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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 17.08.2015

Annemarie Weber - Roter Winter
Doris Hermanns

Das erstmals 1969 erschienene Werk der Berliner Schriftstellerin erzählt die Geschichte von Lili Lewinsky aus ihrem vorherigen Roman "Westend" zur Zeit der beginnenden StudentInnenbewegung weiter.



West-Berlin in den 1960er Jahren. Lili Abelssen, wie die Protagonistin inzwischen heißt, ist jetzt um die fünfzig, verheiratet, hat zwei Söhne, einen gutgekleideten Ehemann, ist Wohnungsmaklerin und bewegt sich in der Modebranche. Daneben hat sie eine Schwäche für schlecht gekleidete radikale Männer, mit denen sie sich immer auf neue Liebschaften einlässt, ist es doch auch die Zeit der "freien Liebe". Aber ihr Gesetz lautet: "Verliere deinen Mann nicht!" Und schnell wird deutlich, alles andere ist nur Spiel, ihre Ehe darf nicht in Frage gestellt, nicht zerstört werden, denn "ihre Ehe, dieses große Unternehmen, musste geschützt, erhalten, gepflegt werden". Deutlich wird dies auch in der Struktur des ursprünglich 1969 erschienenen Romans, damals noch mit dem passenden Untertitel "Zwischenspiele einer Ehe" der im Frühjahr 2015 im AvivA Verlag neu aufgelegt wurde. Nach jedem Kapitel folgt die Beschreibung eines abendlichen "Spiels", bei dem Abelssen mit ihrem Mann darum spielt, wie ihr Leben weitergehen könnte. Sie verlieren sich in Fantasien, alles haben sie schon durchgespielt, bevor sie es leben, so z.B. wie sie auf ihre jeweiligen Liebhaber bzw. Liebhaberinnen zurückblicken werden, wobei sie im Wesentlichen sich selber auch unter widrigsten Umständen wiederfinden.

Aber es wären nicht die "wilden Sechziger", wenn es nicht auch um die StudentInnenproteste, um Aktionen, um Diskussionen über die politische Situation gehen würde, mit denen die beiden immer wieder in Berührung kommen. Es ist ein Zeitbild der geteilten Stadt nach dem Krieg. Links sein ist chic, aber keine Überzeugung für sie. Neugierig nimmt sie wahr, was um sie herum geschieht, nimmt auch teil, wenn auch nur am Rande. Denn es wird auch immer wieder deutlich, dass dies nicht die Welt der Lili Abelssen ist, Marx will sie nicht lesen, auf eine erste Demonstration geht sie nur, weil ein ehemaliger Liebhaber zusammengeschlagen wurde, und immer wieder distanziert sie sich. Sie stellt klar, dass sie zwar mit Einzelnen zu tun haben will – wie eben mit ihren Liebhabern – aber nicht mit radikalen Aktionen. Zusammen sind ihr die politisch denkenden und handelnden Radikalen unheimlich. Und unterhalten kann sie sich eh mit ihrem Mann besser, denn ohnehin "nur von ihm, Richard, bekam sie, was sie wirklich wünschte". Sobald sie auch nur in die Gefahr gerät, sich auf etwas einzulassen, wird sie von ihm "zurückgeführt", wofür sie ihm dankbar ist, denn: "Dies sei nunmal ihre Welt, und sie werde sich für sie niedermetzeln lassen, würde sie je bedroht". Aber auch sie merkt, dass die Welt sich verändert, wenn sie feststellt: "Die großen Damen sind doch aber passé, Damen sind höchstens große Damen, wenn sie ihre Garderobe selbst verdienen." Dies ist eher ihr Stil, eher ihre Welt.

Es sind zum Teil befremdliche Szenarien, die die Autorin in diesem Roman beschreibt. Sie reichen von ersehnten Beleidigungen bis zu Unterwerfungsphantasien. Dies gilt auch für die Art und Weise, wie sie über Menschen redet, die nicht zu ihrem sozialen Umfeld gehören, so nennt sie Menschen, die in zweiten Hinterhäusern leben, "Wesen, die sie als Menschen wahrzunehmen nicht fähig war" und beschreibt Zuchthäuser für Frauen als die reinsten Schönheitsfarmen. Überheblichkeiten sind bei ihr an der Tagesordnung, auch wenn sie elitäre Gesinnung ablehnt. Der Roman ist durchsetzt von Zynismen und "abgebrühten Sentimentalitäten", wie der Literaturkritiker Erhard Schütz so treffend in seinem Nachwort schreibt.

Und dann wundert es, gegen Ende zu lesen: "Wir haben uns doch auf nichts anderes spezialisiert. Wir können gar nicht anders als glücklich sein."

AVIVA-Tipp: Der Roman Roter Winter bietet einen Einblick in das West-Berlin der 1960er Jahre zwischen linken Bewegungen und der Bourgeoisie, zwischen Empfängen und Demos, zwischen Beziehungen und Zeitgeschichte, wobei deutlich ist, für welches Leben sich die Protagonistin im Zweifelsfalle entscheiden würde. Was politischen Aktivismus betrifft, bleibt es immer der Blick von außen.

Zur Autorin: Annemarie Weber wurde 1942 in Berlin geboren. Sie arbeitete als Buchhändlerin und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von 1945 bis 1948 als Dolmetscherin bei der britischen Militärregierung in Berlin. Anschließend war sie als Journalistin, Redakteurin, Lektorin und Schriftstellerin tätig. In zweiter Ehe war sie mit dem Schriftsteller Rudolf Lorenzen verheiratet und avancierte zu einer festen Größe der Berliner Bohème. Seit den 1960er Jahren veröffentlichte sie zahlreiche Kurzgeschichten und Romane. 1962 erhielt Annemarie Weber den Literaturpreis Junge Generation der Stadt Berlin. Ihren Durchbruch als Schriftstellerin erlangte sie 1966 mit dem viel gelobten Roman "Westend". Drei Jahre später erschien ihr Roman "Roter Winter", der die verschiedenen Strömungen der 1960er Jahre porträtiert und autobiografische Züge trägt. Annemarie Weber starb 1991 in Berlin. (Verlagsinformationen)
Ihr Nachlass, das "Annemarie Weber Archiv" befindet sich in der Akademie der KĂĽnste: www.adk.de


Annemarie Weber
Roter Winter

AvivA Verlag, 1. Auflage erschienen 2015
Gebunden. 350 Seiten, mit Lesebändchen
Mit einem Nachwort von Erhard SchĂĽtz
ISBN 978-3-932338-67-0
Euro 19,90
www.aviva-verlag.de

Weiterlesen: Annemarie Weber – "Westend"

www.aviva-verlag.de



Literatur Beitrag vom 17.08.2015 Doris Hermanns 





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