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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.08.2015

Regina Steinitz mit Regina Scheer - Zerst├Ârte Kindheit und Jugend. Mein Leben und ├ťberleben in Berlin. Herausgegeben von Leonore Martin und Uwe Neum├Ąrker
Angelina Boczek

Die "Stiftung Denkmal f├╝r die ermordeten Juden Europas" gibt die "Zeitzeugenreihe" heraus, in der Holocaust-├ťberlebende zu Wort kommen, von denen viele erst im hohen Alter von dem traumatisch..



... Erlebten ihrer Kindheit und Jugend berichten k├Ânnen.

Dazu geh├Âren auch die Lebenserinnerungen von Regina Steinitz, die zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Ruth in Berlin ├╝berleben konnte.

Wie f├╝r die meisten der inzwischen schon ├╝ber 80-J├Ąhrigen Verfolgten der NS-Zeit die in jener Zeit Kinder waren, ist es sehr schwer, sich all die Ausgrenzungen, Bedrohungen, Dem├╝tigungen und Gewaltt├Ątigkeiten wieder vor Augen zu f├╝hren, so auch f├╝r Regina Steinitz: "Ich habe viele Jahrzehnte gebraucht, um ├╝ber meine Kindheit sprechen zu k├Ânnen. Erst mit ├╝ber 80 Jahren entschloss ich mich, meine Erinnerungen oder doch einen Teil davon zu ver├Âffentlichen ÔÇô zum Gedenken an unsere Eltern und Br├╝der sowie an alle mutigen Menschen, die uns halfen zu ├╝berleben. Vor allem aber zur Erinnerung an alle die, deren Leben gewaltsam beendet wurde."

Als die Zwillinge 1930 geboren wurden, hatten sie bereits zwei Br├╝der aus der Ehe ihrer ehemals christlichen Mutter Martha Rajfeld, die wegen ihrer Heirat mit dem j├╝dischen Fotografen Moritz Rajfeld zum Judentum ├╝bergetreten war. Rajfeld starb fr├╝h an Tuberkolose. Es gab aber im Fotoatelier den Gehilfen Simon Welner, der der Vater der (unehelichen) Zwillinge wurde und auch f├╝r die beiden Rajfeld┬┤schen S├Âhne Theo und Benno lebenslang Vater blieb.

Die Familie wohnte in Berlin-Mitte, in der Auguststra├če, die Kinder besuchten den j├╝dischen Kindergarten und die j├╝dische Volksschule in der Rykestra├če.

Dass Regina Steinitz sich teilweise sehr genau an ihre ersten Kinderjahre erinnern kann, liegt nicht zuletzt daran, dass ihr Vater Simon Welner die Kinder oft fotografierte und diese Fotos mitnahm, als er Anfang 1938 Deutschland verlassen musste. Sein in den USA lebender Bruder Aaron erwirkte f├╝r ihn eine amerikanische Einreisegenehmigung. Einige dieser geretteten Kinderfotos sind in dem Buch zu sehen. Dass der Vater ausreisen konnte, war zun├Ąchst von Vorteil, da die Hoffnung bestand, Mutter und Kinder nachzuholen ÔÇô leider erf├╝llte sich dieser Wunsch nicht. Erst 18 Jahre sp├Ąter sahen die M├Ądchen ihren "geliebten" Vater wieder: "Andere Menschen haben uns oft verst├Ąndnislos gefragt: Wie konnte euer Vater die Familie verlassen und nur sich selbst retten: - Die haben nicht begriffen, was f├╝r eine Zeit das war, in welcher Gefahr ein Ostjude ohne Arbeitserlaubnis damals war. ... Deshalb waren wir bei aller Traurigkeit froh, dass es meinem Vater gelang zu entkommen. Nat├╝rlich war es schmerzhaft. Ich sehe ihn noch vor mir, er stand vor uns, seinen P├╝ppchen, und weinte bitterlich. Niemals zuvor haben wir unseren Vater weinen sehen. Er umarmte und k├╝sste uns, konnte sich nicht losrei├čen. ... wir waren noch keine acht Jahre alt."

