick und ordnet die Bl√§tter und Schriften in das Gesamtwerk von Edith Jacobson ein: "Als sich die kleine Gruppe der Psychoanalytischen Linken in Berlin ab 1932 zu einer ¬ĽFraktion¬ę zusammenschlie√üt, mit regelm√§√üigen thematischen Treffen, beteiligt Edith Jacobson sich daran aktiv. Ihr politisches Bewusstsein als J√ľdin und Demokratin wird angesichts der realen Bedrohung geweckt. Sie schlie√üt sich der ¬Ľillegalen¬ę politischen Widerstandsgruppe ¬ĽNeu Beginnen¬ę an ..." Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo gibt es zahlreiche Reaktionen. Einige ihrer Kollegen sind besorgt und erschreckt, andere wiederum "insbesondere sofern sie keine Juden und insofern sie nicht pers√∂nlich bedroht waren, f√ľhlten sich offenkundig nicht durch die Entrechtung und Gef√§hrdung Jacobsons in ihrem Seelenleben gest√∂rt. Sie f√ľrchteten vielmehr, hierdurch nun selbst Gegenstand von direkten Verfolgungsma√ünahmen zu werden."

Im dritten Teil schlie√ülich sind die Abschriften des schwarzen Hefts zu lesen, kommt also Edith Jacobson auch selbst zu Wort. "Seele, Seele, warum senkst Du/ deine Fl√ľgel traurig nieder/ nicht ein Traumgedicht noch schenkst du/ u. verstummt sind deine Lieder." lautet etwa die erste Strophe des Gedichts Traurig. Und die anschlie√üenden Faksimiles zeigen die Aufzeichnungen aus dem schwarzen Heft und machen deutlich, wie viel Arbeit es gewesen sein muss, diese handschriftlichen Notizen zu entziffern und abzuschreiben. Aber es hat sich gelohnt. Denn die Texte vervollst√§ndigen einerseits das Bild von Edith Jacobson, und stehen andererseits so eingebettet auch f√ľr sich alleine, als Zeugnis einer wunderbaren willensstarken Frau.

1938 gelang Edith Jacobson aus einem j√ľdischen Krankenhaus in Leipzig die Flucht √ľber Prag nach Amerika. Dort wurde sie Mitglied und Lehranalytikerin der renommierten "New York Psychoanalytic Society and Institute", ab Mitte der 1950er Jahre war sie Vorsitzende der Vereinigung und ver√∂ffentlichte Publikationen wie "Das Selbst und die Welt der Objekte". Edith Jacobson starb 1978 in den USA.

AVIVA-Tipp: Auf rund 250 Seiten findet frau/man in den "Gef√§ngnisaufzeichnungen", herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold, das Portrait und die authentische Stimme der j√ľdischen Psychoanalytikerin Edith Jacobson. Mit Gedichten, Analysen und Tagebucheintr√§gen von Edith Jacobson einerseits und den Erz√§hlungen rund ums schwarze Heft von Judith Kessler andererseits wird ein Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen.

Zu den HerausgeberInnen:

Judith Kessler
, Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin. Studien und Publikationen zur j√ľdischen Gegenwartskultur, sowjetisch-j√ľdischen und israelischen Migration sowie Biografieforschung. Daneben √úbersetzungen aus dem Polnischen und Jiddischen. Au√üerdem ist sie im Vorstand der Stiftung ZUR√úCKGEBEN, zur F√∂rderung J√ľdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft.


Roland Kaufhold, Dr. phil., Publikationen zur psychoanalytischen Emigrationsforschung und zur j√ľdischen Identit√§t nach der Schoa, u.a. Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors (Hg. 2014), J√ľdische Identit√§ten in Deutschland nach dem Holocaust (Mithg. 2012), Bettelheim, Ekstein, Federn (2001), Deutsch-israelische Begegnungen (Mithg. 2001)




Edith Jacobson
Gefängnisaufzeichnungen

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse
Psychosozial-Verlag, erschienen im Juli 2015
Mit einem Vorwort von Hermann Simon, herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold
247 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm
ISBN-13: 978-3-8379-2513-5
EUR: 29,90
www.psychosozial-verlag.de

Mehr Literatur zu Edith Jacobson



Ulrike May, Elke M√ľhlleitner (Hg)
Edith Jacobson
Sie selbst und die Welt ihrer Objekte

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse
Psychosozial-Verlag, erschienen 2005
ISBN-13: 978-3-8980-6080-6, Bestell-Nr.: 1080
EUR: 39,90
www.psychosozial-verlag.de

"GeDenkOrt.Charité - Wissenschaft in Verantwortung" hat Edith Jacobson eine Seite gewidmet. Mehr unter:
gedenkort.charite.de

Mehr Recherchearbeiten von Judith Kessler auf AVIVA-Berlin:


1,55 Meter groß, dunkelbraune Haare ... Wie man eine Mutter findet und andere Überraschungen

Judith Kessler: Familie aus Papier - Hanacha Meyerowitz

Judith Kessler - Lotte. Seit heute bin ich Palästinenserin


Foto von Judith Kessler: Sharon Adler



Literatur Beitrag vom 07.07.2015 AVIVA-Redaktion 





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