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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.11.2015

Charlotte Roche - M├Ądchen f├╝r alles
Christina Mohr

Vier Jahre nach ihrem letzten Buch "Scho├čgebete" hat Charlotte Roche nachgelegt: "M├Ądchen f├╝r alles" hei├čt der neue Roman, dem automatisch und von vornherein ebensoviel Skandal-Potenzial...



... attestiert wurde wie Roches Deb├╝t "Feuchtgebiete".

Derzeit ist frau jedoch besser beraten, Interviews mit Charlotte Roche wie zum Beispiel in der November-Ausgabe von Galore zu lesen: Dort pr├Ąsentiert sich Roche als furchtlose, witzige, nachdenkliche und zuweilen paradoxe Gespr├Ąchspartnerin, die "sich rein gar nichts vorstellen kann, wor├╝ber man schweigen sollte". Das klingt prima, ein bisschen aufr├╝hrerisch und gewohnt tabubrechend, wie Roche es in ihren beiden fr├╝heren ber├╝chtigten Romanen vorexerzierte.

Und auch "M├Ądchen f├╝r alles" kratzt durchaus an Tabus unserer Gesellschaft: Ich-Erz├Ąhlerin Christine Schneider (bemerkenswert: Chrissies Blickwinkel wird kein einziges Mal verlassen. Wir lesen die gesamte Story durch ihre Brille, sozusagen) hat Haus, Mann und kleines Kind ÔÇô und ist mit allem komplett ├╝berfordert, obwohl (oder weil) sie momentan nicht lohnarbeitet. Frau k├Ânnte rasch bei der Hand sein, Christine eine schlechte Mutter zu nennen, weil es schlicht und einfach nicht geht, nicht erlaubt ist, sich vors├Ątzlich nicht ums Kind zu k├╝mmern, alle Sorge dem Vater zu ├╝berlassen, stattdessen biertrinkend TV-Serien glotzen, sich mutwillig selbst verletzen, um sich nicht k├╝mmern zu m├╝ssen ÔÇô oh ja, so wie sich Christine (nicht) verh├Ąlt, darf eine Mutter nicht sein. Oder? Das Ausgangssetting ist von Roche schon mal gut gew├Ąhlt, und gerade zu Beginn des Romans dr├Ąngt sich beim Lesen der Gedanke auf, "M├Ądchen f├╝r alles" k├Ânne neben Anke Stellings "Bodentiefe Fenster" ein ebenb├╝rtiger, ebenso bitterer Kommentar zur Lebensrealit├Ąt der sogenannten "Bionade-Boheme" sein: Die schonunglose Offenlegung der Probleme einer Schicht, die oberfl├Ąchlich betrachtet gar keine Probleme haben sollte.

Dass dem nicht so wird, ├Ąndert sich mit dem Auftreten der titelgebenden Figur: dem "M├Ądchen f├╝r alles", sprich der Kinderfrau und Haushaltshilfe Marie, die Christines ebenfalls ├╝berforderter Ehemann (von dem wir nicht viel erfahren, er bleibt meist wortlos anklagende, k├╝mmernde H├╝lle) anstellt. Christines Slacker-Dasein gewinnt an Auftrieb, sobald Marie im Haus ist: Manisch plant sie die Verf├╝hrung der unbedarften, sch├Ânen Studentin ÔÇô die entsprechenden Masturbationsphantasien haben kaum etwas mit fr├╝heren Ausf├╝hrungen zu Blumenkohl-H├Ąmorrhoiden oder Sex mit Avocadokernen zu tun. Das ist v├Âllig okay, warum auch sollte die Autorin nur um der Sensation willen die Skandal-Spirale weiter- und ├╝berdrehen? Es ist nur so, dass gerade der Teil der Geschichte, der besonders intensiv und saftig (Verzeihung) zu werden verspricht, blass und uninspiriert wirkt. Ganz so, als verl├Âre Roche auf halber Strecke buchst├Ąblich die Lust am eigenen Projekt. Was genau wollte Christine nochmal von Marie? Und warum? Zunehmend unmotiviert streift frau mit der unabl├Ąssig koksenden Chrissie und Marie weiter durch die haneb├╝chenen Irrungen und Wirrungen des Romans, der am Schluss in den ultimativen Tabubruch m├╝ndet: den Elternmord. Irgendwo in der Mitte des Romans tauchen sie schon mal auf, die geschiedenen Eltern, die Christine durch ihre Streitereien das jugendliche Leben zur H├Âlle machten. Doch Anfang und (ohnehin nur phantasierter, also gar nicht so tabuloser) Schluss wirken merkw├╝rdig unverbunden. "M├Ądchen f├╝r alles" verzettelt sich, tragischerweise. Ausgerechnet deswegen, weil die unerschrockene Charlotte Roche sich diesmal vor allzu kompromisslosem Schreiben scheut.

AVIVA-Tipp: Es ist sicher falsch, aufgrund fr├╝herer Werke einer Autorin gegen├╝ber eine Erwartungshaltung aufzubauen ÔÇô andererseits wurde diese Haltung in wenigen F├Ąllen so stark gesch├╝rt wie bei Charlotte Roches aktuellem Roman. Dieser kann also nur abfallen im Vergleich zu den Vorg├Ąngern "Feuchtgebiete" und "Scho├čgebete". Charlotte Roche als Autorin ad acta zu legen, ist allerdings gewiss genauso falsch: Sie hat nach wie vor den unbestechlichen Laserblick f├╝r alles, was schmerzt und wor├╝ber gesprochen/geschrieben werden muss. Bleibt zu hoffen, dass "M├Ądchen f├╝r alles" nur ein kleiner H├Ąnger in ihrem Schaffen ist.

Zur Autorin: Charlotte Roche, 1978 in High Wycombe, Gro├čbritannien, geboren, bewegt nicht erst seit ihren Romanen "Feuchtgebiete" und "Scho├čgebete" die Gem├╝ter. Beide B├╝cher wurden f├╝rs Kino verfilmt. Legend├Ąr sind ihre mit Chuzpe gef├╝hrten Star-Interviews beim Musik-TV-Sender VIVA II, die sie als kluge und humorvolle Pers├Ânlichkeit auszeichneten. Charlotte Roche lebt heute mit ihrer Familie in K├Âln.
Mehr Infos: www.charlotteroche.de

Charlotte Roche
M├Ądchen f├╝r alles

Piper, 2015, 1. Auflage
240 Seiten, Klappenbroschur
ÔéČ 14,99
ISBN-13: 978-3-492-05499-7
www.piper.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Charlotte Roche ÔÇô Feuchtgebiete

Feuchtgebiete. David Wnendts Verfilmung des Bestsellers von Charlotte Roche. Kinostart: 22. August 2013



Literatur Beitrag vom 15.11.2015 Christina Mohr 





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