Dass ein Jahr sp├Ąter, 1939, die Mutter mit nur 34 Jahren auch an Tuberkolose starb, war f├╝r ein weiterer Schlag f├╝r die bislang beh├╝tet aufgewachsenen Kinder. Die M├Ądchen wurden von den schon ├Ąlteren Br├╝dern getrennt und es begann eine Odyssee. Zun├Ąchst kamen sie in das J├╝dische Kinderheim Fehrbelliner Stra├če. Regina und Ruth konnten dort Freundschaften schlie├čen und immerhin weiter die Schule besuchen. Auch gab es aufopferungsvolle Erzieherinnen, die das Schicksal der Kinder milderten.

Ab 1942 wurden jedoch j├╝dische Kinderheime, Schulen und andere Einrichtungen geschlossen, die beiden M├Ądchen landeten in Pflegefamilien und weiteren Heimen, unter anderem in dem brandenburgischen Ort Caputh.

Da Regina und Ruth zu dieser Zeit viel bewu├čter die Ereignisse um sich herum zu deuten wu├čten, sie waren jetzt zw├Âlf Jahre alt, wuchsen auch die ├ängste und Sorgen vor der Zukunft. Durch einen Zufall, der zusammenhing mit dem vorherigen christlichen Status der Mutter Martha Rajfeld, bestand deren Bruder Robert darauf, dass weder Mutter noch Kinder j├╝discher Herkunft seien, eine vollst├Ąndige ├ťberpr├╝fung der Geburtsurkunden unterblieb. So entfernte er den gelben Stern auf der Kleidung der beiden und brachte sie unter in seiner eigenen Familie: Regina blieb bei Onkel Robert und der Tante (an die Regina ungute Erinnerungen hat, die sie in dieses Buch nicht einflie├čen lie├č, zu schrecklich m├╝ssen die sein...): "Bis zur Befreiung lebten wir in Todesangst. Jedes Klopfen an der T├╝r lie├č unser Herz stillstehen. ... Nur das kleine Kind meiner Tante, um das ich mich k├╝mmerte, war mir ein Trost. Und Ruth. Aber wir waren zum ersten Mal getrennt und jede musste allein mit allem fertigwerden", denn die Schwester Ruth kam zur Oma, bei der sie es besser hatte, als Regina bei der Tante, die nie mit Namen erw├Ąhnt wird.

Es folgen Schilderungen von Bombardierungen, von weiteren Gestapoverfolgungen: "... alles war von Angst durchtr├Ąnkt". Dass die Geschwister von den ber├╝chtigten "Zwillings-Experimenten" bedroht waren, haben sie zum Gl├╝ck nicht vor Augen gehabt. Auch das Ende des Grauens und des Krieges schildert Regina Steinitz anschaulich, denn f├╝r die M├Ądchen war l├Ąngst nicht alles ausgestanden, so hei├čt dieses Kapitel denn auch: Angst und Befreiung.

Die weiteren Kapitel lauten: Neuanfang, Nachricht von den Lebenden, Nach Israel, Ankuft im Kibbuz, Aufbruch in den Alltag, Erinnerungsarbeit.
Berichte wie diese, von einer noch lebenden Augenzeugin, k├Ânnen einmal mehr dazu verhelfen, dass Begriffe wie "V├Âlkermord", "Judenverfolgung", "Holocaust" nicht abstrakt bleiben sondern die immer noch unfassbaren (!) Greueltaten, mitten in Berlin, begreifbarer machen.

AVIVA-Tipp: Die Mit-Autorin Regina Scheer erstellte das Manuskript auf sehr einf├╝hlsame Weise, der Text ist sinnreich gegliedert und l├Ą├čt sich wunderbar lesen, denn es gab von Regina Steinitz selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen. Vielmehr waren zwei lange Interviews die Grundlage f├╝r dieses Buch, welches selbstverst├Ąndlich autorisiert wurde. Erg├Ąnzt durch Archivrecherchen und Nachwort in der ├╝beraus preiswerten Ausgabe der "Zeitzeugenreihe", die von der Beauftragten der Bundesregierung f├╝r Kultur und Medien gef├Ârdert wird.

