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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.01.2016

J├╝discher Almanach - Grenzen. Herausgegeben von Gisela Dachs mit Fotografien von Jonas Opperskalski
Magdalena Herzog

Erneut wird der politische und gesellschaftliche Sound eines Jahres aufgegriffen: das Thema Grenzen, das momentan die Debatten polarisiert. Siebzehn sorgf├Ąltig ausgew├Ąhlte Texte betrachten...



... "Grenzen" aus religi├Âser, philosophischer, historischer, literarischer und popkultureller Perspektive.

Seitdem im vergangenen Jahr das Wissen um Millionen fl├╝chtende Menschen zu allen gesellschaftlichen Gruppierungen durchgedrungen ist, lassen sich kaum mehr Grenzen au├čerhalb der nationalen Grenz├╝berg├Ąnge und deren H├Ąrte denken.
Den im Jahr 2015 erschienenen J├╝dischen Almanach zu lesen, ist eine M├Âglichkeit, die eigenen Assoziationen zu weiten und Schnittstellen erneut als etwas Konstruktives zu erfahren.

Das Abstrakte von Grenzen

Wir Lesenden werden eingangs an den j├╝disch-religi├Âsen Kontext von Grenze erinnert, an die "fast k├Ârperlose Mauer" - den "Eruv". Diese Grenze gibt es meist nur in Gro├čst├Ądten und f├╝r Laien ist sie kaum erkennbar, denn sie besteht aus einer Stange oder einem Seil und h├Ąngt weit ├╝ber Augenh├Âhe. F├╝r religi├Âs lebende J├╝dinnen und Juden bedeutet diese Grenze eine Erleichterung der Schabbatgebote. An diesem Tag d├╝rfen Gegenst├Ąnde nicht von einem privaten Bereich in einen ├Âffentlichen getragen werden, denn dies w├╝rde eine Grenz├╝berschreitung bedeuten. Der Eruv schafft einen privaten innerhalb eines ├Âffentlichen Bereichs, erweitert gewisserma├čen den eigenen Wohnraum und so ist es innerhalb dieser Grenzen erlaubt, Gegenst├Ąnde zu tragen. Es entsteht der sogenannte "magic shlepping circle".

Die Politologin Astrid von Busekist zeigt mit ihrem Text das Spannungsverh├Ąltnis auf, in dem das Transzendente oder das Abstrakte mit praktischen Alltagsfragen bei einer religi├Âsen Lebensf├╝hrung stehen und auch, wie praxisbezogen die Antwort auf die Anforderungen halachischer Ge- und Verbote im Judentum sind. Der Text ist unterschrieben mit dem Satz "nicht alle Grenzen trennen uns" und leitet ├╝ber zu allgemeinen ├ťberlegungen des Dichters Zali Gurevitch, der Grenzen unter anderem als etwas beschreibt, um die sich die "intensivsten Treffen, die interessantesten Gespr├Ąche, die politische und kulturelle Spannung drehen". Der Text erinnert daran, dass die eigenen und die Grenzen anderer tats├Ąchlich ein produktives und stimulierendes Moment enthalten k├Ânnen.

Grenzen, die grausam sind

Der thematisch zweite Teil des Almanachs widmet sich inhaltlich dem Kaiserreich und der Shoah. Es geht verst├Ąrkt um die Rolle des Reisepasses und damit stets um die Frage nach der Staatsb├╝rgerschaft und dem Anderen, dem Fremden. Ein Gegenbeispiel ist wie so oft die Bukowina am Rand der Habsburgermonarchie, in dem eine multiethnische Bev├Âlkerung in einer anderen Dynamik lebte als das polare Wir und die Anderen, und die j├╝dische Bev├Âlkerung nicht ohne Zufall in diesem Kontext weitestgehend unbeschadet leben und eine kulturelle Bl├╝te entwickeln konnte. Zwei weitere Texte zu Grenzen in Emigrationsberichten und die Bedeutung illegaler Flucht im Kontext der NS-Zeit stellen einerseits eine besondere Perspektive auf das Thema dar, andererseits w├Ąre es ├╝berraschender gewesen, andere Kontexte von Flucht in der j├╝dischen Geschichte zu beleuchten, wie beispielweise die der Juden aus den arabischen L├Ąndern oder die der ├Ąthiopischen Juden nach Israel. Sprachlich und inhaltlich scheint in diesem Teil der Essay von Natan Sznaider hervor. Pointiert analysiert er das ebenfalls spannungsgeladene Feld "Exil und Diaspora" in seiner abstrakten und realpolitischen Dimension und es gelingt ihm, neben dem erneuten Aufzeigen des Paradoxon der europ├Ąischen Moderne und der j├╝dischen Geschichte eine Verbindung zu Entwicklung des gegenw├Ąrtigen Europas zu schlagen.

Die Grenzen der Hochkultur

Der letzte und gr├Â├čte Teil der Aufsatzsammlung widmet sich vorwiegend zeitgen├Âssischen Themen. Mit Abstand thematisch am innovativsten und unterhaltsamsten ausgew├Ąhlt ist der Artikel des Schriftstellers und Journalisten Julian Voloj. Er f├╝hrt die Leser/innen in die Geschichte des US-Amerikanischen Comics und den Kampf zwischen Hoch- und Popkultur ein. Und in die damit einhergehende Geschichte, wie J├╝dinnen und Juden aus der Werbebranche ausgegrenzt wurden und sich ein anderes Bet├Ątigungsfeld suchen mussten um zu ├╝berleben und, um anerkannte B├╝rger/innen der Mittelklasse zu werden. 1938 kreierten die beiden Einwandererkinder aus Litauen und den Niederlanden Jerry Siegel und Joe Shuster den Archetyp der USA: den Helden Superman. Ber├╝hmt vertont wurde der Held 1977 von Barbra Streisand. Siegel und Shuster wurden mit ihrem Helden nicht nur wohlhabend und ber├╝hmt, sondern sie pr├Ągten einen entscheidenden Teil der US-Amerikanischen Kultur. Sie erlangten also genau den pers├Ânlichen Erfolg und die Gesellschaftliche Stellung, die ihnen versagt werden sollte.


AVIVA-Tipp: Der J├╝dische Almanach 2015 besticht durch kompakt geschriebene und sehr zu gut lesende Aufs├Ątze und Romanausz├╝ge renommierter Wissenschaftler_innen und Autor_innen. Religi├Âse Kontexte stehen neben literarischen und historischen Dimensionen von Grenzerfahrungen.
So wertvoll jeder Text f├╝r sich selbst ist, so bedauerlich ist die geografische und historische Engf├╝hrung der ausgew├Ąhlten Themenbeispiele: so werden Flucht und Immigration ausschlie├člich im Kontext der Shoah besprochen und nur Erfahrungen in Europa, Israel und den USA finden in dem Buch ihren Widerhall.
Auch in diesem Jahr werden die unterschiedlichen Blicke auf das ausgew├Ąhlte Thema mit Fotografien erg├Ąnzt. Die Arbeiten des israelischen K├╝nstlers Jonas Opperskalski stehen leider ohne n├Ąhere Informationen neben den Texten, wodurch ihnen eher ein illustrierender Charakter zukommt als der eines inhaltlichen Beitrags. Trotz allem bleibt der Almanach eine Textsammlung, die verdichtet ein Thema beleuchten, das oftmals nur in akadamisch geschrieben Texten verhandelt wird.


Zur Herausgeberin: Gisela Dachs, geboren 1963, ist Autorin und Journalistin. Von 1987 bis 1989 war sie Auslandsredakteurin der franz├Âsischen Tageszeitung Lib├ęration. Seit 1990 ist sie Korrespondentin f├╝r Die Zeit und seit 2014 ebenfalls f├╝r die NZZ am Sonntag. Au├čerdem sind ihre Artikel regelm├Ą├čig im j├╝dischen Monatsmagazin Aufbau, der schweizerischen j├╝dischen Wochenzeitung tachles und dem ├Âsterreichischen Magazin Wina zu lesen.
Ihre Artikel und Monografien behandeln die gegenw├Ąrtige politische Lage in Israel, das israelisch-pal├Ąstinensische Verh├Ąltnis sowie die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Ihre wichtigsten Schriften sind: "Getrennte Welten. Israelische und pal├Ąstinensische Lebensgeschichten", Basel 1998, "Deutsche, Israelis und Pal├Ąstinenser. Ein schwieriges Verh├Ąltnis", Heidelberg 1999, "Deutsch-israelische Beziehungen. Eine Zwischenbilanz", M├╝nchen 2009.
Neben der Herausgeberinnenschaft des J├╝dischen Almanachs arbeitet Dachs als Referentin f├╝r die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Bundeszentrale f├╝r politische Bildung, ist seit 2009 Lehrbeauftragte an der "Sammy Ofer School of Communications" in Herzlia, Israel, sowie regelm├Ą├čige Interviewpartnerin zum Thema Nahost, unter anderem f├╝r den Deutschlandfunk.
Sie lebt in Tel Aviv.

Zum Fotografen: Jonas Opperskalski wurde 1988 in Kaufbeuren in Bayern geboren. Er absolvierte ein Studium an der Danish Schools of Media and Journalism in Aarhus und an der University of Applied Sciences in M├╝nchen. Seine Arbeiten werden in unterschiedlichen Magazinen wie Der Spiegel, Neon, Die Zeit, NZZ, taz, Revue, Fr├Ąulein, und zenith abgebildet. Er lebt in Tel Aviv.


J├╝discher Almanach - Grenzen
Herausgegeben von Gisela Dach im Auftrag des Leo Baeck Instituts Jerusalem. Fotografien von Jonas Opperskalski
Mit Beitr├Ągen von Astrid von Busekist, Noah Efron, Zali Gurevich, Peter Jungh, David Newman, Dorit Rabinyian, Natan Sznaider und vielen anderen.
J├╝discher Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen Oktober 2015
Broschur, 208 Seiten Seiten
978-3-633-54273-4
16,95 Euro
www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

J├╝discher Almanach - Begegnungen (2014) Jede von uns wird durch ihre Umgebung und die Menschen, denen sie t├Ąglich begegnet, gepr├Ągt. Das j├╝dische Jahrbuch, herausgegeben von den Leo Baeck Instituten, widmet sich dieser Vielfalt von Begegnungen.

J├╝discher Almanach - Frauen 2006 widmet sich das vom Leo Baeck Institut herausgegebene Jahrbuch dem Thema Frauen. Von der jiddischen Mame bis zur Jewish American Princess ist alles dabei.

Ged├Ąchtnisraum Europa - Natan Sznaider (2008) Professor Natan Sznaider diskutiert Visionen des europ├Ąischen Kosmopolitismus und kritisiert den Diskurs europ├Ąischer Intellektueller, da diese die Zukunft Europas meist ohne Juden denken.

Weitere Infos unter:

J├╝dische Almanache des Leo Baeck Institute (1993-2014):

www.lbi.org

Zur Arbeit von Jonas Opperskalski:
www.jonasopperskalski.com/the-12-million



Literatur Beitrag vom 18.01.2016 Magdalena Herzog 





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