Brigita Jeraj - Tendenzen der female Gothic fiction im 20. Jahrhundert - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 03.09.2015


Brigita Jeraj - Tendenzen der female Gothic fiction im 20. Jahrhundert
Britta Meyer

In ihrer Promotionsarbeit inspiziert die Literaturwissenschaftlerin Jeraj die bekanntesten Arbeiten einer der berühmtesten AutorInnen moderner Schauergeschichten. Bevor Hitchcock und Roeg ihre...




... Worte in Bilder übersetzten, waren Daphne du Mauriers Geschichten längst Klassiker der gothic fiction.

Doch was hat "gothic" als Genre mit Geschlechterforschung zu tun? Im Grunde alles, was eine gute Gruselgeschichte ausmacht: die erzählerische Verhandlung von Sex, Tod und Wahnsinn, entstanden zu Zeiten, in denen über diese Themen eigentlich nicht gesprochen werden durfte – schon gar nicht von Frauen. Umso bezeichnender, dass die berühmtesten dieser Geschichten seit über hundert Jahren von Autorinnen verfasst wurden.

Bewährte Zutaten einer guten gothic story sind eine unschuldige Heldin, ein schauriger Ort (meist ein altes, abgelegenes Haus), sinistre DienstbotInnen, die mehr wissen, als sie zugeben, Isolation inmitten einer einsamen Landschaft und ein gut aussehender Mann mit mindestens einem finsteren Geheimnis in seiner Vergangenheit.

Stammt eine der wegweisendsten Geschichten der Schauerliteratur mit Charlotte Brontës Jane Eyre noch aus dem 19. Jahrhundert, so haben seitdem zahlreiche Autorinnen die wiederkehrenden Motive des Genres aufgegriffen, ihnen moderne Wendungen verliehen und neue Nuancen hinzu gefügt. Die Perspektive der meist weiblichen ProtagonistInnen wird dabei oft durch einen Erzählstil aus der ersten Person heraus verstärkt, welche die Lesenden den Handlungsverlauf ganz durch deren Augen erleben lässt.

Daphne du Maurier als Angelpunkt der female Gothic fiction

In Tendenzen der female Gothic Fiction im 20. Jahrhundert nimmt Brigita Jeraj eine der prägnantesten Autorinnen des Genres in den Fokus: Daphne du Maurier, deren Erzählungen als sorgfältig komponierte Gruselklassiker für sich stehen und Verfilmungen inspiriert haben, welche wiederum die Filmlandschaft für immer geprägt haben.

Als Beispielmaterial ihrer Ausführungen wählt Jeraj du Mauriers berühmteste Geschichten (Wenn die Gondeln Trauer tragen, Die Vögel, Jamaica Inn und Rebecca), stellt ihnen eine Sammlung weiterer Stories des weiblichen modern gothic vergleichend gegenüber und betrachtet abschließend die Übertragungen von du Mauriers Texten auf Hollywoods Leinwände. Die Stories werden in Inhalt und Charakteren kurz skizziert. Jeraj betont dabei die Selbständigkeit und Überlebensfähigkeit der Protagonistinnen unter isolierten und extrem bedrohlichen Umständen, steuert jedoch kaum Analysen bei, welche eine spezifisch feminine Erzählperspektive näher ausloten. Sie beschränkt sich darauf, Sigmund Freuds Konzept des Unheimlichen und Tania Modleskis Anwendung desselben auf zeitgenössischen Horror zu referieren – Erklärungsansätze, die den Leidensweg der Heldin lediglich als Ablösung von einer Mutterfigur deuten.

Rebecca war mehr als nur ein Bösewicht

Wenn Jeraj die Figur der Rebecca als geisterhaft böse Präsenz und echte gothic villainess beschreibt, die noch aus dem Grab heraus versucht, das Leben ihrer Nachfolgerin zu zerstören, geht sie darauf ein, dass Rebecca als Strafe für ihre Unabhängigkeit und freie Sexualität ermordet wurde. Gleichzeitig ignoriert sie aber sowohl die selbst gewählten Umstände ihres Todes, als auch sorgfältig im Text platzierte Andeutungen von Rebeccas queerness. Obwohl Jeraj ausführlich die Schauerelemente in Jane Eyre besprochen hatte, behandelt sie später auch nicht die starken Parallelen zwischen Rebecca und Bertha Mason. Beide sind die dunklen Geheimnisse des Plots, verstoßene erste Ehefrauen, gefangen in Häusern, die am Ende niederbrennen – und beide sind den Lesenden nur durch Beschreibungen ihrer Ehemänner bekannt.

Autorinnen von gothic stories des 20. Jahrhunderts, die sich in Jerajs Arbeit mit du Maurier vergleichen lassen müssen, sind unter anderem Größen eigenen Kalibers. Shirley Jackson, Angela Carter, Emma Tennant und Margaret Atwood werden mit einigen ihrer besten Geschichten und ihrer jeweiligen Spezialität des Genres heran gezogen. Jackson gehören hierbei beispielsweise der sich langsam im Innern ihrer Protagonistinnen ausbreitende Wahnsinn und die Abgründe hinter einer bürgerlichen Fassade, Carter die radikalen Neuinterpretationen klassischer Märchen.

Wo ist Toni Morrison?

Wenn Jeraj die wichtigsten Genre-Subkategorien der amerikanischen und englischen Schauerliteratur behandelt und dabei auch die beliebte southern gothic fiction nicht vergisst, fällt umso mehr auf, was sie auslässt: Toni Morrisons Geistergeschichte von Sklaverei, Trauma, Wahnsinn und Trauer, Menschenkind. Eine Sammlung der bekanntesten Beispiele des Genres zu besprechen und dabei ein Werk wie Menschenkind schlicht zu ignorieren, fühlt sich unvollständig und falsch an.

AVIVA Fazit: Jeraj konzentriert sich in ihrer Skizzierung der female Gothic fiction fast ausschließlich auf die Arbeiten Daphne du Mauriers und erwähnt ebenso bedeutende Autorinnen des Jahrhunderts nur in Bezug auf und im Vergleich zu diesen. Fans von du Mauriers Erzählwelt kommen dabei auf jeden Fall auf ihre Kosten.

Zur Autorin: Brigita Jeraj, studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg, München und Ljubljana. 2007 erschien ihre Studienarbeit "Film, Variation und Übersetzung - Perspektiven für den DaF-Unterricht", "Tendenzen der female Gothic fiction im 20. Jahrhundert" ist ihre Promotionsarbeit im Fach Englische Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.


Brigita Jeraj
Tendenzen der female Gothic fiction im 20. Jahrhundert

Erschienen Juni 2015 im Verlag Königshausen & Neumann
Paperback, 352 Seiten
ISBN: 978-3-8260-5652-9
Preis: 48,- Euro
www.verlag-koenigshausen-neumann.de


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Beitrag vom 03.09.2015

Britta Meyer 






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