Regina Steinitz mit Regina Scheer
Zerst├Ârte Kindheit und Jugend. Mein Leben und ├ťberleben in Berlin. Herausgegeben von Leonore Martin und Uwe Neum├Ąrker

Berlin, 2014. Stiftung Denkmal f├╝r die ermordeten Juden Europas.
175 Seiten mit Abbildungen in Farbe und Schwarzweiss. Klappbroschur.
ISBN 978-3-912240-16-1
Schutzgeb├╝hr: ÔéČ 7,49 zzgl. Versandkosten
Erh├Ąltlich im Ort der Information (Denkmal f├╝r die ermordeten Juden Europas), im Buchhandel und unter info@stiftung-denkmal.de

Mehr Informationen unter:

www.stiftung-denkmal.de

Die Jugendwebsite "Kinder und Jugendliche als Opfer der NS-Verbrechen":
www.stiftung-denkmal.de/jugendwebsite

Die deutschsprachigen Seiten von Yad Vashem:
www.yad-vashem.de

Yad Vashem The Holocaust Martyrs┬┤ and Heroes┬┤ Remembrance Authority:
www.yad-vashem.org.il

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sprechen trotz allem - Interviewprojekt mit ├ťberlebenden des Holocaust ist online (2014). Die von der Stiftung Denkmal f├╝r die ermordeten Juden Europas erarbeiteten Bildungsangebote richten sich an Schulklassen und Jugendgruppen. Online verf├╝gbar sind die ZeitzeugInneninterviews in einer daf├╝r eingerichteten Datenbank.

AHAWAH. Das vergessene Haus. Eine Spurensuche in der Berliner Auguststra├če. Die Publizistin, Historikerin und Herausgeberin Regina Scheer macht die vergessene Geschichte ihres einstigen Schulhauses lebendig. (Aufbau-Verlag Neuauflage 2004)

Regina Scheer ÔÇô "Im Schatten der Sterne" Eine j├╝dische Widerstandsgruppe, Aufbau-Verlag 2004. Regina Scheer folgt den Spuren einer j├╝dischen Widerstandsgruppe in Berlin, deren Mitglieder gegen das nationalsozialistische Regime k├Ąmpften und dabei ihr Leben riskierten

Regina Scheer "Max Liebermann erz├Ąhlt aus seinem Leben". Die Liebermann-Biografin zeichnet kenntnisreich das wechselvolle, kreative Leben des K├╝nstlers nach. Das Original-Tondokument seines Vortrags, den der Deutschlandsender am 13. April 1932 sendete, begleitet ihre Aufzeichnungen. Neben den Reden, die er als Pr├Ąsident der Preu├čischen Akademie gehalten hat, war dies seine letzte Rundfunksendung.
Verlag f├╝r Berlin-Brandenburg, 2011

Versuche dein leben zu machen. Als J├╝din versteckt in Berlin, Margot Friedlander mit Malin Schwerdtfeger.

Interview mit Ursula Mamlok Nach weit ├╝ber 60 Jahren kehrte die Komponistin Ursula Mamlok 2006 in ihre Geburtsstadt Berlin zur├╝ck. Nicht nur in den USA z├Ąhlt sie zu den profiliertesten Musikschaffenden der radikalen Moderne.

Regina Scheer ÔÇô Machandel Ein knappes Jahrhundert (ost)deutscher Geschichte erschlie├čt der Deb├╝troman der Kulturwissenschaftlerin Regina Scheer mit seiner Familiensaga um ein mecklenburgisches Dorf namens Machandel und der Lebensgeschichte der Doktorandin Clara Langner, die dem alten M├Ąrchen vom Machandelbaum nachsp├╝rt.



Literatur Beitrag vom 29.08.2015 Angelina Boczek 





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