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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.08.2013

Feuchtgebiete. David Wnendts Verfilmung des Bestsellers von Charlotte Roche. Kinostart: 22. August 2013
Judith Wolff

Die anvisierte Klobrille macht der "worst toilet in Scotland" aus "Trainspotting" Konkurrenz. Auch in der gleichnamigen Adaption von "Feuchtgebiete" l√§sst sich Helen gen√ľsslich nieder, um sich..



... gewissenhaft auf dem Oval herumzureiben. Reine Forschungssache ‚Äď deduktive Beweisf√ľhrung gegen die geltenden Hygienekonventionen.

Auch ohne den 2008 ver√∂ffentlichten "Skandalroman" von Charlotte Roche gelesen zu haben, wird fast jedeR eine Erwartungshaltung an die nun auf der Leinwand zu sehende Verfilmung haben. Zu allgegenw√§rtig war die aufgeladene Diskussion um das Deb√ľt der Moderatorin und Autorin, das als erstes deutschsprachiges Buch wochenlang die internationalen Verkaufsliste von "Amazon" anf√ľhrte und sich in Deutschland √ľber 2,5 Millionen mal verkaufte. Billige Provokation, geschicktes Aufsp√ľren moderner Tabus oder gro√üer feministischer Wurf? "Feuchtgebiete" war und ist ein Ph√§nomen, das nun nicht nur filmisch, sondern auch mit der Auflage zum Film des Dumont Buchverlags ein Revival erf√§hrt.

"Hobbys: Ficken und Avocadob√§ume z√ľchten"

Bald schon ist es vorbei mit Helens Feldforschung ‚Äď zumindest wird sie √∂rtlich eingeschr√§nkt: durch zu hastiges Rasieren zieht sich die von Carla Juri wundervoll gespielte Achtzehnj√§hrige eine mehr als unangenehme Analfissur zu, die sie zu einer Operation und zu einem anschlie√üenden Krankenhausaufenthalt zwingt. Aus dem Krankenbett heraus f√ľhrt Helen die ZuschauerInnen in ihr Leben ein, das neben experimentellem Ausleben sexueller Phantasien, dem Erforschen der K√∂rperlichkeit und dem Z√ľchten einer eigenen kleinen Avocadobaumfamilie vor allem durch den Wunsch nach einer echten intakten Familie bestimmt ist.

Kampf um eine heile Welt

Dabei taucht der Film immer tiefer in die Kindheit und den famili√§ren Hintergrund der Protagonistin ab: zu der Trennung ihrer Eltern, ihrer von Depressionen geplagten, suizidalen Mutter und zu Helens Vater, der indes ein ausgelassenes Leben mit einer deutlich j√ľngeren Freundin f√ľhrt. Hinter der vordergr√ľndigen Geschichte √ľber K√∂rpersekrete, Helens inniger Beziehung zu diesen und ihrem sich entfaltenden Flirt mit dem Pfleger Robin (Christoph Letowski) wird so ein famili√§res Drama sichtbar. Diesem m√∂chte Helen ein "Happy End" verpassen: die Sorge um die gemeinsame Tochter soll die Eltern wiedervereinen. Auf diese Weise will Helen ihre zerbrochene Welt kitten und emotionale Anerkennung und Liebe erfahren auch wenn die R√ľckblicke deutlich machen, dass es nie eine "heile Welt" gab.

Im Zwiespalt

Der Film wirkt auf den ersten Blick poppig und vor allem lustig. Die Leichtigkeit wird nach und nach aber von den delirischen Ausfl√ľgen in Helens Erinnerung und ihre beklemmende Familiengeschichte ged√§mpft. Sowohl Filmmusik (Enis Rotthoff) als auch Kameraf√ľhrung (Jakub Bejnarowicz) und Schnitt (Andreas Wodraschke) schaffen mit Tempiwechseln und multiplen Perspektiven immer wieder emotionale Momente, Stimmungswechsel und humorvolle Gegens√§tze. Zeitweilig gelingt es dem Film so, die ZuschauerInnen in das Geschehen zu ziehen, und doch gibt es Momente, in denen der Balanceakt, der √úbergang zwischen Komik und Tragik, nicht gelingt.

Genitalien und Körpersäfte

Die Diskussion um Roches Roman erhob Geschlechtsorgane, K√∂rper√∂ffnungen und -ausscheidungen sowie allerlei sexuelle Praktiken zu (heimlichen) Hauptfiguren. Im Film werden nun diese K√∂rperlichkeiten bebildert. M√§nnliche wie weibliche Genitalien und jedes erdenkliche K√∂rpersekret bei einer Jugendfreigabe ab sechzehn Jahren? Weniger w√§re angesichts der Bedeutung des Sexuellen und K√∂rperlichen in "Feuchtgebiete" nicht akzeptabel gewesen - mehr in einer f√ľr den Mainstream angelegten Produktion wahrscheinlich auch nicht. Das Gleichgewicht zwischen "Sex sells" und der Thematik "Sexualit√§t" bleibt dabei erhalten. Der Film traut sich, mit K√∂rperidealen und Normen des Zeigbaren zu spielen ‚Äď auch wenn die blauen Flecken auf Helens Beinen, die in Gro√üaufnahme zu sehenden Pickelchen, H√§rchen und K√∂rperfl√ľssigkeiten nicht an die Wucht der Buchvorlage herankommen. In dieser wurden bekanntlich Sch√∂nheitskonventionen bis √ľber die Ekelgrenze hinaus auf den Boden der Tatsachen gebrachte.

Schwierige Annäherung an die Vorlage

Nun bleibt der erste Referenzpunkt einer Verfilmung ihre Vorlage - gerade wenn es sich dabei um einen Roman handelt, der so f√ľr Furore gesorgt hat. Roche, die selber weder am Drehbuch noch am Set mitwirkte, gibt sich in Interviews zufrieden mit dem Ergebnis, findet weder Klamauk noch Klischeehaftes. Die teils doch stark paraphrasierten Figuren wie Robins zickige, eifers√ľchtige Ex oder der halbg√∂ttische Chefarzt, sowie das v√∂llig im Dunklen bleibende Spiel mit religi√∂ser Symbolik sto√üen der Autorin demnach nicht auf.

Trotz der Absolution der Sch√∂pferin Roche, dr√§ngen sich Fragen in Bezug auf die Adaption des Originals auf, die nat√ľrlich immer eine Interpretation erfordert. Diese Deutung ist im Film vor allem durch die Ausarbeitung der Person Helen und ihrer Familiengeschichte bestimmt. Hierdurch solle, so Regisseur und Produzent, dem angeblich unverfilmbaren Stoff ein menschliches Zentrum gegeben werden. Auf diese Weise werden Aspekte beleuchtet, die im Buch zwar angelegt aber nur angedeutet sind. So beispielsweise die Rolle der Mutter - nicht nur Helens Mutter, sondern auch das Muttersein und dessen Wirkung auf die eigene weibliche Identit√§t grunds√§tzlich. Auch die Film-Helen hat sich trotz Kinderwunsch sterilisieren lassen, um die Kette der ungl√ľcklichen weiblichen Erstgeborenen in ihrer Familie zu durchbrechen. Diese Entscheidung und die zu ihr f√ľhrenden Ereignisse pr√§gen die entfaltete Dynamik stark.

Psychologisierung oder Identifikation?

Stand die Protagonistin in Roches Roman noch stellvertretend f√ľr jede Frau, die das Verh√§ltnis zwischen sexuellen Trieben und gesellschaftlichen Normen ‚Äď ja Tabus - ausloten muss, k√∂nnte die Rezeption des Filmes dahingehen, Helens ausgepr√§gten Drang zur (eigenen) K√∂rperlichkeit auf ihren konfliktbelasteten Hintergrund abzuw√§lzen und ihr so eine Au√üenseiterinnenrolle zuzuschieben, die kontr√§r zur Jederfrau steht.
Carla Juri antwortet auf die Frage nach der zentralen Botschaft von "Feuchtgebiete", es gehe darum, dass Andersartigkeit nicht "absichtlich" sei und dass "Rebellion aus der Not" komme. Was aber hei√üt hier anders sein? Ist es nicht gerade die St√§rke von Roches Roman, aufzuzeigen, dass das, was als "anders", "abnormal" oder gar "pervers" gilt, fast jede Frau betrifft? Die Hauptfigur im Film wirkt oft wie eine gegen Regeln rebellierende Punkerin. Dabei kann leicht vergessen werden, dass "Feuchtgebiete" aufzeigte, dass wir wohl alle gegen die vielleicht nicht expliziten aber dadurch nicht weniger stark wirkenden Konventionen der Weiblichkeit versto√üen. Gerade dies war f√ľr viele LeserInnen das Befreiende und Zentrale des Romans.

AVIVA-Tipp: Anschauen und selber werten. Ob die Verfilmung einem gesellschaftlich wertvollen Beitrag zu (weiblicher) Sexualit√§t und K√∂rperlichkeit in eine "Coming of Age" - Geschichte wandelt oder die dramaturgischen Schwerpunkte den Zugang zu Helen und ihren Feuchtgebieten erleichtern, muss jedeR selbst entscheiden. Ein (Wieder-)Lesen des Romans bietet sich hierf√ľr an.

Zum Regisseur: David Wnendt, 1977 geboren, wuchs in Islamabad, Miami, Br√ľssel und im Rheinland auf. Er studierte BWL und Publizistik in Berlin, arbeitete f√ľr Theater und Fernsehproduktionen als Beleuchter, Cutter, Regie- und Produktionsassistent und absolvierte ein Filmstudium in Prag. 2004 nahm er sein Regiestudium an der Hochschule f√ľr Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg auf. Wnendt wurde 2006 f√ľr seinen Kurzfilm "California Dreams" auf dem Internationalen Kurzfilmfestival interfilm Berlin ausgezeichnet. Zuletzt realisierte der Regisseur seinen vielbeachteten und mehrfach ausgezeichneten Abschlussfilm "Kriegerin", f√ľr den er auch das Drehbuch schrieb.

Zur Hauptdarstellerin: Carla Juri, 1985 im Tessin geboren, erhielt nach Schweizer Auszeichnungen f√ľr ihre Leistungen in Haupt- und Nebenrollen ("180¬į", "D√§llebach Kari") w√§hrend der Berlinale 2013 den "European Shooting Star Award". Nun ist die viersprachige, in Los Angeles und London ausgebildete Schauspielerin erstmals als Hauptdarstellerin in einem deutschen Kinoproduktion zu sehen.

Feuchtgebiete
Deutschland 2013
Regie: David Wnendt
Produktion: Peter Rommel, Rommel Film in Koproduktion mit dem ZDF
DarstellerInnen: Carla Juri, Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse, Peri Baumeister, Edgar Selge, Harry Baer
Drehbuch: Claus Falkenberg David Wnendt nach dem Roman von Charlotte Roche
Kamera: Jakub Bejnarowicz
Szenenbild: Jenny Roesler
Kost√ľmbild: Elke von Sivers
Maske: Monika M√ľnnich, Johanna Hinsch
Ton: Paul Rischer
Musik: Enis Rotthoff
Schnitt: Andreas Wodraschke
Filmlänge: 109 Minuten
Verleih: Majestic
Kinostart: 22. August 2013
www.feuchtgebiete-film.de


Charlotte Roche
Feuchtgebiete. Filmausgabe mit Abbildungen und Interview
240 Seiten, Klappenbroschur
Dumont Buchverlag, erschienen 25.07.2013
12,00 Euro
ISBN 978-3-8321-9731-5
www.dumont-buchverlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Charlotte Roche - Feuchtgebiete

Kriegerin - ein Film von David Wnendt mit Alina Levshin und Jella Haase

Sigrun Casper (Hrsg.) - Außenseiter

Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.

(Quelle: Majestic Filmverleih)




Kultur Beitrag vom 14.08.2013 AVIVA-Redaktion 





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