Joanna Bator - Dunkel, fast Nacht - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 15.05.2016


Joanna Bator - Dunkel, fast Nacht
Bärbel Gerdes

Wie der Titel schon verrät, handelt es sich bei Joanna Bators neuen Roman um ein düsteres Buch. Virtuos erzählt die polnische Schriftstellerin die Geschichte zweier Schwestern, einer kaputten Gesellschaft und die der Katzenfrauen.




Sie kann es einfach! Schon mit ihren mehrfach ausgezeichneten Romanen Sandberg und Wolkenfern bewies Joanna Bator zu welch erzählerischen Höhen sie in der Lage ist, wie mühelos sie die bunten Fäden ihrer Romane aufnehmen und miteinander verknüpfen kann und auf welch fantasievolle, ja, magisch-realistische Weise sie gesellschaftliche Stimmungen und Situationen erwecken kann.

Ihr im Frühjahr 2016 ins Deutsche übersetzter Roman Dunkel, fast Nacht gewann in Polen die höchste literarische Auszeichnung, den Nike-Preis. Ciemno, prawie noc, so heißt er im Original, hat Bator fast vollständig in Japan geschrieben. Vier Jahre hat sie dort gelebt, ihr Lieblingsautor ist Hariki Murakami, und das scheint auch in diesem Roman durch, in dem der Vater der Protagonistin in einem Schloss in unterirdischen Stollen vergeblich nach dem Schatz einer Fürstin Daisy sucht und in dem es Katzenfresser und Ektoplasma gibt.

Alicja Tabor, eine Journalistin, berichtet uns von der Rückkehr in ihre Heimatstadt, die sie vor langer Zeit fast fluchtartig verlassen hatte. Drei Kinder sind in diesem Ort verschwunden, und es scheint, dass nicht viel Mühe darauf verwendet wird, sie wiederzufinden. Doch gleich beim Betreten des seit Jahren leerstehenden Hauses ihres Vaters überfällt Alicja die Erinnerung: alles ist düster und unheimlich und immer stärker schieben sich die Traumata ihrer Kindheit in den Vordergrund, zuallererst in Gestalt ihrer älteren Schwester Ewa, von der sie liebevoll Kamelin genannt wurde und die sich das Leben genommen hat. Immer besser versteht Alicja den Grund dafür und ist entsetzt über die Vielschichtigkeit ihrer Entdeckungen. "Ich war nicht hergekommen, um meine Schwester zu beweinen, denn das würde ich ohnehin bis an mein Lebensende tun. Ich war zurückgekommen, um zu verstehen, was geschehen war."

Joanna Bator macht es der Leserin nicht einfach: dem entsetzlichen Verbrechen an das Mädchen stellt sie das entsetzliche Verbrechen an die Täterin gegenüber und überlässt es uns, darüber nach zu denken oder sogar darüber zu urteilen.

Die Autorin bildet eine Gesellschaft ab, die nur allzu gerne nach schnellen Lösungen sucht, indem sie Menschen ausgrenzt und verurteilt und die ebenso bereitwillig ist, sich auf selbsternannte Propheten oder Erlöser einzulassen.

Wie ihre vorigen Romane so spielt auch dieses Buch im früheren Schlesien, dem Ort Walbrzych, das ehemalige Waldenburg, das auch Bators Geburtsort ist. Polnisch-deutsche Geschichte trifft hier aufeinander, individuelle Traumata, so es denn überhaupt solche gibt, treffen auf gesellschaftliche.
Sie sei an Mikroerzählungen interessiert, sagt Joanna Bator, die große Geschichte interessiere sie nicht. Und so nimmt sie uns mit in den unheimlichen Garten, wo die Protagonistin mit Hans, dem Teddybären aus der DDR, Schutz vor der geisteskranken Mutter sucht oder zu der transsexuellen Bibliothekarin, die die erwachsene Alicja bei ihrer Suche unterstützt.
Und sie nimmt uns mit in die Welt des Internets mit seinen Hasstiraden und seiner sprachlichen Verrohung.

Bators Roman ist düster, doch auch überbordend von Fantasie. Es ist beeindruckend, mit welcher Sprachmacht sie schreibt, wie sie es schafft, dennoch Ironie und selbst Humor in dunkelste Kapitel einzuarbeiten. In einem Interview äußerte Bator sich so: "Ich habe immer geglaubt und glaube immer noch, dass das Einzige, was uns in einer besonders schlimmen Situation, in einer persönlichen oder globalen Katastrophe übrigbleibt, die Möglichkeit ist, die eigene Geschichte neu zu erzählen."

AVIVA-Tipp: Krimi? Drama? Auf jeden Fall wieder ein sehr packender und lesenswerter Roman der polnischen Autorin.

Zur Autorin: Joanna Bator, geboren 1968 in Polen, studierte Kulturwissenschaften und Philosophie in Woclaw und publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften. Für ihre Reportage Japonski wachlarz (Der japanische Fächer) erhielt sie 2005 den Beata-Pawlak-Preis. Für ihren Roman Sandberg, der auch in Deutschland ein großer Erfolg wurde, wurde sie mit dem Preis der Gesellschaft der polnischen Buchverlage ausgezeichnet. 2013 erhielt sie für Ciemno, prawie noc den Nike-Literaturpreis. Für ihren Roman Dunkel, fast Nacht stand Joanna Bator gemeinsam mit Lisa Palmes auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt 2016.
Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

Zur Übersetzerin: Lisa Palmes ist Polonistin und Germanistin und hat zahlreiche Werke aus dem Polnischen übersetzt, u.a. von Mariusz Czubaj und Lidia Ostałowska. Sie arbeitete an der Humboldt-Universität und lebt heute als freie Übersetzerin in ihrer Wahlheimat Berlin.
lisapalmes.de

Joanna Bator
Dunkel, fast Nacht

Originaltitel: Ciemno, prawie noc im Verlag W.A.B., Warschau
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Suhrkamp Verlag, erschienen am 7.3.2016
511 Seiten, gebunden, auch als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-518-42497-1
24,95 Euro
Mehr Infos zum Buch und zur Autorin unter:
www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin

Joanna Bator – Wolkenfern
Mit ihrem Roman um zwei starke Frauen entfaltet die mehrfach ausgezeichnete polnische Autorin ("Sandberg") erneut ihr erzählerisches und kompositorisches Können. Virtuos übersetzt von Esther Kinsky (2013)



Literatur

Beitrag vom 15.05.2016

Bärbel Gerdes 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur