Lamya Kaddor - Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Auszeichnung als Das politische Buch 2016. Preisverleihung am 10. Mai 2016 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 15.02.2016


Lamya Kaddor - Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Auszeichnung als Das politische Buch 2016. Preisverleihung am 10. Mai 2016
Yvonne de Andrés

Die Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin unterrichtet in Dinslaken muslimische Schüler_innen in Islamkunde. In ihrem Buch beschreibt sie, wie Salafisten gezielt Jugendliche aus Deutschland als Soldat_innen für den Dschihad anwerben. Fünf ihrer ehemaligen Schüler_innen gingen nach Syrien. Worin liegt die Faszination? Warum haben die "Verführer" so oft Erfolg?




"Wir müssen den Salafismus bekämpfen. Er ist Gift für die Gesellschaft. Diese Aufforderung geht an uns alle – auch an die Muslime. Niemand von uns sollte sich dem falschen Glauben hingeben, die Salafisten seien für Muslime weniger gefährlich. Oder wir befänden uns gar in einer gemeinsamen Opfergemeinschaft" so die islamische Religionslehrerin Lamya Kaddor.

Der Salafismus in Deutschland hat viele Gesichter. Keines davon ist Vertrauen einflößend. Die Autorin beschreibt sehr präzise, wie die Szene der Salafisten gewachsen und warum sie so gefährlich ist. Sie thematisiert die Hintergründe von Radikalisierung, das Vorgehen der "Menschenfänger" und was die Attraktivität für junge Menschen ausmacht. Ihre Erkenntnisse zieht sie zum Teil aus eigener Anschauung im Stadtteil Dinslaken-Lohberg, einer unrühmlichen Hochburg der Salafisten. Sie erklärt, dass: "eine Sinnstiftung scheint für manche muslimische Jugendliche besonders gut durch oder mit dem Salafismus möglich". Und weiter "Wenn sie die Rebellion suchen, finden sie sie dort. Salafismus ist für die meisten Anhänger [...] vor allem auch eine Jugendprotestbewegung, mehr jedenfalls als eine religiöse Erweckungsbewegung, für die sie oft gehalten wird."

Kaddor versteht sich dabei nicht als Salafismusexpertin. Für sie ist es wichtig, dieses "Phänomen zu begreifen" und sich dem Problem zu stellen. Dabei geht die Autorin auf einzelne Aspekte ein, die Rolle der "Rekruten", der "Konvertiten" oder die "Rolle der Frau im Dschihad." So beschreibt die Autorin, wie sich junge Frauen aus meist traditionell religiösen Familien von der "Dschihad-Romantik" verführen lassen: "Bei jungen Frauen, die nach Syrien gegangen sind, kann man die Sehnsucht nach einem starken Mann, einem heroischen Kämpfer, erkennen, der in der Lage ist, sie zu beschützen, und von dessen Ansehen auch ein wenig Glanz auf sie als seine Ehefrau abfällt"

Lamya Kaddor hat es als persönliche Niederlage erlebt, dass fünf ihrer Schüler_innen sich dem islamischen Terrorgruppen in Syrien anschlossen. Vier der ehemaligen Schüler_innen sind wieder zurückgekommen. Daher sind die praktisch angelegten Kapitel, die sich mit den Fragestellung beschäftigen "Was kann die Gesellschaft tun?" und "Was kann die muslimische Community tun?" besonders spannend und bieten viele Anregungen. "Ein typisches Merkmal für radikalisierte junge Leute, die in die Salafistenszene geraten, ist ein sehr mangelhaftes Islamwissen", sagt Kaddor. Daher ist sind Themen wie die "Religionsvermittlung in den Moscheegemeinden", "Muslime in Deutschland – Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit", "Plädoyer für mehr innerislamische Auseinandersetzung" von großer Bedeutung für die Community und unsere Gesellschaft. "Es muss auch als Aufgabe der Muslime selbst gesehen werden, ihren Beitrag zu leisten, damit sie ihre eigenen Kinder nicht verlieren." Weiterführend bietet das Buch Kontaktadressen, Beratungs- und Anlaufstellen an. Sehr anschaulich ist das abgedruckte "Missionierungsgespräch im Internet".

Zur Autorin: Lamya Kaddor wurde 1978 in Ahlen in NRW als Tochter syrischer Eltern geboren. Sie ist Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin verschiedener Sachbücher. Unter anderem: "Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam" (2010) oder "Islam. Geschichte, Glaube und Gesellschaft" (2012) und zusammen mit Michael Rubinstein "So fremd und doch so nah. Juden und Muslime in Deutschland" (2015). Sie ist erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen-Bundes.
Im Februar 2016 erhielt sie für ihre "nachhaltige und erfolgreiche Integrationsleistung" für eine "dogmafreie zeitgemäße Auslegung religiöser Schriften wie des Koran sowie für eine umfassende Geschlechtergerechtigkeit" (...) den Integrationspreis 2016 der Stiftung Apfelbaum.
Die Friedrich Ebert Stiftung zeichnet das Buch von Lamya Kaddor "Zum Töten bereit" mit dem Preis "Das politische Buch 2016" aus. Der Preis gehört zu den wichtigsten Sachbuchpreisen im deutschen Sprachraum und ist mit 10.000 Euro dotiert. Er wird am 10. Mai 2016 im Rahmen eines Festakts in Berlin überreicht.
Mehr Infos unter: www.fes.de

Mehr Infos zu Lamya Kaddor auf ihrer Homepage: lamyakaddor.jimdo.com

AVIVA-Tipp: "Ich schreibe dieses Buch, weil ich junge Menschen kennengelernt und zeitweise begleitet habe, die sich haben verführen lassen. [...] Ich habe mit Jungen wie Mädchen gesprochen, die in den selbst ausgerufenen Dschihad gezogen sind und wiederkamen oder hier dafür werben. Und ich kenne mich als Islamwissenschaftlerin mit jener Religion aus, die hier von Extremisten benutzt wird". Lamya Kaddor klärt auf, erläutert Zusammenhänge und Kontexte und fordert Deutsche und die muslimische Community dazu auf, sich dem Salafismus dezidiert mit Aufklärung und den Mitteln des Rechtstaates entgegenzustellen. Sehr lesenswert.

Lamya Kaddor
Zum Töten bereit - Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen

Piper Verlag München, Klappbroschur, 256 Seiten
14,99 Euro [D], 15,50 Euro [A]
Piper Verlag München, erschienen am 6. Februar 2015
ISBN: 978-3-492-05703-5
www.piper.de

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Die in Moskau geborene Autorin von "Ich werd sowieso Rapper. Erfahrungen einer gut gelaunten Lehrerin" unterrichtet in einer Sekundarschule und schreibt über ihren Berufsalltag und ihre (jüdische) Migrationsgeschichte. Lea Feynberg - Sie und ich. Wir sind King
Ein Beitrag im Rahmen des AVIVA-Projekts "Schalom Aleikum".





Literatur

Beitrag vom 15.02.2016

Yvonne de Andrés 






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